(Foto: Sasa Pahic Szabo/kolektiff)

„Man darf nicht darüber nachdenken, was passieren könnte.“

Robert Schulze und Tobias Tönnies leiteten bei der EHF EURO 2022 das Finale zwischen Schweden und Spanien. Die beiden Magdeburger waren die ersten deutschen Schiedsrichter seit 2010, die im Endspiel eines Großturniers zum Einsatz kamen. Im Doppelinterview spricht das deutsche Top-Gespann über das besondere Spiel – und seine letzte Entscheidung in der Partie.

 

Redaktion: Was bedeutet euch die Nominierung für das Finale?

Robert Schulze: Es war für uns bereits ein voller Erfolg, dass wir überhaupt beim Finalwochenende dabei sein durften. An so einem Wochenende ist jedes Spiel ein kleines Finale, jedes Match war große Handballkost. Dass wir am Ende sogar das Vertrauen für das Finalspiel bekamen, war natürlich ein absolutes Highlight. 

Tobias Tönnies: Man darf nicht vergessen, dass es unsere erste komplette Europameisterschaft der Männer war – und dann gleich das Finale zu erhalten, war eine echte Hausnummer.

 

Inwiefern rechnet man sich als Schiedsrichter im Turnierverlauf Chancen auf solche Spiele aus?

Tobias Tönnies: Als Schiedsrichter beginnst du ein Turnier nie mit dem Ziel, das Finale zu pfeifen. So eine Ansetzung hängt von unheimlich vielen Faktoren ab – neben der eigenen Performance beispielsweise auch davon, wie weit die Mannschaft deines Landes kommt, was du ja gar nicht beeinflussen kannst. Insofern stimme ich Robert zu: Es war schon ein großer Erfolg, dass wir überhaupt am Finalwochenende dabei sein durften. Natürlich setzt das Finale einem Turnier die Krone auf, dafür sind wir auch Sportler, aber wir hätten uns genauso über ein Halbfinale gefreut. Wir hatten zu keinem Moment die Erwartung, das Finale leiten zu dürfen.

 

Wie habt ihr von der Nominierung erfahren?

Robert Schulze: Es wurde uns zunächst mitgeteilt, welche Schiedsrichter nach Hause fahren müssen. Dadurch wussten wir schon einmal, dass wir am Finalwochenende dabei sein werden – und das war schon pure Freude. Die Ansetzung selbst wurde uns dann per E-Mail mitgeteilt. Ich war aber leider nicht der vorbildlichste E-Mail-Leser und habe es erst nicht mitbekommen. 

Als mich beim Mittagessen ein Schiedsrichterkollege angestoßen hat, habe ich ihn gefragt, was sein Problem ist und er sagte: „Ich wollte dir nur zum Finale gratulieren.“ Nach dem Mittagessen habe ich das sofort gecheckt und es stimmte wirklich …

 

Wie habt ihr euch auf das Spiel vorbereitet?

Robert Schulze: Wir haben die Nominierung drei Tage vor dem Spiel bekommen. Am ersten Tag haben wir unseren Emotionen freien Lauf gelassen und haben es einfach gefeiert, dass wir das Finale leiten dürfen. Das war ganz wichtig, um uns anschließend konzentriert vorbereiten und das Finale mit kontrollierten Emotionen angehen zu können. Es war unser Ziel, dass wir die beiden ruhigsten Pole auf dem Feld sind, weil wir natürlich wussten, dass es für die Mannschaften um alles geht.

Ansonsten haben wir mit unserer Fitnesstrainerin noch einige Einheiten absolviert und natürlich die beiden Halbfinalspiele angeschaut und analysiert. Sobald feststand, dass Schweden und Spanien das Finale bestreiten werden, haben wir uns auf ein schönes Handballspiel gefreut. Wir kannten beide Mannschaften und wussten, dass es ein handballerischer Leckerbissen wird.

 

Wie habt ihr den Finaltag selbst erlebt?

Robert Schulze: Es war natürlich ein besonderes Spiel, die Atmosphäre in Budapest war sensationell. Du hast vorher mit den Kollegen geschwitzt, dass die Halbfinalspiele gut über die Bühne gehen – und dann weiß du, dass die Europameisterschaft mit diesem Finale zu Ende geht und du das Turnier beschließt.

Tobias Tönnies: Wenn du bei so einem Spiel dort unten stehst, kriegst du auch als Schiedsrichter einfach nur eine Gänsehaut. Das fing schon bei der Erwärmung an: Als wir reinkamen, gab es auf einmal Applaus aus einem Fanblock. Wir haben Deutschland-Fahnen gesehen, SCM-Trikots und sogar ein Plakat „S + T im Finale“. Dass du als Schiedsrichter so begrüßt wirst, erlebst du nicht oft. Es war echt cool.

 

Und das Spiel an sich?

Tobias Tönnies: Das Finale war sauschwer. Es war kein Spiel, in dem sich ein Team absetzt, sondern es war von Anfang bis Ende ausgeglichen. Jeder Angriff war entscheidend, jedes Tor, jeder Pfiff. Jede Entscheidung, die du getroffen hast, war schwerwiegend. Mental gehörte dieses Spiel wirklich der obersten Kategorie an.

 

Robert hat vorhin gesagt, dass ihr die beiden ruhigsten Pole auf dem Feld sein wollt: Ist euch das gelungen?

Tobias Tönnies: Im Spiel selbst merkt man das natürlich nicht, aber als Feedback haben wir durchweg gehört: Ihr wart sehr ruhig, ihr habt sehr ruhig gewirkt, ihr habt auf das Spiel an sich beruhigend eingewirkt. Daher schätze ich, dass uns das sehr gut gelungen ist.

Robert Schulze: Letztendlich hat nach dem Finale keiner über uns gesprochen, insofern haben wir unser Ziel erfüllt. Natürlich gab es auf beiden Seiten Situationen, die wir anders hätten lösen können bzw. müssen, aber so ruhig, wie es um uns Schiedsrichter war, war es insgesamt eine gelungene Sache. Das haben wir genossen, denn es kann auch ganz anders ausgehen.

Tobias Tönnies: Das stimmt. Hätten wir in der letzten Szene keinen Siebenmeter gegeben, wären wir die Deppen der Nation gewesen – egal, was wir die 59 Minuten vorher gepfiffen haben. Es ist schließlich unser Job, diese Entscheidung zu treffen.

 

Robert, du warst in der Situation der Torschiedsrichter. Magst du die Szene noch einmal kurz beschreiben?

Robert Schulze: Der spanische Spieler Canellas hat beim Abwehrverhalten den Hüftkontakt zu dem schwedischen Spieler gesucht. Der seitliche Hüftkontakt ist erfolgt, dadurch wurde die klare Torgelegenheit vereitelt und deswegen war es aus unserer Sicht ein klarer Siebenmeter.

 

Hat man in diesem Moment die Folgen im Kopf, die ein solcher Pfiff hat?

Tobias Tönnies: Nein, du gehst einfach nur nach den Kriterien, die du im Kopf abgespeichert hast. Wenn du in so einer Situation anfängst, über die Entscheidung nachzudenken, hast du verloren. Es war ein glasklarer Siebenmeter. Punkt, Aus, Ende.

Robert Schulze: Man darf wirklich nicht darüber nachdenken, was passieren könnte. Das ist ein ganz wichtiger Punkt in jedem K.O.-Spiel: Du musst dich bereits im Vorfeld mental darauf einstellen, dass jede Entscheidung, die du triffst – oder auch nicht triffst – eine Konsequenz nach sich zieht. Nur so kannst du im Spiel selbst einen klaren Kopf haben. Du darfst in diesen 60 Minuten deine Energie nur darauf verwenden, die bestmögliche Entscheidung zu treffen.

 

Wie schafft man es, in so einem Moment bereit zu sein und diese Entscheidung so sicher zu treffen?

Robert Schulze: Das ist eine Kombination. Neben der eben erwähnten mentalen Komponente ist der körperliche Faktor entscheidend. Du musst auf den Punkt zu einhundert Prozent fit sein. Die letzten zwei Minuten waren der reinste Krimi, es ging hin und her. Wenn du in so einer Phase körperlich nicht auf der Höhe bist, weil etwas zwickt oder die Kondition fehlt, verlierst du den Fokus auf die klaren Beurteilungskriterien. Das Problem hatten wir nicht. Aus einem guten Stellungsspiel heraus hatte ich daher eine klare Situation vor mir und konnte eine klare Entscheidung treffen.

 

Lasst uns noch einen Blick auf die drei Wochen vor dem Finale werfen. Ihr habt in Vor- und Hauptrunde jeweils zwei Spiele geleitet und hattet entsprechend auch einige freie Tage. Wie sah der Alltag abseits der Spiele aus?

Robert Schulze: Wir konnten uns nahezu frei bewegen. Wir sind viel mit den Schiedsrichterkollegen spazieren gegangen, haben Sporteinheiten an der frischen Luft absolviert und konnten uns die Stadt ansehen. Das war bei den letzten Turnieren nicht möglich. Und ansonsten hatten wir natürlich unsere obligatorische Playstation dabei.

 

EHF-Schiedsrichterchef Dragan Nachevski hatte im Vorfeld eine klare Linie vorgegeben und neben einigen anderen Schwerpunkten die progressive Bestrafung und das Kreisläuferspiel in den Fokus gestellt. Wie fällt bezüglich dieser Vorgabe eure Bilanz aus – und welche Ansätze kann man davon für die Bundesliga mitnehmen?

Tobias Tönnies: Aus Schiedsrichtersicht ist das Kreisläuferspiel nach wie vor ein Brennpunkt, mit dem beidseitigen Gerangel auf engstem Raum, welches so viele Entscheidungen verlangt. Da sollten wir von Anfang an dazwischen gehen und klar machen, wie wir das haben wollen. Allerdings ist das natürlich extrem abhängig von den Spielertypen, dem Charakter des Spiels und den Mannschaften an sich. Ich denke, das hatten wir alle bei der Europameisterschaft gut im Griff.

Auch das Thema Gelbe Karten wurde fortgesetzt. Das stupide Abarbeiten von Gelben Karten, das von der IHF nicht mehr gewünscht ist, gab es jetzt bei der EM nicht mehr. Es gab viele Spiele ohne eine einzige Gelbe Karte – und das war auch kein Problem. Vielleicht war die ein oder andere Zeitstrafe zu hart, aber das pendelt sich ein. Aus meiner Sicht haben wir Schiedsrichter die Vorgaben insgesamt relativ gut umgesetzt.