Bild: IMAGO/Lobeca
#Kabinenschnack
Von den Erfahrungen der erfahrenen Schiedsrichter*innen profitieren: In der Serie #Kabinenschnack steht genau dieser Wissenstransfer im Mittelpunkt. Unparteiische aus dem Deutschen Handballbund berichten von einer für sie lehrreichen Anekdote und geben Praxistipps für die Kollegen an der Basis. Folge 9 mit Maximilian Engeln aus dem Bundesligakader des Deutschen Handballbundes.
Als Schiedsrichter werdet ihr immer wieder verschiedene Vorschläge bekommen, was ihr besser machen könntet, solltet, müsstet. Kollegen werden euch sagen: "Schaut euch das mal an." Coaches werden euch fragen: "Warum macht ihr das nicht so und so?" Und auch von Spielern, Trainern und Zuschauern wird es über die Jahre Feedback, Kritik und vermeintliche Tipps hageln. Und ihr werdet auch selbst Dinge sehen – ob bei Schiedsrichter-Kollegen aus eurem Landesverband oder aus der Handball-Bundesliga –, die ihr ausprobieren wollt.
Das alles können wichtige Ansatzpunkte sein, um euch weiterzuentwickeln, aber es wird nie alles zu euch passen. Daher probiert Dinge ruhig aus, aber achtet immer darauf, ob ihr euch damit wohlfühlt – und wenn nicht, dann verwerft sie auch wieder.
Mein Gespannpartner Felix und ich sind beispielsweise sehr kommunikativ auf der Platte, aber die Rolle des "Bad Cops" liegt uns nicht. Wir suchen auch in stressigen Situationen den Austausch und haben öfter einen lockeren Spruch auf den Lippen. Wir hatten Bedenken, dass uns diese "Lockerheit" falsch ausgelegt wird; dass es den Eindruck vermittelt, dass wir die Aufgabe auf dem Spielfeld nicht ernst genug nehmen.
Dabei ist das überhaupt nicht der Fall: Wir sind über den Perspektivkader und die 3. Liga in den Nachwuchskader des DHB gekommen und haben natürlich von dem Schritt in den Bundesligakader geträumt. Die ersten beiden Jahre hat der Aufstieg nicht geklappt, also standen wir im dritten Jahr unter Druck.
Drei Jahre ist die maximale Verweildauer im Nachwuchskader; wir hätten in die 3. Liga "zurück" gemusst, wenn wir den Aufstieg in dem Jahr nicht gepackt hätten. Also haben wir uns gedacht: Vielleicht bringt es uns weiter, autoritärer auf dem Feld aufzutreten – so, wie man es bei einigen Kollegen aus dem Elitekader sieht. Wir wollten strenger sein, böser, um seriöser zu wirken.
Das passte nur leider gar nicht zu uns.
Wir haben es dennoch krampfhaft versucht, aber die Hinrunde lief nicht gut. Auf dem Halbzeitlehrgang gab es die Quittung: Wir standen im Mittelfeld des Kaders und haben den Aufstieg innerlich abgehakt. Daher haben wir uns gesagt: Wir müssen wieder wir selbst sein, um den Spaß nicht zu verlieren. Nach einer super Rückrunde hat es am Ende doch noch gereicht, wir sind aufgestiegen.
Die Veränderung, auf dem Spielfeld die "Bad Cops" zu sein, war nichts für uns. Ein anderer Ratschlag hat hingegen sofort gematcht: Ein Coach hat uns in der Jugendbundesliga auf das Bild angesprochen, das wir nach außen abgeben. Felix war durch sein Kraftsport-Training sogar noch muskulöser als heute... und ich, sagen wir mal, eher nicht.
Das sah, so ehrlich muss ich sein, echt ... schlecht aus. Also haben wir uns auf einen Mittelweg geeinigt: Felix hat den Kraftsport weniger extrem betrieben, während ich durch ihn damit angefangen habe. Das hat uns beide weitergebracht, denn unsere Athletik, die wir heute beide mitbringen, wird oft positiv wahrgenommen.
Übungen aus dem Kraftsport, mit dem Theraband und dem eigenen Körpergewicht, gehören heute zu unserer Spielvorbereitung in der Kabine; damit bauen wir Stress ab und es macht uns, davon sind wir überzeugt, leistungsfähiger.
Lange Rede, kurzer Sinn: Pickt euch aus all dem, was ihr hört und seht, die Rosinen heraus! Seid bereit, Dinge anzunehmen und Sachen auszuprobieren, aber überprüft immer, ob das auch wirklich zu euch passt. Wenn ja, behaltet sie bei - und wenn nicht, legt sie ohne schlechtes Gewissen wieder zur Seite.