Schiedsrichter Christian Herpolsheimer (Foto: IMAGO/wolf-sportfoto)
#Kabinenschnack
Handeln statt beobachten
Von den Erfahrungen der erfahrenen Schiedsrichterinnen profitieren: In der Serie #Kabinenschnack steht genau dieser Wissenstransfer im Mittelpunkt. Unparteiische aus dem Deutschen Handballbund berichten von einer für sie lehrreichen Anekdote und geben Praxistipps für die Kolleginnen an der Basis. Folge 12 mit Christian Herpolsheimer (44), der gemeinsam mit Peter Abel seit vier Jahren in der 3. Liga des Deutschen Handballbundes pfeift.
Wir waren in dieser Saison bei einem hessischen Derby im Einsatz. Es war ein sehr hitziges Duell, das bis zum Ende Spitz auf Knopf stand. In der Mitte der zweiten Halbzeit kam der linke Rückraumspieler aus der zweiten Welle zum Wurf. Er war frei durch, es handelte sich also um eine klare Torgelegenheit – und sein Wurf erwischte den Torwart voll am Kopf.
Ich war Feld-Schiedsrichter und habe auch gesehen, dass der Torwart am Kopf getroffen wurde, aber ich habe in dem Moment nicht registriert, welcher Spieler – welche Nummer – geworfen hat. Und weder mein Kollege als Tor-Schiedsrichter noch ich haben im ersten Moment reagiert. Der Ball rollte aus dem Torkreis, ein Mitspieler des Torwarts nahm ihn auf und leitete den Gegenstoß ein. Da der Torwart immer noch am Boden lag, habe ich jedoch Time-out gegeben – und damit den Tempogegenstoß unterbrochen. Das tut immer weh.
Während der Torwart behandelt wurde, sind mein Partner und ich zusammengekommen und haben uns beraten. Er hatte die Wurfsituation an sich gar nicht wahrgenommen, ich wusste die Nummer des Werfers nicht. Wir standen in dem Moment in einer vollen Halle und hatten keine Ahnung, was wir machen sollen. Wir wussten nur: Wir müssen eine Zeitstrafe geben, denn es war ein Kopftreffer aus einer freien Wurfsituation heraus.
Wir haben uns schließlich auf den Spieler geeinigt, der für uns am ehesten infrage kam, und ihm die Zeitstrafe gezeigt. Was wir jedoch nicht wahrgenommen hatten: Während wir uns noch beraten haben, ist der tatsächliche Werfer zum Torwart gelaufen und hat sich entschuldigt. Wir standen jedoch mit dem Rücken dazu, sodass wir das nicht gesehen haben.
Der von uns hinausgestellte Spieler hat uns darauf hingewiesen – und wir haben daraufhin unsere Entscheidung korrigiert. Der Werfer hat die Zeitstrafe auch sofort akzeptiert. Und der Torwart konnte nach der Behandlung weiterspielen. Allerdings ging es natürlich nicht im freien Gegenstoß weiter, sondern aufgrund der Zeitstrafe mit einem Freiwurf an der eigenen Neun-Meter-Linie.
Es war eine Situation, die für uns doppelt blöd gelaufen ist – und die wir, und das macht es umso ärgerlicher, mit zwei kleinen Stellschrauben viel eleganter hätten lösen können.
Erstens: das Stellungsspiel. Ich stand als Feld-Schiedsrichter zu zentral und hatte daher keinen seitlichen Blick auf die Situation. Hätte ich besser gestanden und die Szene komplett beobachten können, hätte ich wahrscheinlich sofort nach dem Kopftreffer unterbrochen und auch wahrgenommen, welcher Spieler geworfen hat. Und mein Partner als Tor-Schiedsrichter hätte ebenfalls sofort unterbrechen müssen, sobald der Torwart zu Boden gegangen war – aber er hat das aus seiner Position heraus nicht so wahrgenommen.
Abgesehen vom nicht optimalen Stellungsspiel unsererseits, an dem wir seitdem auch gearbeitet haben, war der entscheidende Fehler, die Situation nach dem Kopftreffer generell zu lange laufen zu lassen.
Hätten wir – oder zumindest einer von uns – sofort reagiert und Time-out gegeben, wären die ärgerlichen Folgefehler gar nicht entstanden. Wir hätten keinen Gegenstoß unterbrechen müssen, weil dieser gar nicht zustande gekommen wäre – wir hätten ja genug Zeit gehabt, das Spiel anzuhalten, während der Ball noch zurück ins Spielfeld rollte. Der Torwart wäre schneller behandelt worden. Und wir hätten sofort gewusst, welchen Spieler wir korrekterweise hinausstellen müssen.
Wir haben aus dieser einen Situation einen großen Lerneffekt gezogen – und das alles vor den Augen des Coaches, der in der Halle war. Die Spieler haben sowohl den abgepfiffenen Gegenstoß als auch die korrigierte Zeitstrafe übrigens diskussionslos akzeptiert, von ihnen kam nichts. Das Publikum war verständlicherweise not amused, aber insgesamt war auch das okay. Unser Handeln in der Situation sah für Außenstehende, das müssen wir offen zugeben, wirklich schlecht aus – und wir haben auf jeden Fall unsere Lehren daraus gezogen.