Manchmal verstecken sich Regelwidrigkeiten hinter ganz normal anmutenden Abläufen.

„Mal wieder entspannt ein Handballspiel sehen.“

Dieser Wunsch steht auf meiner „Allzeit-Prioritätenliste“ ganz weit oben. Dennoch wird es wohl vorerst ein frommer Wunsch bleiben: Immer gibt mir ein kleiner, unsichtbarer Mann im Ohr flüsternd meine Blickrichtung vor.

Anstatt mich an einem von der angreifenden Mannschaft vollführten Kempatrick zu erfreuen, sagt mir das Männchen, worauf ich den Fokus meiner Beobachtung zu richten habe. Waren das vor dem Abspiel nicht Schritte? Was geschah nach dem Abspiel? Gab es möglicherweise noch eine regelwidrige Sperre des Abspielenden? Und dann der zum Kempatrick angespielte Mitspieler: War er auch ganz bestimmt vor der Torraumlinie abgesprungen? Wie hatte sich der neben ihm befindliche Abwehrspieler verhalten? Hatte der Angreifer genügend Distanz zum gegnerischen Torwart? War der Torwurf „abgestanden“ oder hatte der Ball die Hand des Werfers verlassen, bevor dieser Kontakt mit dem Torraum hatte? Wie war das Abwehrverhalten des Torwarts? Wie war das Stellungsspiel der Schiedsrichter? Hatten sie jederzeit einen optimalen Blick auf die Situation?

Die Zuschauer in der Halle haben den handballerischen Leckerbissen schon lange mit Applaus gewürdigt, während mein ominöser Begleiter und ich noch summieren: War alles regelgerecht oder nicht?

Nicht nur live in der Sporthalle, sondern auch häufig am heimischen Fernseher: Mein kleiner Quälgeist lässt nicht locker und fordert seinen Fokus auf das Bildschirmgeschehen ein. Gleichwohl gibt es hier eine Besonderheit, denn so manche Spielhandlung wird im Fernsehen direkt noch einmal in Zeitlupe gezeigt. So kann und darf man seine Beobachtungsgabe überprüfen. Die latente Angst vor einem Fehlurteil entfällt. Es sei denn, die Bewertung des Gesehenen ist einem vor anwesenden Personen bereits über die Lippen gekommen.

Lässt sich "der kleine Mann" beruhigen?

In den letzten Wochen bei der Europameisterschaft der Männer war hochklassiger Handball im Fernsehen anzuschauen. Quasi ein Pflichttermin war die Übertragung der Begegnung Tschechien gegen Deutschland – unser letztes Spiel in der Hauptrunde. Bei Licht besehen, kein sehr wichtiges Spiel für unsere Nationalmannschaft. Das Halbfinale war verpasst und das Platzierungsspiel um Platz 5 gegen Portugal schon sicher. Dennoch wollte ich, wie viele andere wohl auch, wissen, wie der sogenannte „zweite Anzug“ passt. Jedenfalls sollte der eine oder andere Spieler vom Bundestrainer eine Auszeit vor dem nicht unwichtigen Platzierungsspiel in Stockholm bekommen.

Im Verlauf der zweiten Halbzeit des Spiels sollten mein vorlauter Antreiber im Ohr und ich allerdings gehörig überrascht werden. Zu sehen war – für mich zunächst ganz alltäglich – ein tschechischer Spieler auf der Position Rückraum-Mitte, der im Angriff den Ball in Höhe der 9-m-Linie zu seinem Mitspieler auf der halbrechten Position passt. Diesem wiederum gelang ein schönes Rückhandanspiel zu seinem Rechtsaußen, der nahezu unbedrängt in den Torraum springen konnte und den Ball (ähm: „Bevor er Kontakt zum Torraum hatte.“) an Jogi Bitter vorbei zum zwischenzeitlichen 16:16 einnetzte.

Dann kam eine Wiederholung in Zeitlupe. Ich dachte schon, es würde sich nur um den Torwurf von der Außenposition handeln. Weit gefehlt! Die Regie des Fernsehsenders hatte auch das Abspiel der tschechischen Nr. 13 auf seinen Mitspieler auf der halbrechten Position herausgepickt. In Zeitlupe konnte man auf einmal erkennen, dass es sich bei diesem Abspiel um einen regeltechnischen Prellfehler handelte. Nachdem der Angreifer den Ball im Lauf geprellt hatte, nahm er ihn mit der rechten Hand wieder auf, um ihn zu seinem Mitspieler zu passen. Der Ball kam aber nicht genug in Fahrt. Deshalb musste er ihm noch in der Luft mit einer unmittelbar folgenden Aktion etwas Drive geben. Er half mit einem Stoß der rechten Handfläche nach. Gemäß der Regel 7:7 ist eine solche Aktion allerdings regelwidrig.

Ja, was war denn das? Hatte die Person an den Schalthebeln der Regie eine exzellente Regelkenntnis? Womöglich wäre sie bestens für das Schiedsrichteramt geeignet. Mir jedenfalls war diese Regelwidrigkeit im normalen Ablauf nicht aufgefallen. Oder war es nur der beruflich trainierte Blick für das Besondere, der diese Einblendung ausgelöst hatte? Die Antworten auf diese Fragen werde ich wohl nie erfahren. Aber diese Filmsequenz zeigt deutlich, wie besonders diese Szenenauswahl gewesen ist (wenn Sie den Link nutzen: Die entsprechende Szene beginnt bei der Videozeit 01:37:34 und endet bei 01:37:52; bezogen auf die eingeblendete Spielzeit bitte bis 42:49 vorspulen). 

Ob sich mein Quälgeist von diesem Vorfall etwas annimmt, beruhigt die Hände in den Schoß legt und mir in Zukunft mal gestattet, ein Handballspiel entspannt – nur auf die spielerischen Leckerbissen fokussiert – anzusehen, wird sich noch zeigen. Vielleicht höre ich ihn dann sagen: "Nicht schlimm, wenn du nur genießt, andere machen auch einen guten Job."