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Jutta Ehrmann-Wolf: Fachliche Kompetenz statt Quotenfrau

Ein Interview mit Jutta Ehrmann-Wolf, die bei der EHF EURO 2020 als erste Frau bei einer Männer-Europameisterschaft als Delegierte zum Einsatz kam.

Jutta Ehrmann-Wolf war 20 Jahre als Schiedsrichterin für den Deutschen Handballbund unterwegs und pfiff gemeinsam mit Gespannpartnerin Susanne Künzig über 500 Spiele. Seit 2009 ist die heute 56-Jährige als Delegierte im DHB unterwegs, seit 2014 sitzt sie auch auf europäischer Ebene am Tisch.

Für Ehrmann-Wolf war die Nominierung für die EHF EURO 2020 ein Meilenstein. Sie sagt: „Es macht mich stolz, dass ich mit dieser Aufgabe betraut wurde – auch in dem Bewusstsein, dass ich den Job aufgrund meiner fachlichen Kompetenz erhalte und nicht über eine Quotenregelung.“

 

Redaktion: Jutta, wie fällt Dein Fazit von der EHF EURO 2020 aus?

Jutta Ehrmann-Wolf: Ich hatte eine wirklich tolle, aber zugleich herausfordernde Zeit mit sehr viel Freude und schönen Erlebnissen. Ich habe dieses Event sehr genießen können.

 

Wo genau warst Du im Einsatz?

Ich war in der Vorrunde in Göteborg – das war die Gruppe mit Gastgeber Schweden, Polen, der Schweiz und Slowenien. Ich saß bei vier Spielen selbst am Tisch und war in der Gruppe zudem für die Schiedsrichterausbildung zuständig. Dabei geht es um das Briefing vor dem Spiel, um Absprachen im Spiel und das De-Briefing nach den Spielen. Außerdem gab es tägliche Meetings mit der ganzen Gruppe sowie Einzel- und Evaluierungsgespräche.

 

Was sind die Unterschiede zum Einsatz als Delegierte in Deutschland?

Die technischen Aufgaben sind grundsätzlich die gleichen – mit dem Unterschied, dass man bei der Europameisterschaft zu zweit am Tisch ist. Jeder ist für eine Bankseite verantwortlich. Auch die technische Unterstützung mit dem Buzzer, der Torlinientechnik, der Torlichttechnik – dem roten Licht – sowie die technische Möglichkeit, Wechselfehler zu prüfen, gibt es in Deutschland nicht. Ein weiterer großer Unterschied ist, dass die Delegierten bei der EHF auch für die Beurteilung und Ausbildung der Schiedsrichter zuständig sind – das sind wir in Deutschland nicht.

 

Gibt es einen Moment von der Europameisterschaft, der Dir besonders im Gedächtnis hängen geblieben ist?

Die Nominierung selbst! Ich habe die Information bekommen, dass man mit mir für die Männer-Europameisterschaft plant. Und in Anbetracht dessen, dass ich die erste Frau bin, die mit so einer Aufgabe betraut wurde, war das ein ganz besonderer Moment.

 

Was bedeutet Dir das?

Es macht mich stolz, dass ich mit dieser Aufgabe betraut wurde – auch in dem Bewusstsein, dass ich den Job aufgrund meiner fachlichen Kompetenz erhalte und nicht über eine Quotenregelung. Für mich war die Nominierung zugleich mit einem positiven Druck verbunden: Ich wollte einen guten Job abliefern, weil mein Einsatz eine Art Türöffner für die nächsten Frauen sein würde.

 

Gab es ein Feedback von dem Verband? 

Ein persönliches Feedback gab es nicht. Ich denke, dass ich alle gestellten Aufgaben ordentlich erledigt habe. Es gab auch keinerlei Reklamationen oder Probleme während der Spiele in meiner Gruppe.

 

Gab es Akzeptanzprobleme im Vergleich mit männlichen Kollegen oder haben Dich die Spieler und Trainer genauso behandelt?

Idealerweise wird man im Spiel ja gar nicht wahrgenommen, weil es ruhig läuft (schmunzelt). Nein, Spaß beiseite: Akzeptanzprobleme hatte ich keine, die meisten Leute kennen mich ohnehin, weil viele Spieler in der Bundesliga spielen oder gespielt haben. Auch der eine oder andere Trainer im internationalen Spitzenbereich war ja zu meiner aktiven Schiedsrichterzeit als Bundesligaspieler unterwegs.

Eine Sache möchte ich noch mehr hervorheben als meinen eigenen Einsatz, weil ich ja nur am Spielfeldrand agiere: Die Bonaventuras waren als erstes Frauengespann bei einer Männer-Europameisterschaft im Einsatz – und haben aus meiner Sicht ein sehr, sehr gutes Turnier gepfiffen. Auch da gab es keinerlei Akzeptanzprobleme.

 

Nach Deinem ersten Großturnier im Männer-Bereich: Welche Ziele hast Du noch für deine Karriere als Delegierte?

Natürlich träumt jeder Sportler von Olympia, aber das wird erst einmal unerfüllt bleiben. Ansonsten versuche ich einfach, alle Nominierungen, die ich erhalte, ordentlich abzuwickeln und dann werde ich auch die entsprechenden Spiele bekommen.

 

Was waren die Meilensteine in Deiner Laufbahn als Delegierte?

Ich bin sofort nach meiner aktiven Karriere als Bundesligaschiedsrichterin in den Delegiertenjob in Deutschland eingestiegen. Das war 2009, nach zwanzig Jahren als Schiedsrichterin im DHB. Seit 2014 bin ich zusätzlich auf europäischer Ebene unterwegs und sitze seit 2018 in der Schiedsrichterkommission der EHF. Das war für mich ein großer Meilenstein. 

Ansonsten gehören sicherlich meine erste Frauen-EM 2016 in Schweden sowie die Frauen-EM 2018 in Frankreich zu den Höhepunkten. Meine erste Nominierung in der Champions League der Frauen hatte ich 2015 in Ikast, 2019 durfte ich als erste Frau in der Champions League der Männer am Tisch sitzen – das war in Schaffhausen. Außerdem war ich 2017 und 2018 beim Final Four der Frauen-Champions-League in Budapest im Einsatz.

 

Was macht für Dich den Reiz an der Aufgabe als Delegierte aus?

Ich liebe den Handball einfach. Ich liebe diese Sportart, seit ich zwölf Jahre alt war, mein Leben ist geprägt vom Handball. Es macht mir Freude, als Delegierte mit den Schiedsrichtern zu arbeiten und die Schnittstelle zwischen den Vereinen und den Schiedsrichtern zu sein. Ich sehe mich da in unterstützender Funktion und setze alles daran, den Schiedsrichtern den Rücken freizuhalten.

Ich möchte mein Wissen, meine Freude und meine Emotionen einbringen. Gerade auf europäischer Ebene gibt es noch einmal andere Möglichkeiten, mit den Schiedsrichtern zu arbeiten, weil man gewisse Mentoringaufgaben übernimmt. Ich hatte selbst als Schiedsrichterin immer wieder große Herausforderungen und ich sehe es auch ein bisschen als Generationsaufgabe an, mein Wissen weiterzugeben und die nächste Generation damit zu unterstützen.

 

Auch abseits des Tisches bist Du dem Handball eng verbunden. Magst Du zusammenfassen, was Deine Aufgaben sind?

Ich mache in Leverkusen irgendwie alles. Gemeinsam mit Renate Wolf manage ich die Handballabteilung der Werkselfen. Im Business würde man wohl sagen, ich bin COO. Der Frauenhandball – vor allem in Deutschland – lebt davon, dass es Menschen gibt, die ihren Job als Berufung betrachten.

 

Gibt es noch weitere Aufgaben?

Wir versuchen im Verein, neben unserer Kernaufgabe junge Handballerinnen an die nationale Spitze heranzuführen, Talente im Trainerinnenbereich zu fördern. Durch ein gezieltes Mentoring möchten wir diesen jungen Frauen unter die Arme greifen und sie immer wieder bestärken, weiter am Ball zu bleiben.

Gleiches versuche ich im Schiedsrichterinnenbereich in Europa, aber auch in Deutschland mit großer Freude. Es ist für mich eine Herzensangelegenheit, Frauen zu unterstützen und zu positionieren, wenn es die Möglichkeit gibt. Selbstverständlich muss die Leistung stimmen, denn ohne Leistung geht nun mal nichts im Leistungssport.