Kay Holm im Gespräch mit Wolfgang Strobel (IMAGO/Claus Bergmann)
#Kabinenschnack
Von den Erfahrungen erfahrener Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter profitieren: In der Serie #Kabinenschnack steht genau dieser Wissenstransfer im Mittelpunkt. Unparteiische aus dem Deutschen Handballbund berichten von einer für sie lehrreichen Anekdote und geben Praxistipps für die Kolleginnen und Kollegen an der Basis. Folge 14 mit Kay Holm, der in seiner aktiven Karriere zusammen mit Matthias Brauer über 800 Einsätze für den Deutschen Handballbund absolvierte und heute als Leiter Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB tätig ist.
Matthias und ich hatten 2013 einen Einsatz in Magdeburg: SC Magdeburg gegen die Rhein-Neckar Löwen. Damals gab es die Anwurfzone noch nicht — der anwerfende Spieler musste ganz klassisch mit einem Fuß auf der Mittellinie stehen.
Matthias hatte ein Tor gegeben, wurde zum Feldschiedsrichter und musste entsprechend auch den Anwurf anpfeifen. Der Rechtsaußen der Rhein-Neckar Löwen stand dabei bereits sieben, acht Meter in der gegnerischen Hälfte, bekam den Ball und warf das Tor.
Dass wir den Anwurf gar nicht hätten anpfeifen dürfen, hat in der Halle niemand mitbekommen — außer Stefan Kretzschmar, der als Co-Kommentator bei Sport1 tätig war. Von der Kommentatorentribüne hatte er den Blick von oben auf das Spielfeld und damit eine bessere Übersicht.
Er sprach die Szene an, sodass die Fernsehzuschauer davon erfuhren — obwohl sie es durch die Kameraperspektive selbst gar nicht hatten sehen können. Das Spiel endete unentschieden, und die Szene sorgte für einigen Unmut.
So ein Fehler ist natürlich ärgerlich, aber manchmal ist der Außenspieler schlicht nicht im Blickfeld. Als Schiedsrichter will man den Anwurf schnell anpfeifen — und genau dann unterläuft einem ein solcher Fehler. In diesem Moment zählt die gesamte Erfahrung plötzlich nichts mehr. Für uns war das ein klares Signal, wieder verstärkt auf Genauigkeit zu achten, denn am Ende kann ein Tor entscheidend sein.
Mein Rat ist daher eindeutig: Geht nie in eine Partie mit dem Gedanken, die kommenden 60 Minuten einfach herunterzupfeifen. Ein folgenschwerer Fehler kann immer passieren — ob im ersten oder im letzten Spiel. Wer sich zu sicher ist, erhöht die Wahrscheinlichkeit.
Die ganze Situation hatte übrigens noch ein zufälliges Nachspiel: 14 Tage später fuhren wir erneut nach Magdeburg, weil ein anderes Schiedsrichterteam kurzfristig ausgefallen war und Ersatz gebraucht wurde. In Magdeburg war es damals Tradition, dass die Gastmannschaft in die abgedunkelte Halle einläuft, bevor es hell wird und die Schiedsrichter aufgerufen werden.
Nachdem der TuS N-Lübbecke eingelaufen war, waren wir an der Reihe — und es brach ein gellendes Pfeifkonzert der Zuschauer los. Die Lübbecker Spieler schauten verdutzt zu uns herüber und fragten schließlich: „Was habt ihr denn gemacht?"
Im Nachgang ließ sich die Situation mit allen Beteiligten klären und konstruktiv auflösen. Aus Fehlern zu lernen ist die eigentliche Weiterentwicklung — eine neue Erfahrung, auch nach über 20 Jahren an der Pfeife.
Trauer um Matthias Brauer
Der Deutsche Handballbund trauert um Matthias Brauer. Der langjährige Elite-Schiedsrichter starb am Sonntag, 19. Juli 2026, im Alter von 58 Jahren nach schwerer Krankheit.
Zum Nachruf des Deutschen Handballbundes: https://www.dhb.de/news/trauer-um-matthias-brauer