Raphael Piper (rechts) neben seinem Gespannpartner Jannik Otto (Foto: IMAGO/Lobeca)
Von den Erfahrungen der erfahrenen Schiedsrichter*innen profitieren: In der neue Serie #Kabinenschnack steht genau dieser Wissenstransfer im Mittelpunkt. Unparteiische aus dem Deutschen Handballbund berichten von einer für sie lehrreichen Anekdote und geben Praxistipps für die Kollegen an der Basis. Folge 1 mit Raphael Piper aus dem Elitekader.
2016 wurde die damalige Sechs-Pass-Regel (heute: Vier-Pass-Regel) eingeführt. In der darauffolgenden Spielzeit hatten wir eine Szene, in der es bei einem Freiwurf und nur noch einem verbliebenen Pass zu einem Foul kam, das so hätte verhindert werden können – wenn wir auf den korrekten Abstand geachtet hätten.
Die Regelung, dass bei einem Freiwurf drei Meter Abstand gehalten werden müssen, hat es vorher natürlich schon gegeben, aber die Sechs- bzw. Vier-Pass-Regel hat für eine Verschärfung gesorgt. Denn wenn am Ende nur noch ein Pass übrig ist und ein Freiwurf gegeben wird, weiß jeder, dass es zu einem Wurf - direkt oder nach maximal einem Pass - kommen wird. Eine andere Option gibt es nicht.
Im eingangs erwähnten Spiel ist uns die Situation aus der Hand geglitten, weil wir nicht auf den Abstand geachtet haben. Der Coach hat es in seinem Feedback anschließend thematisiert und seitdem halten wir uns an den Ratschlag, den er uns damals gegeben hat: Achtet auf korrekten Abstand bei der Abwehr und die korrekte Position beim Angreifer.
Sprich: Wir geben ein Time-Out und korrigieren die Position der Abwehr. Es müssen beide Füße am Kreis stehen. Viele Spieler versuchen, sich mit einem Ausfallschritt nach vorne wieder eine bessere Position zu verschaffen, da gilt es, hartnäckig zu bleiben. Mit einem festen Blick und ggf. auch einem deutlichen Wort muss man klar machen: Ich pfeife erst wieder an, wenn du korrekt stehst!
Das gilt übrigens auch für den Angreifer, der nicht im 9-Meter-Kreis bzw. auf der Linie des 9-Meter-Kreises stehen darf. Auch dessen Position kann man korrigieren, das lässt sich im Sinne des Gleichgewichts gut verkaufen.
Der ultimative Tipp, der uns für den Umgang mit dieser Stresssituation geholfen hat: Geh nicht aus der Situation raus!
In der Regel entfernst du dich als Schiedsrichter vor der Ausführung des Freiwurfs ja zwei bis drei Meter, um der Ausführung und dem eventuellen Spielfluss des Angriffs nicht im Weg zu stehen. In dieser besonderen Situation (Freiwurf bei nur einem Pass) rate ich davon ab, denn du weißt ja, was passieren wird - ein Wurf ist die einzige Option.
Im Gegenteil: Bleib dicht dran. Mach nur ein, zwei Schritte zur Seite, damit du gut in die Situation reingucken kannst, aber zieh dich nicht weiter zurück. Mit dieser Nähe signalisierst du den Spielern: Achtung, ich bin noch da!
Außerdem ermöglicht dir diese seitliche Position einen guten Blick in die ganze Situation – nicht nur auf das Foul, was die Abwehr möglicherweise begeht, um den Wurf zu verhindern, sondern auch auf ein mögliches Stürmerfoul des Angriffs. Einen Abwehrspieler aktiv wegzublocken bzw. wegzuschieben kann ein Stürmerfoul sein.
Machen wir uns nichts vor: Das kostet natürlich immens Kraft und ist wirklich harte Arbeit. Auch, weil es wichtig ist, konsequent zu sein. Wenn sich ein Spieler trotz Hinweis und möglicher Ermahnung nicht daran hält, musst du progressiv bestrafen. Wenn das notwendig ist, lässt es sich in der Regel jedoch gut verkaufen, denn du hast ja vorher ausdrücklich auf die korrekte Position bestanden.