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Vom Ball an die Pfeife: Der „Seitenwechsel" des früheren Erstligatorwarts Jens Vortmann, der wenige Monate nach seinem Karriereende als Schiedsrichter in die Handballhalle zurückkehrte, sorgte im März für Schlagzeilen. „Ich glaube, das Torhüterspiel hilft mir jetzt, denn ich habe das Spiel aus einer ähnlichen Perspektive wie der Torschiedsrichter verfolgt", erklärte der 37-Jährige damals im Interview.
Und auch, wenn bei diesem Satz ein Schmunzeln dabei war, steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit drin. „Ein wichtiger Punkt ist, unsere Schiedsrichter:innen in Zukunft auch handballerisch gut auszubilden", betonte Jutta Ehrmann, Leiterin des Schiedsrichterwesens im Deutschen Handballbund, bereits 2021. „Das bedeutet nicht, dass sie auf höchstem Niveau Handball spielen können sollten, aber alle müssen das Spiel in der Theorie besser verstehen, um es besser leiten zu können."
Das Spielverständnis sei „ein Baustein, wo sich die Spreu vom Weizen trennt", formulierte es Ehrmann klar und deutlich. „Wenn ein Schiedsrichterteam über ein hohes Spielverständnis verfügt und dann noch eine hohe Empathie dazukommt, mit den Beteiligten auf sozialer Ebene umzugehen, wird es diesem Team immer einfacher fallen als ‚Regelpäpsten', die zwar jede Regel kennen, aber nicht das Geschick haben, diese auch clever anzuwenden."
Auch Nils Blümel, Schiedsrichtersprecher des Elitekaders und der neue Gespannpartner von Vortmann, unterstrich die Bedeutung. „Die Regeln theoretisch zu lernen und praktisch anzuwenden, sind zwei Paar verschiedene Schuhe", sagte er rückblickend auf den ersten Einsatz mit Vortmann. „Natürlich habe ich gemerkt, dass Jens vorher noch nicht gepfiffen hat, aber er hat einen riesigen Vorteil: sein Spielverständnis."
Während Vortmann erst im letzten Herbst seine Schiedsrichterausbildung absolvierte, pfiff der frühere Zweitligaspieler Julian Lauenroth (u. a. VfL Lübeck-Schwartau) bereits parallel zu seiner aktiven Karriere als Spieler – zumindest im Landesverband. Nach seinem Karriereende als Spieler stieg er an der Seite von Arne Surrow im Drittligakader ein.
„Wenn man den Spielgedanken verstanden hat und über ein gutes Taktikwissen verfügt, hat man daher tatsächlich einen Vorteil", sagte auch Lauenroth 2022 im Interview, als er über seine zweite Karriere im Handball sprach. „Das Regelbuch zu erlernen, kann jeder, aber am Ende kommt es eben nicht nur darauf an, die Regeln zu kennen, sondern auf die Fähigkeit, sie auf das Spiel anpassen zu können und mit ihrer Anwendung dem Spiel gerecht zu werden."
Die Vorteile, ehemalige Spieler*innen gezielt an die Pfeife zu holen, bestreitet niemand. Ein wichtiger Faktor dürfte dabei jedoch eine niedrige Hürde sein, denn gerade, wer am Ball höherklassig unterwegs war, will als Schiedsrichter lieber schnell auf dieses Niveau statt sich den normalen Weg durch E-Jugend und Kreisklasse der Männer nach oben zu kämpfen.
Mit seiner „Gamechanger-Ausbildung" trägt der HV Niedersachsen-Bremen genau diesen Ambitionen Rechnung. „Diese innovative und niedrigschwellige Quereinsteiger-Ausbildung richtet sich speziell an erfahrene Spielerinnen, Spieler sowie Trainerinnen und Trainer, die ihre Perspektive auf das Spiel erweitern und sich eine Karriere an der Pfeife aufbauen wollen", wirbt der große Landesverband. „Nach erfolgreichem Abschluss werden alle Absolventinnen und Absolventen direkt in den HVNB-Kader aufgenommen."
Umfang und Aufbau des Ausbildungslehrgangs sind festgeschrieben, doch „jeder Gamechanger wird durch erfahrene Bundesliga-Schiedsrichter wie Steven Heine und Jannik Otto betreut", so der HVNB. Nach dem Präsenzlehrgang Ende Juni inkl. Prüfung sollen die Gamechanger Erfahrungen bei Testspielen und Turnieren sammeln. „In der Hinrunde stehen vor allem Einsätze in der Verbands- und Oberliga der Senioren sowie in der Jugend-Regionalliga an", heißt es in der Ausschreibung. „Wer sich bewährt, kann in der Rückrunde bereits in der Senioren-Regionalliga pfeifen."
Mit mindestens einem Jahr Erfahrung als Spielerin oder Trainerin in der A-Jugend- oder Senioren-Oberliga (oder einer höheren Liga) sowie einem Mindestalter von 18 Jahren ist die Eintrittsschwelle bewusst niedrig. „Das Projekt ist auf Verbandsebene einzigartig", zitiert der Verband seinen DHB-Schiedsrichter Jannik Otto. „Alle Beteiligten können voneinander lernen. Letztendlich profitiert der gesamte Sport."
Wer den Leistungsanspruch an der Pfeife gar nicht hat, kann auch dem Weg von Dominik Klein folgen - der Weltmeister von 2007 pfeift seit zwei Jahren im Kinderhandball für seinen Heimatverein TSV Schleißheim. „Unser Verein braucht jeden Schiedsrichter, um das vorgegebene Soll zu erfüllen", begründete er die Entscheidung am ‚Tag des Schiedsrichters' im November 2023. „Und wenn ich im Kinderhandball Spiele übernehme, entlastet das auch unsere höheren Schiedsrichter, weil sie dort nicht mehr hinmüssen oder das Gespann nicht gesplittet werden muss."
Dass frühere (Profi-)Spieler zur Pfeife greifen, ist trotz der Beispiele von Vortmann, Lauenroth und Klein noch eine Seltenheit. „Dabei wäre es so einfach, denn oft ist der Schiedsrichterschein Bestandteil der Trainerlizenz, die viele ehemalige Spieler ja absolvieren", stellte Klein im vergangenen Jahr fest und erklärte: „Ich hoffe, dass sich vielleicht der ein oder andere findet, der auch zur Pfeife greifen will."