Foto: IMAGO/Jan Guenther
#Kabinenschnack
Von den Erfahrungen erfahrener Schiedsrichterinnen profitieren: In der Serie #Kabinenschnack steht genau dieser Wissenstransfer im Mittelpunkt. Unparteiische aus dem Deutschen Handballbund berichten von lehrreichen Anekdoten und geben Praxistipps für die Kolleginnen an der Basis. Folge 11 mit Christian vom Dorff aus dem Elitekader des Deutschen Handballbundes.
Es gibt 30 Sekunden vor jedem Spiel, in denen mein Bruder Fabian und ich uns nicht stören lassen. Wir reagieren weder auf Spieler, die uns im Vorbeigehen etwas zurufen, noch auf Trainer, die abklatschen wollen. Wahrscheinlich würde uns in diesen 30 Sekunden nicht einmal auffallen, wenn einer der größten Hollywood-Stars vorbeikäme.
In diesen 30 Sekunden, kurz vor dem Einlaufen in die Arena, führen wir unser „Klopfritual“ durch. Das machen wir inzwischen seit fast 15 Jahren vor jedem Spiel – und mittlerweile wissen auch einige Mannschaften, dass wir uns dabei nicht stören lassen. Eingeführt haben wir dieses Ritual nach einem Gespräch mit Goran Suton, der 2016 leider viel zu früh verstorben ist.
Nach einem Einsatz in der Regionalliga – der heutigen 3. Liga – in Saarlouis setzte er sich zu uns in die Kabine. Unsere Leistung war nicht gut gewesen, und das hat er uns auch gesagt. Er empfahl uns die besagte Klopftechnik, die ursprünglich aus der Affenwelt stammt. Anfangs haben wir das nicht ernst genommen, uns dann aber eingelesen – und es ausprobiert.
Das Klopfen soll die Thymusdrüse anregen. Für uns ist allerdings weniger wichtig, wie es genau funktioniert – wir spüren einfach: Das Klopfen bewirkt etwas bei uns. Egal, welches Spiel wir pfeifen, wie wichtig es ist oder wie groß der Druck: Das Klopfen hilft uns, in unseren Flow zu kommen und punktgenau fokussiert zu sein.
Solche kleinen Rituale hat wahrscheinlich jedes Schiedsrichterteam. Rituale bedeuten Sicherheit, Fokus und Fehlerminimierung. Wir können euch daher nur empfehlen, euch ebenfalls feste Abläufe zu schaffen. Es gibt Kolleg*innen, die immer die gleiche Musik hören, die Schiedsrichterkarten auf eine bestimmte Weise ausfüllen oder in der Kabine nicht auf bestimmte Übungen mit der Blackroll verzichten wollen.
Auch bei uns gibt es neben dem Klopfen einige praktische Abläufe: Fabian nimmt zum Beispiel immer den Kabinenschlüssel – daran denke ich gar nicht. Und Fabian pfeift immer an. Als ich vor einigen Jahren einmal spontan mit einem Kollegen aus einem anderen Schiedsrichterteam eingesprungen bin, war das extrem irritierend, denn auch bei ihm pfeift immer der Partner an und hat den Schlüssel.
Rituale und feste Abläufe helfen, Ablenkungen zu minimieren. Wo die Aufgaben klar verteilt sind, muss man sich nicht absprechen und spart sich eventuell sogar unnötige Diskussionen. Wichtig ist dabei, dass ihr euch wohlfühlt. Rituale lassen sich nicht aufzwingen – sie entstehen aus gemeinsamen Erfahrungen und entwickeln sich über die Zeit vielleicht auch weiter.
Daher: Zwingt euch nicht, ein Ritual zu etablieren, sondern haltet einfach gemeinsam fest, wenn etwas gut geklappt hat. Wenn ihr eure beste Saisonleistung vielleicht ausgerechnet in dem Spiel zeigt, nachdem ihr euch in der Kabine Traubenzucker geteilt habt, überlegt, ob ihr das beibehaltet. Erinnert euch, was euch in positive Stimmung bringt, und belohnt euch damit selbst. Rituale wachsen – und müssen nur für euch Sinn ergeben. Ihr müsst sie nicht erklären, nicht darüber sprechen. Sie gehören euch und verbinden euch.
Wir sprechen übrigens lieber von Ritualen und Abläufen als von Routine. Denn Routine birgt immer die Gefahr, nachlässig zu werden – und das verleitet zu unnötigen Fehlern. Deshalb versuchen wir ganz bewusst, unsere Rituale zu leben und nicht einfach nur auf einer inneren Checkliste abzuhaken. So wie beim Klopfritual: Wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen, nicht hetzen, nicht ablenken. In diesen 30 Sekunden kann kommen, was will – diese Zeit gehört uns, weil wir sie brauchen, um voll fokussiert zu sein und unsere bestmögliche Leistung auf dem Feld zu bringen. Und darauf kommt es an.