Cesnik und Konrad (Foto: IMAGO/wolf-sportfoto)

Mantra, Mantra ...

Sie geben Sicherheit und helfen dabei, den Fokus wiederzufinden: Gute Leitsätze können Schiedsrichter*innen auf dem Feld unterstützen. Die Bundesliga-Referees Marvin Cesnik und Jonas Konrad erzählen von der Entstehenden ihres Mantras und haben sich Gedanken gemacht, worauf es bei solchen Merksätzen ankommt ...

Es war in ihrem zweiten Jahr im Bundesligakader, als Marvin Cesnik und Jonas Konrad in einem Coaching über den Satz stolperten, der sie seitdem begleitet. „Wir haben wir uns damals unheimlich schwer getan“, erinnert sich Cesnik an die für sie harte Saison. „Wir waren nicht zufrieden mit uns, konnten unseren Leistungsanspruch an uns selbst nicht erfüllen und auch die Vereine waren oft nicht zufrieden mit uns.“

In der Analyse stellten die beiden Freunde fest, dass sie auf dem Spielfeld zu viel über jeden Pfiff nachdachten. „Statt die einfache Entscheidung zu treffen, die jeder sieht, haben wir immer versucht, die absolut richtige Entscheidung zu treffen“, beschreibt Konrad. Nach einem Einsatz in Hüttenberg thematisierte Thorsten Zacharias genau dieses Problem in einem Coaching – und sagte irgendwann zu dem Duo: „Macht es euch nicht so kompliziert: Sehen – pfeifen!“

Auf der Rückfahrt ließ dieser Satz das Schiedsrichterteam nicht mehr los. „Wir haben lange über diesen Satz diskutiert und gesagt, dass wir es uns im nächsten Spiel als Motto vornehmen“, sagt Konrad. „Dabei war die Absprache, uns auch bei schlechten Entscheidungen gegenseitig mit diesem Satz über das Headset wieder zu fokussieren.“

Mit Erfolg: Das Mantra ‚Sehen – pfeifen‘ half den beiden jungen Unparteiischen damals auf dem Feld, ihre Leistungen wurden nach und nach immer stabiler. 2023 gelang mit dem Aufstieg in den Elite-Anschlusskader der nächste große Karriereschritt. „Der Satz erinnert uns daran, dass das Schiedsrichtersein – in der Theorie – eigentlich ganz einfach ist: Das sehen, was jeder in der Halle wahrnimmt und dabei die Balance zwischen den Mannschaften halten“, fasst Cesnik zusammen. „Einfach gesagt ist es nämlich genau das: Sehen und pfeifen!

Dass der Satz nicht berücksichtigt, wie komplex die Entscheidungen sind, wissen beide. „Leitsätze sind wie Leitplanken, die eine Richtung bestimmen können, die aber auch Spielraum geben – und geben müssen –, um für die jeweilige Situation das bestmögliche herauszuholen“, formuliert es Konrad. „Mantras und Rituale sind für die Schiedsrichter ebenso wie für die Spieler Tricks, um sich selbst zu fokussieren.“ 

Leit- bzw. Merksätze können auf dem Spielfeld – so nicht nur die Erfahrung von Cesnik und Konrad – Sicherheit geben. Auf Zwang einen Leitsatz zu entwickeln, halten die beiden jedoch auch für falsch. „Es geht natürlich auch ohne“, gibt Konrad unumwunden zu, „aber wir glauben, man sollte sich als Gespann trotzdem damit auseinandersetzen, wie man auf der Platte wirken möchte - und dabei kann es helfen, das, was man als Schiedsrichter sein will, auf einen kurzen Satz herunterzubrechen, damit man sich im Spiel immer wieder daran erinnern kann bzw. auch mental damit eine Fehlentscheidung abhaken kann.“

Ein Mantra könne „helfen, sich kurzzeitig vor negativen Gedanken im Spiel zu schützen, da die nächste Entscheidung unmittelbar bevorsteht“, sagt auch Cesnik. „Denn verharrt ein Schiedsrichter zu lange bei der letzten Entscheidung – egal, ob richtig oder falsch – gefährdet das die Qualität der bevorstehenden Entscheidung.“ Ein Leitsatz könne, fasst Konrad zusammen, „positive Entscheidungen verstärken, als auch negative Entscheidungen für den Kopf besser verarbeitbar machen.“ 

Auch das deutsche Top-Gespann Robert Schulze und Tobias Tönnies arbeitet auf dem Spielfeld mit kurzen Sätzen. Wird einer von beiden in einem Spiel zu emotional, gibt der andere seinem Gespannpartner über Headset schon mal den Satz ‚Denk an die Pferde‘ durch, wie beide einmal im Magazin Bock auf Handball verrieten. Die Olympia-Schiedsrichter absolvierten über die Jahre mehrere Trainingseinheiten mit Pferden, um an Körpersprache, Stressbewältigung und Emotionsregulation zu arbeiten – der kurze Satz ist für sie ein Hinweis, um herunterzufahren. 

Wie ein Gespann die für sich hilfreichen Sätze identifiziert, ist individuell. „Oft ergeben sich solche Leitsätze aus Gesprächen mit Coaches oder anderen Gespannen“, sagt Konrad. „Man kann sich vor allem als junges Gespann natürlich auch an Vorbildern aus dem Verein oder Landesverband orientieren. Manche Sätze entstehen aber auch ganz individuell.“

Wichtig ist dabei, dass ein Leitsatz oder Mantra gedanklich hilft, aber nicht einengt. „Leitsätze müssen allgemein gültig sein und vage genug, damit sie auf jedes Spiel anwendbar sind“, unterstreicht Cesnik. „Ein Leitsatz wie ‚Wir geben immer zehn Strafen pro Spiel‘ hilft nicht, denn er würde zu vielen Spielen nicht passen.“ Ihr Leitsatz passt hingegen immer – und inzwischen tragen Cesnik/Konrad ihn sogar nicht nur im Kopf, sondern buchstäblich mit sich: Sie haben sich ‚Sehen – pfeifen‘ auf ihre Thermoshirts drucken lassen, die sie bei jedem Spiel unter dem Trikot tragen.