Was können wir von Michelangelo lernen?

Als Schiedsrichter üben wir eine sehr spezielle Aufgabe aus, bleiben jedoch immer auch Teil des Gemeinwesens. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich bisweilen grundsätzliche Überlegungen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen nahezu eins zu eins auf Problematiken in der Schiedsrichterei übertragen lassen. Heute möchte ich der Frage nachgehen: Was können wir von Michelangelo lernen?

Auch wenn zu Lebzeiten von Michelangelo noch nicht Handball gespielt wurde, bietet die nachfolgende Anekdote viele Anknüpfungspunkte, die sich dazu eignen, den Schwierigkeiten einer erfolgreichen Spielleitung auf den Grund zu gehen. Eines Tages fragte der Papst Michelangelo: „Verrate mir das Geheimnis deines Genies. Wie hast du die Statue von David erschaffen – dieses Meisterwerk aller Meisterwerke?” – Michelangelos Antwort: „Ganz einfach. Ich entfernte alles, was nicht David ist.”

Was bedeutet das für unsere Aufgabe?

Wenn wir gefragt werden, was eine erfolgreiche Spielleitung ausmacht oder ausgemacht hat, tun wir uns mit einer Antwort üblicherweise schwer – wir wissen es nicht mit Sicherheit. Was wir aber erklären können, sind die Dinge, die eine erfolgreiche Spielleitung verhindern oder gar zerstören. So simpel und fundamental diese Erkenntnis auch daherkommt, sie spiegelt seit Jahrtausenden den Alltag der Menschen wider. Das Wissen darum, was nicht zu tun ist, haben wir wesentlich stärker verinnerlicht als das Wissen um das, was zu tun ist.

Um im Beispiel unseres Kunstgenies zu bleiben: Wir handeln klüger, wenn wir uns nicht auf die perfekten Elemente eines Spiels konzentrieren, sondern auf alles, was mit Handball nichts zu tun hat – und dies müssen wir konsequent unterbinden. Eine daraus abgeleitete provokante Handlungsanweisung könnte lauten: „Pfeift alles, was mit Handball nichts zu tun hat, dann stellt sich der Erfolg von alleine ein!“

Ist das Regelwerk eine Karte der „Via Negativa“?

Bereits die Griechen und Römer kannten das vorstehend beschriebene Denkmodell und nannten es „Via Negativa“, d. h. den negativen Weg, den Weg des Verzichts, des Weglassens, des Reduzierens. Ein Blick in die aktuelle Fassung der IHF-Regeln zeigt, dass es darin Ausführungen gibt, die diesem Modell entgegenkommen. Immer dann, wenn wir auf Passagen wie „… es ist nicht erlaubt …“, „… es ist verboten …“ oder „… ist zu bestrafen mit ...“ treffen, befinden wir uns auf der Straße der Negativabgrenzung.

Andererseits haben Regelwerke vielfach auch etwas positiv Beschreibendes. Begriffe wie „erlaubt“, „dürfen“ oder „können“ stehen in Textpassagen, in denen eine positive Betrachtung stattfindet. Uns wird vermittelt, wie das Spiel in diesen Punkten idealerweise sein soll. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch weite Teile der IHF-Erläuterungen oder des Auswechselraumreglements für diese positive Sichtweise stehen.

Auch wenn Regel 8 (Regelwidrigkeiten und unsportliches Verhalten) als eine der zentralen Bestimmungen des Regelwerks mit der Regeländerung 2010 ein neues Gesicht erhalten hat (weg von regelwidrigen Verhaltensbeispielen – hin zu Merkmalen und Kriterien von regelwidrigem Verhalten), beschreibt sie dennoch weiterhin nahezu ausschließlich das Negative, das Spiel zerstörende Verhalten der Spieler. All das, was im Verhalten dem Gegner gegenüber „nicht Handball“ ist und gepfiffen werden muss. Dabei wird durch die Vorteilsregelungen (Regel 13:2 und 14:2) einer schädlichen absolutistischen und unflexiblen Anwendung entgegengewirkt.

Wir können das IHF-Regelwerk also auch als eine Straßenkarte verstehen, in der die „Via Negativa“ enthalten, aber nicht alleiniger Bestandteil ist. Diese Erkenntnis wird sicher auch die Theoretiker versöhnen, die mit diesem Denkmodell ihre liebe Mühe haben. Den Praktikern unter uns wird im Gegensatz dazu spaßeshalber nachgesagt, sogar die Schlaglöcher in der „Via Negativa“ zu kennen.

Wem das alles zu antik ist, … 

für den möchte ich eine Aussage des legendären Gurus der Investitionsbranche Warren Buffet (86 Jahre alt und ca. 66 Mrd. $ schwer) zitieren. Über sich und seinen Partner Charles Munger hat er geschrieben:

„Wir haben nicht gelernt, schwierige Probleme im Geschäftsleben zu lösen. Was wir gelernt haben, ist, sie zu vermeiden.” Übertragen auf unsere Aufgabe könnte demnach die Aussage eines Spitzenschiedsrichterteams lauten:

„Wir haben nicht gelernt, schwierige Spiele zu leiten. Wir haben gelernt, diese Schwierigkeiten zu vermeiden.“