Jürgen Rieber in Aktion (Foto: IMAGO/wolf-sportfoto)

#Kabinenschnack

Folge 4 mit Jürgen Rieber: Das ganze Orchester bespielen

Von den Erfahrungen der erfahrenen Schiedsrichter*innen profitieren: In der neuen Serie #Kabinenschnack steht genau dieser Wissenstransfer im Mittelpunkt. Unparteiische aus dem Deutschen Handballbund berichten von einer für sie lehrreichen Anekdote und geben Praxistipps für die Kollegen an der Basis. Folge 4 mit dem ehemaligen Spitzenschiedsrichter und heutigen Lehrstabsmitglied Jürgen Rieber.

Es gibt einen Punkt, der mir immer wieder auffällt – gerade bei jungen Gespannen oder Schiedsrichterteams, die frisch aufgestiegen sind, aber auch bei dem einen oder anderen bereits erfahreneren Duo: Die Möglichkeiten der Einflussnahme werden nicht immer zielgerichtet genutzt.

Neben der Pfeife sind eure Gestik, Mimik und die Handzeichen, aber auch die Geschwindigkeit eurer Entscheidung sowie eure Nähe bzw. euer Abstand zur Situation und/oder zum Spieler ganz wichtige Instrumente, auf denen ihr wie bei einem Orchester spielen solltet.

Ein Orchester spielt mal laut, mal leise, mal langsam, mal schnell. Mal schwingt der Dirigent den Taktstock weit gestikulierend, mal eher zurückhaltend, um nur bestimmte Instrumente anzusprechen. Auf die Schiedsrichterei übertragen würde das bedeuten: Die Entscheidung verkaufe ich sichtbar für alle Menschen in der Halle mit großer Geste, aber in der nächsten Situation ist meine Geste oder mein Wort nur für den einen Spieler im Vorbeigehen gedacht.

Ebenso wie der Dirigent mehrere Jahre für seine Berufsausbildung braucht, dauert es auch in der Schiedsrichterlaufbahn, bis ein junger Unparteiischer die ganze Bandbreite bespielen kann. Denn es gibt so viele Möglichkeiten alleine bei einem Pfiff: Ein gutes Timing, wann ich pfeife, ist ebenso wichtig wie die Art, wie ich pfeife, und mit welcher Lautstärke ich pfeife.

Bei einem normalen Freiwurf für die ballbesitzende Mannschaft reicht ein einfacher, knapper Pfiff. Gibt es zusätzlich eine progressive Bestrafung, ändert sich der Ballbesitz oder ist die Aktion hauchdünn an einer Strafe, dann sollte der Pfiff etwas lauter, etwas schärfer sein.

Genauso wichtig ist das buchstäbliche Herangehen an eine Aktion: Bei einer härteren, außergewöhnlichen Situation dürft ihr auf dem Weg zur Situation gerne etwas mehr Fahrt aufnehmen und schnell laufen, ansonsten empfiehlt es sich, sich ruhiger zu bewegen, um Gelassenheit auszustrahlen.

Ebenso wichtig wie der Taktstock des Dirigenten die Musik vorgibt: Die Handzeichen müssen zur Situation passen. Wer beispielsweise einen Gesichtstreffer anzeigt, sollte sich darüber sicher sein. Manche Schiedsrichter zeigen mit ihrer Gestik leider mehr an, als tatsächlich war oder überspitzen das Gesehene. Das kostet, wenn es schlecht läuft, eure Glaubwürdigkeit.

Verwendet auch das mittlerweile oft zu beobachtende Handzeichen, in dem ein Schiedsrichter mit beiden Händen das Weiterspielen anzeigt, bitte nur, wenn ihr euch absolut sicher seid, dass nichts gewesen ist. Ansonsten lasst das Handzeichen lieber weg und pfeift einfach nicht. Ein kurzes Kopfschütteln auf den fragenden Blick des gefoulten Spielers, wenn das Spiel bereits weiterläuft, wäre eine leise Alternative, mit der ihr euch nicht in den Mittelpunkt stellt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Seid euch der Instrumente in eurem „Orchester“ bewusst und setzt sie überlegt und harmonisch ein, damit am Ende eine gute und ausgeglichene Spielleitung dabei herauskommt.