Gespann Markus Kauth und Andre Kolb

Konfliktlösung im Gespann: Eine Einheit nach Außen, offene Worte nach Innen

Sie sind die „dritte Mannschaft“ auf dem Spielfeld: Das Schiedsrichterteam wird nach Außen als Einheit wahrgenommen, doch wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung kann, es auch in einem Team mal „krachen“. Für junge bzw. neue Schiedsrichter-Teams ist das am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit eine neue Herausforderung. Was ist wichtig, um eventuelle Konflikte zu lösen und weiter (erfolgreich) gemeinsam zu pfeifen?

Das Finale der männlichen A-Jugend beim Internationalen Biberacher Osterturnier (IBOT), ihr Debüt in der 1. Frauen-Bundesliga, der Aufstieg in den Elite-Anschlusskader des Deutschen Handballbundes: Andre Kolb und Markus Kauth haben es als Schiedsrichter-Team gemeinsam weit nach oben geschafft. Reibungslos lief das jedoch auch zwischen den beiden Freunden nicht immer ab.

„Gerade in den ersten Jahren mit dem Headset war die Kommunikation über Funk schon das ein oder andere ein Streitpunkt zwischen uns“, erinnert sich Kolb. „Wenn einer von uns einen schrägen Pfiff hatte, weiß er das in dem Moment selbst – da braucht der andere das nicht auch noch ansprechen, dass das nicht gut war. Da haben wir uns dann, ehrlich gesagt, auch mal angeschnauzt über Headset.“

Sich die in der Emotion gefallenen Worte nicht gegenseitig übel zu nehmen, haben sie über die Jahre gelernt. „Wir waren in unserer Entwicklung als Team zum Glück so weit, dass wir das nach dem Spiel offen ansprechen konnten“, sagt Kauth. „Wir waren in der Lage, dem anderen zu sagen „Das hat mir in der Situation nicht geholfen“ und gemeinsam nach Alternativen zu suchen, wie wir uns gegenseitig besser unterstützen können.“

Seitdem versuchen beide, den Gespannpartner über das Headset nach einem schrägen bzw. falschen Pfiff eher aufzumuntern, ihn aufzubauen, ihn neu zu motivieren. „Sich gegenseitig stärken“, nennen sie es unisono. „Wir versuchen, dem anderen zu helfen, aus dem negativen Gedanken rauszukommen.“

Dieses System – Konflikte offen ansprechen und gemeinsam nach einer Lösung suchen – lässt sich aus ihrer Sicht auf die meisten Streitpunkte in der Zusammenarbeit übertragen. „Dafür ist natürlich ein gewisser Grad an Selbstreflexion und Kritikfähigkeit notwendig“, sagt Kauth. Das muss man als junger Schiedsrichter bzw. generell als junger Mensch sicherlich noch lernen, aber das ist einer der Punkte, wo das Pfeifen die Persönlichkeitsentwicklung definitiv unterstützt.

Letztendlich ist es beim Pfeifen, da sind sich Kauth und Kolb einig, nicht anders als in anderen Beziehungen bzw. Freundschaften. „Wir versuchen, möglichst keine Vorwürfe zu machen, sondern in Ich-Botschaften zu arbeiten“, sagt Kolb. Statt „Was hast du für einen Mist gepfiffen?“ heißt es im Idealfall dann eher: „Ich fand den Pfiff unrund. Wollen wir so eine Situation das nächste Mal nicht lieber so lösen?“.

Das gelingt natürlich – wie im echten Leben auch – nicht immer; dass es auch im Gespann Konflikte gibt, ist normal und sollte nicht sofort abschrecken. „Das Wichtigste ist, dass man im Team darüber spricht, was man will oder wie man Dinge angeht“, betont Kauth. „Wenn sich der Frust bei einem Gespannpartner aufstaut, explodiert das Pulverfass irgendwann – und dann kommt es vielleicht sogar zur Trennung, weil sich das nicht mehr kitten lässt.“

Umso wichtiger ist es aus Sicht von Kauth und Kolb, dass es gar nicht soweit kommt. „Ein Schiedsrichterteam darf keine reine Zweckgemeinschaft sein“, sagt Kolb. „Es muss beiden Partnern gutgehen, sie müssen sich wohlfühlen und Spaß haben. Das geht nicht, wenn du nur zum Pfeifen 60 Minuten auf dem Feld stehst und ansonsten getrennte Wege gehst.“

Damit es gar nicht erst zu unlösbaren Konflikten kommt, empfehlen daher beide, sich abseits der Ansetzungen auszutauschen und zu treffen. „Wir haben auch als Zweckgemeinschaft angefangen, weil wir in unserer Region die beiden Schiedsrichter warten, die bereit waren, den vollen Fokus auf die Schiedsrichterei zu legen“, erinnert sich Kauth. „Wir haben aber daran gearbeitet, dass es keine Zweckgemeinschaft bleibt.“

Ob gemeinsam ins Fußballstadion, ein gemeinsamer Besuch im Biergarten und auch – als ersten Schritt – eine gemeinsame Spielanalyse: Die Bindung untereinander zu stärken, ist aus Sicht der beiden Bundesligaschiedsrichter extrem wichtig. „Man muss sich auf dem Spielfeld aufeinander verlassen können – wie soll das gehen, wenn du dich eigentlich nicht kennst?“, sagt Kolb. „Da trennt sich die Spreu vom Weizen, denn nur, wenn man zusammenhält, wird man die Situation gut meistern, wenn Feuer auf dem Spielfeld drin ist.“

Denn die oberste Grundregel ist einfach: Nach außen muss ein Schiedsrichter-Team zusammenhalten. „Egal, was der andere pfeift und wie genervt oder verärgert ich bin: Ich muss auf dem Spielfeld zu meinem Partner stehen“, betont Kolb. „Es wäre eine Katastrophe“, ergänzt Kauth, „wenn einer einen schrägen Pfiff macht und der andere sich mit dem Trainer „verbrüdert“ und seinem Partner in den Rücken fällt.“ Daher gilt im Gespann Kauth/Kolb: „Wenn es um eine Entscheidung geht, sagen wir immer: Wir haben gepfiffen! Wir verkaufen das als Team, es ist nicht wichtig, wer von uns das war.“

Denn so sehr es innen vielleicht auch mal kracht oder sogar krachen muss – das muss immer intern gehalten und gelöst werden – in erster Linie durch die geschilderte offene Kommunikation. Neben Kompromissen in der Lösungsfindung ist es dabei wichtig, auch irgendwann einen Schlusspunkt zu setzen. „Wenn wir uns im Spiel über den anderen aufregen, gehen wir nach dem Spiel duschen und sprechen in der Kabine darüber“, sagt Kolb. „Und dann ist es abgehakt. Wütend schweigend im Auto zu sitzen, kommt bei uns nicht vor.“