"Kommunikation findet immer statt – vor dem Spiel, im Spiel, nach dem Spiel." (Foto: IMAGO/wolf-sportfoto)

„Kommunikation dient ein Stück weit als Prävention.“

Die Kommunikation mit den Trainerinnen und Trainern wird immer wichtiger, je höher ein Schiedsrichter pfeift, doch auch an der Basis kann ein guter Kontakt mit den Bänken hilfreich sein. Worauf kommt es in der Kommunikation mit den Coaches an – und was sind No-Gos? Die internationalen Schiedsrichter Ramesh und Suresh Thiyagarajah unterstreichen die Bedeutung von Kommunikation aus präventiver Sicht und betonen: „Das Pfeifen funktioniert besser, wenn man sich nicht hinter dem Regelwerk als Schutzwall versteckt.“

Wenn Ramesh und Suresh Thiyagarajah aus heutiger Sicht auf ihre Anfangszeit als Schiedsrichter zurückblicken, können sie selbst nur den Kopf schütteln. „Wir waren kein Paradebeispiel, wie die Kommunikation mit Mannschaften und Trainern im Amateurbereich verlaufen soll, denn wir haben nahezu gar nicht kommuniziert“, erinnern sich die Brüder. „Wir haben damals gedacht: Es gibt ein Regelbuch; also pfeifen wir nach dem Regelbuch und fahren wieder nach Hause.“

Gut funktioniert habe das aber nicht, da sind sie sich rückblickend einig. „Wir haben im Spiel nicht kommuniziert und mussten auf schmerzliche Art und Weise lernen, dass wir mit dieser Einstellung nicht weiterkommen“, fasst Suresh zusammen. „Wenn wir von Anfang an bereit gewesen wären zu kommunizieren, wäre der Einstieg in die Schiedsrichterei deutlich einfacher gewesen.“

Diese Erkenntnis reifte jedoch erst langsam heran. „Wir haben in den letzten zehn Jahren an vielen Stellschrauben gedreht, um unsere Art der Kommunikation auf dem Spielfeld anzupassen“, sagt Ramesh. Mit Erfolg: „Wir haben gespürt, dass uns die Vereine von Jahr zu Jahr mehr akzeptiert haben.“ Heute sind die Brüder sich einig: „Kommunikation ist ein wichtiger Baustein, um die Akzeptanz der Spieler, Trainer und Mannschaften zu gewinnen.“

Vielen frisch gebackenen Schiedsrichtern ergeht es jedoch ähnlich wie den Thiyagarajahs zu ihren Anfangszeiten: Die Kommunikation mit den Bänken spielt in der Ausbildung zunächst oft eine untergeordnete Rolle – wenn sie überhaupt abseits der Bestrafung thematisiert wird. Sie wird erst dann immer wichtiger, wenn es höher geht. Dabei könnte eine gute Kommunikation mit den Bänken bereits an der Basis ein Hilfsmittel darstellen, um ein Spiel möglichst gut über die Bühne zu bringen – zumal es außer in der Bundesliga in keiner Spielklasse immer einen Delegierten gibt, der den Schiedsrichtern den Rücken freihalten kann.

„Jede Kommunikation dient ein Stück weit als Prävention“, beschreibt Ramesh den Nutzen. „Wenn du zu Beginn oder in den ruhigen Phasen des Spiels ein gutes Verhältnis aufgebaut hast, kannst du Trainer – und auch Spieler – einfacher einfangen, wenn es emotional wird. Außerdem ist es sinnvoll, Entscheidungen mit Hinweisen und Hilfestellungen über die Kommunikation vorzubereiten. Damit wächst auch die Akzeptanz der Mannschaften, wenn die Entscheidung dann getroffen wird.“ Kommunikation sei daher „ein Werkzeug für das eigene Spiel.“

Damit man dieses sinnvoll einsetzen kann, müsse man als Schiedsrichter jedoch erst einmal grundsätzlich bereit sein, auf eine Kommunikation einzugehen – anders als es die Thiyagarajahs selbst zu Beginn ihrer Karriere waren. „Das Gespräch mit dem Coach im Spiel abzublocken, ist gerade am Anfang oft ein Schutzmechanismus, um einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen“, beschreiben die Brüder. „Meistens erreicht man damit jedoch das Gegenteil."

Daher sei es durchaus wichtig, hin und wieder auf den Trainer einzugehen – allerdings nach den eigenen Regeln. „Wenn ein Trainer jede Aktion diskutieren will oder selbst über die klarsten Pfiffe diskutieren möchte, ist es zu viel – und eine sachliche Kommunikation selten möglich“, sagt Suresh. Wenn ein Trainer jedoch sachlich und ruhig bleibe, sei es umso wichtiger, mit ihm in die Kommunikation zu gehen: „Dadurch zeigst du allen: Das ist eine faire Art und Weise, mit uns umzugehen, also sind wir auch bereit, deine Frage zu beantworten und zu erklären, was wir gesehen bzw. warum wir so entschieden haben.“

Oft lohne es sich zudem, die Kommunikation nicht direkt in der hektischen oder emotional aufgeladenen Szene zu suchen, sondern zwei, drei Angriffe abzuwarten. „Wenn ein Trainer extrem aufgebracht ist, ist es in der Situation selbst nahezu unmöglich, vernünftig miteinander zu sprechen“, weiß Ramesh. „Meistens ist es besser, einen Moment zu warten – und in einer ruhigen Phase, wenn der Trainer keinen Fokus mehr auf die Schiedsrichter hat, zu ihm zu gehen, die Entscheidung zu begründen und daran zu appellieren, dass man ja miteinander sprechen könne, aber in einer angemessenen Art und Weise.“

Der Schlüsselbegriff ist für die beiden Brüder klar: Respekt – und zwar beidseitig. „Letztendlich ist ein Handballspiel immer ein Miteinander“, betonen sie. „Wenn du als Schiedsrichter vorgibst, dass du immer alles richtig siehst und als einziger recht hast, wird es nicht funktionieren – und andersherum müssen auch die Trainer respektvoll mit dir umgehen. Wir sind alle Menschen und machen alle Fehler – die Schiedsrichter ebenso wie die Spieler. Am Ende des Tages muss man sich in die Augen schauen und im Guten auseinander gehen können.“

Drei Ratschläge zum Thema Kommunikation – von Ramesh und Suresh Thiyagarajah

1. Filtert genau, was ihr hört – und worauf ihr reagiert!

Aufgrund der Schnelligkeit des Spiels hat man als Schiedsrichter gar nicht die Möglichkeit, auf alles einzugehen, was von den Bänken kommt. Häufig ist auf dem Feld schon etwas anderes passiert, während noch über vorangegangene Szenen gesprochen wird.

Deswegen ist es unheimlich wichtig, gut filtern zu können und nur auf die wesentlichen Sachen einzugehen, um den Fokus auf das Spiel nicht zu verlieren. Häufig sagen wir zur Bank: „Später! Wir brauchen gerade einen Moment für das Spiel.“ So zeigt man dem Trainer, dass man ihn wahrgenommen hat, aber bleibt konzentriert – und kann in einer ruhigen Phase in den Austausch gehen.

2. Nehmt die Spannung aus der Situation!

Es gibt immer wieder Szenen, in denen eine Bank förmlich explodiert. Die Emotionen kochen hoch, alle regen sich auf. In solch aufgeputschten Situationen ist es oft sinnvoll, nicht selbst auch noch impulsiv zu reagieren und darauf direkt einzugehen, sondern bewusst Abstand zu halten und die Kommunikation im Nachgang – in einer ruhigen Phase, in der Halbzeitpause oder am Rande einer Auszeit – zu suchen. Das hat uns schon oft geholfen, denn man kann die Leute besser ‚einfangen‘ und eine sachliche Kommunikation aufbauen, wenn die erste Aufregung verstrichen ist.

Aber: Das heißt natürlich nicht, dass man alles ignorieren sollte. Viele Trainer holen sich die gelbe Karte bewusst ab; als taktisches Mittel, um die eigene Mannschaft wachzurütteln. Wenn die Art und Weise des Trainers oder der Bank aber absolut unangebracht ist, müssen wir als Schiedsrichter weiter progressiv durchgreifen – auch wenn man sich dann eingestehen muss, dass dann in der vorhergegangenen Kommunikation von beiden Seiten viel schiefgelaufen ist.

3. Seid bereit, dem Trainer zuzuhören!

Kommunikation findet immer statt – vor dem Spiel, im Spiel, nach dem Spiel. Das ist ein Fakt. Das Pfeifen funktioniert jedoch besser, wenn man sich nicht hinter dem Regelwerk als Schutzwall versteckt, sondern bereit ist, dem Gegenüber zuzuhören – im Spiel, aber auch nach dem Spiel.

Es lohnt sich immer wieder, offen dem gegenüber zu sein, was der Trainer sagt, weil er einen anderen Blickwinkel hat. Manche Trainer geben uns nach dem Spiel ein Feedback – hört es euch an und zieht euch das heraus, was ihr weiterverwenden wollt, weil es euch weiterbringen kann. Ein Verständnis für die Sichtweisen der Trainer zu entwickeln, hilft euch, besser zu werden.