Tobias Tönnies und Jonas Zollitsch im Interview. (Foto links: Marco Wolf/DHB; Foto rechts: privat)

„Man darf nicht versuchen, das Vorbild-Gespann zu kopieren.“

Jonas Zollitsch pfeift gemeinsam mit Gespannpartner Marvin Völkening im Perspektivkader des Deutschen Handballbundes. Ihre Vorbilder sind Robert Schulze und Tobias Tönnies; die talentierten Nachwuchsreferees wollen langfristig einen ähnlichen Weg einschlagen wie die beiden deutschen Top-Schiedsrichter aus Magdeburg. Im Doppel-Interview sprechen Zollitsch und Tönnies über die Bedeutung von Vorbildern im Schiedsrichterwesen.

 

Redaktion: Wie wichtig sind Vorbilder für Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen?

Tobias Tönnies: Man braucht Vorbilder, um sich an ihnen zu orientieren. Sie können einem zeigen, was man erreichen kann – und wie man das macht. Es ist dabei aber elementar, dass man dennoch seiner Linie treu bleibt und das Vorbild nicht einfach kopiert. Es geht vielmehr darum, von seinen Vorbildern zu lernen und Tipps und Tricks zu erhalten, während man seinen eigenen Weg sucht. Dabei helfen Vorbilder enorm, das war bei uns nicht anders.

 

Wenn ich dort gleich einmal reingrätschen darf: Junge Spieler gucken sich den Dreher von Uwe Gensheimer ab. Was schaut man sich im Schiedsrichterwesen ab?

Tobias Tönnies: Es geht aus meiner Sicht in erster Linie um das Auftreten und die Frage, wie die Vorbilder so weit gekommen sind. Als wir jünger waren, haben wir uns an Gespannen wie Lemme/Ullrich, Dang/Zacharias, Andler/Andler, Methe/Methe oder Fleisch/Rieber orientiert. Wenn wir uns mit denen ausgetauscht haben, haben wir immer enorm viel zum Thema Persönlichkeit mitgenommen. Eine Zeitstrafe oder ein Tor korrekt anzuzeigen, kann wahrscheinlich jeder lernen – das gewisse Etwas, das es benötigt, um an die Spitze zu kommen, lernst du hingegen nur von solchen Vorbildern.

Jonas Zollitsch: Das kann ich nur unterstreichen. Wir schauen vor allem auf zwei Punkte: Wie geht das Vorbild-Gespann mit problematischen Situationen um? Und was unternimmt dieses Gespann, um auf ein Top-Niveau zu kommen? Bei Robert und Tobias ist beispielsweise bekannt, dass sie abseits das Platzes mit einem Mentalcoach zusammenarbeiten – das finden wir extrem spannend. Solche Tools picken wir uns dann heraus, als Anregung, was uns eventuell helfen kann.

Ansonsten muss ich Tobias recht geben: Man darf nicht versuchen, das Vorbild-Gespann zu kopieren. Wir dürfen keine Schauspieler auf dem Platz werden, die ein Spiel von der Gestik so leiten wollen wie das Gespann Schulze/Tönnies – das würde nicht funktionieren. Wir würden damit unsere Authentizität verlieren.

 

Braucht es ein Vorbild, um erfolgreich zu sein?

Jonas Zollitsch: Ob man es unbedingt braucht, kann ich nicht sagen, aber es kann hilfreich sein, um manche Fehler nicht zu machen, die man ohne Vorbild-Gespann vielleicht gemacht hätte. Außerdem ist die Orientierung an Vorbildern ein Ansporn.

Tobias Tönnies: Wenn man als Schiedsrichter höher hinaus will, guckt man immer in die Bundesliga. Man fragt sich: Was sind das für Menschen und wie leiten sie die Spiele? Als wir mit 16 Jahren angefangen haben zu pfeifen, hat uns das nicht interessiert, weil wir noch nicht wussten, wo wir hinwollen. Je weiter sich das damals jedoch entwickelt hat, umso stärker haben wir hingeschaut. Ich denke, wenn man in die Schiedsrichterei reinwächst, sucht man sich fast automatisch jemanden, an dem sich orientieren kann – zumindest, wenn man diesen Weg auch gehen will. Wenn ich das nicht will, brauche ich kein Vorbild.

 

Wie wichtig ist der direkte Kontakt zum Vorbild?

Tobias Tönnies: Das ist das gewisse Etwas, das du als junger Schiedsrichter brauchst. Es ist schön, wenn du die Leute kennenlernst und feststellst: Die wollen dir helfen, weil sie das Gleiche durchgemacht haben wie du. Du nimmst aus diesem persönlichen Kontakt ganz viel mit – schon deshalb, weil es dich unglaublich motiviert, deinen Weg weiter zu verfolgen.

Ich erinnere mich noch an eine legendäre Szene: Als wir angefangen haben, waren Becker/Hack noch in der Bundesliga aktiv. Irgendwann haben wir sie bei einem Nachwuchsturnier in der Nähe von Magdeburg kennengelernt. Das war für uns damals etwas ganz Großes. Als Hagen Becker zu uns kam, hat 'Schulle' (A. d. R.: gemeint ist Robert Schulze, der Gespannpartner von Tobias Tönnies) zu ihm gesagt: „Herr Becker, darf ich Ihnen die Hand geben?"

Da lachen wir uns heute noch drüber kaputt – gemeinsam mit Hagen Becker. Wenn ich mein Vorbild hingegen nur am Fernseher sehe und nie treffe, wird keine persönliche Ebene aufgebaut – und die Motivation geht gegen Null. Oder wie siehst du das, Jonas?

Jonas Zollitsch: Das ist enorm wichtig – ohne direkten Kontakt geht es nicht. Allein vom Anschauen oder Hörensagen lerne ich nicht allzu viel. Wenn ich aber ins Gespräch gehe, kann mir das Vorbild-Gespann beispielsweise die entscheidenden Punkte nennen, die ich forcieren sollte – und ich kann wiederum konkrete Nachfragen stellen und so erfahren, wie das Vorbild-Gespann gewisse Dinge sieht.

 

Jonas, ganz konkret: Warum sind Robert und Tobias euer Vorbild-Gespann?

Jonas Zollitsch: Wir haben uns mittel- und langfristige Ziele gesetzt – und das Gespann Schulze/Tönnies spiegelt den Weg wieder, den wir auch gerne gehen möchten. Ein wichtiger Punkt ist zudem die moderne Art zu pfeifen; ‚Modern Referee‘, wie es genannt wird. Es geht eben nicht nur um den Teil auf dem Feld, sondern um Aspekte wie das intensive Fitnesstraining, die Arbeit mit einem Mentalcoach oder auch Tools wie das Pferdecoaching. Wir kennen kein zweites Gespann, welches das so forciert hat in den letzten Jahren. Diese Herangehensweise spricht uns einfach an.

 

Tobias, wann war für dich das erste Mal klar, dass ihr jetzt nicht mehr die seid, die ein Vorbild haben, sondern diejenigen, die ein Vorbild sind?

Tobias Tönnies: Das ist immer noch schwer zu glauben (lacht). Wir sind ja selbst noch mittendrin und haben noch so viel vor uns. Man nimmt aber natürlich irgendwann wahr, dass man jetzt offenbar als Vorbild gilt. Wir waren mal auf einem Lehrgang, damals noch mit Peter Rauchfuß, und er hat uns gefragt: „Wollt ihr nicht einmal vor Nachwuchsschiedsrichtern ein bisschen was erzählen?“ Da waren wir gerade Anfang 30 und haben gemerkt: Okay, jetzt gucken die jungen Paare auf einmal zu uns hoch. Man wächst in diese Rolle einfach rein. Es kommt, so doof das auch klingt, natürlich auch darauf an, wie erfolgreich man ist – wenn man unter Schiedsrichtern von 'erfolgreich' sprechen kann.

 

Erfolg ist ein interessanter Punkt, denn letztendlich ist das doch eine Frage der Perspektive, oder? Jonas, für einen 16-Jährigen, der davon träumt, irgendwann mal auf DHB-Ebene zu pfeifen, bist du auch schon erfolgreich … 

Jonas Zollitsch: Unter Umständen mag das sicherlich zutreffen. Wir haben bei uns im Kreis beispielsweise ein Jung-Schiedsrichterprojekt und wenn ich dort hingehe, kann ich den 15- und 16-Jährigen sicherlich ein paar Tipps geben, wie man gut reinkommt, weil ich es vor einigen Jahren ja selbst noch erlebt habe. Nichtsdestotrotz würde ich mich nicht als Vorbild bezeichnen.

 

Was macht die Vorbildfunktion aus?

Tobias Tönnies: Es ist wichtig, die jungen Leute zu motivieren und ihnen aufzuzeigen, was möglich ist, damit sie am Ball bleiben. Natürlich muss man auch ein bisschen was können, um gewisse Tipps und Tricks mitzugeben, aber das wichtigste ist die Motivation! Man muss den jungen Schiedsrichtern aufzeigen, dass es ein guter Weg ist, den sie gehen wollen – und wir sie brauchen.

 

Tobias, inwieweit ist die Vorbildfunktion – und das damit verbundene Engagement – für dich eine Verpflichtung?

Tobias Tönnies: Ich sehe das schon als eine Verpflichtung an, die man nicht unterschätzen darf, denn man kann damit eine Menge erreichen. Wir könnten auch unseren Weg gehen und alles andere ignorieren, aber das sind wir nicht – und das wollen wir nicht. Wir sind bestrebt, junge Leute zu motivieren und ihnen aufzuzeigen, was als Schiedsrichter wichtig ist und ihnen praktische Tipps zu geben, damit sie besser werden.

 

Aus euren unterschiedlichen Perspektiven – als jemand, der als Vorbild gesehen wird und als jemand, der Vorbilder hat: Was würdet ihr sagen, wie man als junger Schiedsrichter ein gutes Vorbild für sich findet?

Jonas Zollitsch: Es gehört eine Menge Selbstreflexion dazu, denn man muss wissen: Welches Gespann passt zu meinem Typ und von wem kann ich in der Art und Weise, wie ich auf dem Platz bin, am meisten lernen? Wer kann mir helfen? Platt gesagt: Wenn mir der Stil des Gespanns Schulze/Tönnies nicht gefällt und ich mit dem ‚Modern Refereeing‘ nichts anfangen kann, dann brauche ich mich nicht an ihnen zu orientieren. Auch die Zielsetzung ist ein wichtiger Punkt – man muss wissen, wo man hinwill.

Tobias Tönnies: Das ist sogar ein ganz entscheidender Punkt. Wenn man sich das Ziel setzt, international pfeifen zu wollen, ergibt es keinen Sinn, sich ein Gespann als Vorbild zu nehmen, das in der 2. oder 3. Liga pfeift. Da orientiert man sich besser an den Leuten, die auch international pfeifen.

Wir saßen als junge Schiedsrichter mal in Magdeburg in der Schiedsrichterkabine mit Bernd Ullrich und den Methe-Brüdern. Die haben sich darüber unterhalten, in welchen Hotels sie international schon untergebracht wurden. Das hat uns beeindruckt, weil es damals so weit weg war, aber zugleich wollten wir das eben auch. Und heute machen wir es tatsächlich genauso, wenn wir uns mit den internationalen Kollegen austauschen (schmunzelt). Die Zielsetzung ist daher der erste Schritt, um sich ein Vorbild zu suchen.

 

Besteht die Gefahr, sich ein falsches Vorbild zu wählen?

Jonas Zollitsch: Ich glaube schon, dass man irgendwann an einen Punkt kommen kann, wo man mit seinem Vorbild vielleicht nicht mehr weiterkommt, weil man das Niveau selbst erreicht hat. Vielleicht merkt man aber auch, dass das Ziel, was man sich gesetzt hat, zu hoch war – dann war nicht unbedingt das Vorbild falsch, sondern das Ziel. Oder man macht sich selbst etwas vor, wenn man so pfeifen möchte wie Schulze/Tönnies, aber keine Lust hat, etwas dafür zu tun. Ich denke, wenn man sich wirklich im Klaren ist, was man erreichen und wofür man kämpfen möchte, wird man kein falsches Vorbild wählen.

 

Tobias, wie ist das eigentlich bei euch: Habt ihr noch ein Vorbild?

Tobias Tönnies: Ein spezielles Vorbild nicht, aber wir sind natürlich auf den internationalen Turnieren mit den Top-Gespannen der Welt unterwegs. Da unterhält man sich auf einem extrem spannenden Niveau, sodass jedes Gespann noch etwas von dem anderen lernen kann. Man geht durch so ein WM-Turnier wie ein Schwamm und saugt alles auf, um sich weiterzuentwickeln. Wir haben aus den drei Wochen in Ägypten unglaublich viel mitgenommen.

 

Zum Abschluss: Was liegt euch zum Thema ‚Vorbilder im Schiedsrichterwesen‘ noch am Herzen?

Jonas Zollitsch: Ich hätte einen Wunsch an die Verantwortlichen an der Basis, in den Landesverbänden und Kreisen: Es wäre aus meiner Sicht gut, das Vorbild-Thema für die Förderung junger Schiedsrichter verstärkt in den Mittelpunkt zu stellen – und Nachwuchsschiedsrichtern mehr Zugang zu potenziellen Vorbildern zu ermöglichen, wenn sie Bock aufs Pfeifen haben und man ein gewisses Engagement und einen gewissen Willen erkennt.

Natürlich kann nicht jeder gleich Kontakt zu einem Bundesliga-Gespann bekommen, aber man kann das junge Gespann aus dem Kreis vielleicht mit dem Oberligagespann aus der Region in Kontakt bringen und ihnen so aufzeigen, wo es hingegen kann. Es geht darum, eine Perspektive zu bieten!

Tobias Tönnies: Mir bleibt abschließend nur noch zu sagen – gerade an die jungen Gespanne: Der Weg ist hart, der Weg ist schwer und der Weg ist holprig, aber das Durchhalten lohnt sich. Es gibt gute und schlechte Spiele, aber man darf sich von Rückschlägen nicht umwerfen lassen. Denn das perfekte Spiel wird es nicht geben. Akzeptiert die Fehler und geht damit durchs Schiedsrichter-Leben – und wenn ihr euch ein Ziel gesetzt habt: Bleibt dran.