Kein Fall für die IHF-Erläuterung 6c
Spielt eine Mannschaft ohne Torwart (dies ist regeltechnisch bereits der Fall, wenn der Torwart seinen Torraum verlassen hat), erzeugt sie für das gegnerische Team eine klare Torgelegenheit für den Fall, in dem ein gegnerischer Spieler unter voller Ball- und Körperkontrolle eine ungehinderte Gelegenheit zum Wurf auf ebendies leere Tor hat (siehe auch neue Guideline zur 7-m-Entscheidung bei leerem Tor). Wird eine klare Torgelegenheit regelwidrig verhindert, ist auf 7-m-Wurf zu entscheiden. Ob dies auch bei diesem besonderen Beispiel, in dem die zuvor ausgewechselte Torfrau entscheidend eingreift, der Fall ist, wird anhand der entsprechenden Regelbestimmungen analysiert.
Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle:
Ausgangspunkt ist ein angreifendes Team, das in Unterzahl seine Torfrau zugunsten einer weiteren Feldspielerin ausgewechselt hat. Im Angriff kann der Torwurf jedoch von der gegnerischen Torfrau abgewehrt werden. Mit dem folgenden Abwurf hat sie gemäß den Merkmalen und Kriterien der IHF-Erläuterung 6c eine klare Torgelegenheit. Diese nutzt sie offensichtlich auch, denn sie spielt nicht zu einer Mitspielerin ab, sondern wirft unmittelbar auf das leere Tor der gegnerischen Mannschaft.
Wenn ein Feldspieler diesen Wurf abwehren will, darf er keinesfalls gleichzeitig Ball- und Torraumkontakt haben. Dies kann gelingen, wenn er den Ball vor der Torraumlinie abwehren oder ihm in der Luft über dem Torraum eine entscheidende Richtungsänderung geben kann. Wehrt er den Ball jedoch im Torraum stehend ab, ist nicht nur auf 7-m-Wurf zu entscheiden, sondern auch eine progressive Bestrafung gegen diesen fehlbaren Spieler auszusprechen (siehe auch Guideline zur Regel 8:7f).
Im gezeigten Videobeispiel gelingt es der kurz zuvor wieder eingewechselten Torfrau, den Ball noch vor der Torraumlinie in der Luft abzufangen. Danach landet sie mit Ballkontakt auf der Torraumlinie. In diesem Fall ist die IHF-Erläuterung 6c nicht anzuwenden. Wenn ein Torwart mit dem Ball in den Torraum zurückgeht, ist gemäß Regel 5:9 auf Freiwurf für die gegnerische Mannschaft zu entscheiden.
Zum einen ist in diesem Fall die spezielle Vorschrift der Regel 5:9 vorrangig zu beachten. Zum anderen ist die IHF-Erläuterung auch deshalb nicht mehr anwendbar, weil mit dem Betreten der Torraumlinie die abwehrende Mannschaft wieder mit einem Torwart spielt. Damit ist die in der IHF-Erläuterung 6c beschriebene klare Torgelegenheit hinfällig.
Und schließlich sollte man nicht vergessen, dass es der Torfrau – im Gegensatz zu den Feldspielerinnen ihres Teams – selbstverständlich auch gestattet ist, den Ball im Torraum abzuwehren. Der Torraum ist ihr Areal. Nur sie kann den Torraum gemäß Regel 6: 1 ohne weitere Voraussetzungen betreten.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.