Kampf um jeden Zentimeter: Wer hier wen schiebt, hält, zieht oder stößt, lässt sich zu diesem Zeitpunkt bestenfalls noch erahnen ... (Foto: imago/siwe)

Jeder Zentimeter zählt

Das Regelwerk rund um den 7. Feldspieler hat die spieltaktischen Möglichkeiten im modernen Handball erheblich erweitert. Der 7. Feldspieler wird nicht nur zum Überbrücken von Unterzahlsituationen, sondern auch regelmäßig bei numerischer Gleichzahl für eine zusätzliche ­Anspielsta­tion im Angriffsspiel genutzt. Hierdurch erhöht sich die Feldspielerzahl, nicht jedoch der zur Verfügung stehende Raum. Damit rückt ein Aspekt in den ­Fokus, der für die Schiedsrichter schon immer mit besonderen Herausforderungen verbunden war: das Kreisläuferspiel.

Das Kreisläuferspiel sicher im Griff

Hinterlaufen beim Kreisläuferspiel – aktueller denn je

Die Kreisposition ist der einzige Spielbereich, bei dem es zu einem nahezu permanenten Kontakt zwischen Abwehr- und Angriffsspieler kommt. Schon geringe Stellungsvorteile des Angriffsspielers führen häufig unmittelbar zu klaren Torgelegenheiten; erfolgreiche Abwehrarbeit gegen das Kreisläuferspiel ist demgegenüber regelmäßig der „Schlüssel“ zum Ballgewinn. Die spieltaktische Konsequenz hieraus ist einleuchtend: Am Kreis zählt jeder Zentimeter, dementsprechend intensiv wird von beiden Seiten darum „gerungen“. Da dies auf engstem Raum geschieht, entsteht für die Schiedsrichter ein dauerhafter Brennpunkt, bei dem die Grenzen zwischen zulässigem Körpereinsatz und regelwidrigem „Ringen am Kreis“ oft fließend sind (siehe Bild oben).  

Diese Situation wird durch den Einsatz des 7. Feldspielers insofern verschärft, als der überzählige Feldspieler im Regelfall als zusätzlicher Kreisspieler agiert, wodurch – auf engstem Raum – ein zweiter Brennpunkt entsteht. Um den knappen verfügbaren Raum optimal für sich zu nutzen, greifen sowohl Kreisspieler als auch Verteidiger häufig zu einem regelwidrigen, aber effizienten Mittel: Sie hinterlaufen ihren Gegenspieler durch den Torraum. Effizient deswegen, da dieses Verhalten – sofern nicht konsequent durch die Schiedsrichter geahndet – enorme spieltaktische Vorteile bietet.   
Dieser Beitrag versucht, die jeweiligen „Interessenslagen“ von Angriffs- und Abwehrspieler herauszuarbeiten und die sich daraus ergebenden spieltypischen Situationen zu erläutern. Ein taktisches Grundverständnis erleichtert es den Schiedsrichtern, regelwidriges Hinterlaufen durch den Torraum zu antizipieren und rechtzeitig wahrzunehmen, bevor Abwehrspieler oder Angreifer wieder eine korrekte Position eingenommen haben.

Regeltechnischer Rahmen

Das Regelwerk legt die Folgen regelwidrigen Betretens des Torraums in Regel 6:2 und 6:3 (siehe hier den offiziellen Regeltext **Link**) klar fest. Vergehen des ballführenden Angreifers führen zum Abwurf. Erfolgt das Torraumbetreten des Angriffsspielers ohne Ballbesitz, wird dies nur dann mit einem Abwurf für die verteidigende Mannschaft sanktioniert, wenn sich der Angreifer hierdurch einen Vorteil verschafft (Regel 6:2a). Verteidigt der Abwehrspieler im Torraum, ist zu differenzieren: Erfolgt das „Hinterlaufen“ durch den Torraum zur Vereitelung einer klaren Torgelegenheit, ist auf 7-m-Wurf (Regel 6:2c), anderenfalls auf Freiwurf zu entscheiden (Regel 6:2b). Bei wiederholtem Betreten des Torraums durch Angriffs- oder Abwehrspieler aus taktischen Gründen ist der fehlbare Spieler progressiv zu bestrafen (Regel 8:7). Keiner Entscheidung bedarf es, wenn ein Angreifer nach dem Abspiel den Torraum betritt und dem Abwehrspieler hierdurch kein Nachteil entsteht (Regel 6:3a) oder das Betreten des Torraums für den Angreifer oder den Abwehrspieler ohne Vorteil bleibt.

Interessenslagen von Kreisläufer und Abwehrspieler

Als regelwidrig ist das Abwehr- oder Angriffsverhalten zwangsläufig immer dann zu bewerten, wenn sich der fehlbare Spieler hierdurch einen spieltaktischen Vorteil verschafft. Kennt der Schiedsrichter diese Vorteile auch, kann er häufig schon bei der Entstehung von Spielsituationen Regelverstöße antizipieren. Der Infokasten zeigt auf, welchen Zweck Kreisläufer und Abwehrspieler durch das „Hinterlaufen“ von Gegenspielern durch den Torraum verfolgen.


Info: Interessenlagen am Torraum

Hinterlaufen durch den Angreifer

Entstehende Vorteile für den Angreifer

  • Größere Bewegungsfreiheit am Torraum   
  • Stellungsvorteile gegenüber dem regulär verteidigenden Abwehrspieler  
  • Bessere Nutzung des freien Raums am Torraum  
  • „Unbemerkte“ Stellungswechsel
Hinterlaufen durch den Verteidiger

Entstehende Vorteile für den Verteidiger

  • Ausgleich von Stellungsnachteilen   
  • Einfache Verhinderung klarer Torgelegenheiten  
  • Ausgleich läuferischer Defizite  
  • „Kraftsparende“ Deckungsarbeit

In ersten Bild ist zu erkennen, dass der Kreisspieler (KS) von Team WEISS die regelkonform stehenden Abwehrspieler von Team ROT durch den Torraum „hinterläuft“. Er wird erst dadurch für den ballführenden Rückraum-Links (RL) gegebenfalls anspielbar. Diese spieltaktisch günstige Position hinter HR könnte er durch korrektes Angriffsverhalten kaum erreichen, weil der Raum an der Torraumlinie durch den IL-Verteidiger vollständig eingenommen wird. Es zeigt sich hier, dass das regelwidrige Verhalten des angreifenden Kreisspielers Vorteile für seine Mitspieler bringt, selbst wenn es nicht zum Kreisanspiel kommt. Durch das Hinterlaufen wird der Innen-Links-Verteidiger (IL) gezwungen, sich in Richtung des Kreisspielers zu bewegen. Das ermöglicht dem Rückraum-Links (RL) – neben dem Pass zum Kreisläufer –, zur Wurfarmseite nach innen zu ziehen, da sein unmittelbarer Gegenspieler (HR) infolge des regelwidrigen Hinterlaufens des Kreisläufers gebunden wird.

Das zweite Bild zeigt, dass der dem Kreisläufer zugeordnete Innen-Rechts-Verteidiger (IR) nur durch regelwidriges „Hinterlaufen“ den Ausgleich seines Stellungsnach­teils erreicht. Bei korrektem Abwehrverhalten hätte der Rückraum-Links-Angreifer (RL) die Möglichkeit gehabt, den dann freistehenden Kreisspieler im Tiefenraum hinter dem offensiv agierenden Innen-Links-Verteidiger (IL) anzuspielen. Auch für den Halb-Links-Verteidiger (HL) ist das regelwidrige Verhalten von IR vorteilhaft, da er sich frühzeitig auf seinen eigentlichen Gegenspieler Rückraum-Rechts (RR) konzentrieren kann. Dies hat zudem die Folge, dass der Außen-Links-Verrteidiger (AL; nicht im Bild) nicht gegen RR aushelfen muss. Auch hier wird deutlich, dass sich ­regelwidriges Abwehrverhalten durch „Hinterlaufen“ nicht nur positionsbezogen auswirkt, sondern zwangsläufig auch auf anderen Positionen zu nicht gerechtfertigten, regelwidrigen Stellungsvorteilen führt.

Typische Spielsituationen, in denen es zum „Hinterlaufen“ kommt

Kennt man die Ziele, die Angriffs- und Abwehrspieler mit einem „Hinterlaufen“ verfolgen, lässt sich vergleichsweise einfach herausarbeiten, welche Spielsituationen für dieses regelwidrige Verhalten typisch sind. Für die Schiedsrichter ist wichtig, diese Konstellationen „im Hinterkopf“ zu haben, um auf ein „Hinterlaufen“ vorbereitet zu sein und regelwidriges Verhalten antizipieren zu können. Dies ist deswegen so wichtig, weil sich das „Hinterlaufen“ im Gegensatz zu anderen Spielsituationen regelmäßig abseits des Balls abspielt und die ­eigentliche Regelwidrigkeit häufig nur ­Sekundenbruchteile in Anspruch nimmt, ehe der betreffende Spieler wieder eine ­regelkonforme Positionierung erreicht hat. Sind die Schiedsrichter daher auf derartiges Fehlverhalten nicht vorbereitet, wird der richtige Moment zur Entscheidung entweder „verpasst“ oder der Regelverstoß wird im schlimmsten Fall überhaupt nicht wahrgenommen. Eine Übersicht der typischen Spielsituationen kann dem Hinweiskasten 1 entnommen werden.

Typische Fehlerquellen

Das „Hinterlaufen“ im Kreisspiel stellt die Schiedsrichter bei ihrer Entscheidungsfindung vor hohe Anforderungen. Dies liegt zum einen daran, dass hier Angreifer- und Abwehrvergehen sehr nah beieinander liegen, also der Fokus nicht isoliert auf Angriffs- oder Abwehrspieler gelegt werden darf. Darüber hinaus bedarf es permanenter Beobachtung. Wer hier das Geschehen aus dem Auge verliert und reaktiv entscheidet, verpasst häufig das zeitlich erste Vergehen und ahndet dann zu Unrecht die Reaktion des Gegenspielers. Deswegen wiegen Fehler in der Aufgabenverteilung hier schwer.  

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Wer in diesem Regelbereich Schwächen und eine inkonsequente Linie zeigt, verliert bei den Spielerinnen und Spielern sofort an Akzeptanz. Diese haben ein sehr gutes Gespür dafür, ob ein Schiedsrichter das Spiel „lesen“ und taktisch motivierte Regelverstöße als solche erkennen kann. Wird dies den Spielern nicht vermittelt, „kaufen“ sie den Schiedsrichtern die getroffenen Entscheidungen nicht mehr ab. 

Fehlerquellen im Bereich des Hinter­laufens“ lassen sich im Wesentlichen in drei unterschiedliche Kategorien einteilen:

  • Teamarbeit/Aufgabenverteilung: Achtet der Torschiedsrichter zu wenig auf „seinen“ Kreisbereich, nimmt er „hinterlaufende“ Angriffs- und Abwehrspieler nicht wahr. Die Folge ist logisch: Der benachteiligte Spieler wird zum selben (regelwidrigen) Mittel greifen oder durch ein unzulässiges Abwehr- oder Angriffsverhalten versuchen, das Vorgehen seines Gegenspielers zu verhindern. Die Folge sind „Kreiskämpfe“, die mit fortlaufender Spieldauer immer intensiver werden. Progressive Bestrafungen werden nicht akzeptiert, weil das eigentlich ­ursächliche „Hinterlaufen“ nicht geahndet wurde.
  • Fehlende Linie: Wird das „Hinterlaufen“ nicht von Beginn an konsequent geahndet, werden spätere Entscheidungen von den Mannschaften als unklare, im schlimmsten Fall sogar als einseitige Linie wahrgenommen. Dieser Eindruck lässt sich im Laufe eines Spiels kaum noch ändern. Die Folge ist ein dauerhafter Akzeptanzverlust. 
  • Fehlendes Spielverständnis: Fehlt den Schiedsrichtern das notwendige taktische Verständnis, können für das „Hinterlaufen“ typische Spielsituationen oder -entwicklungen nicht erkannt werden. Die Folge ist eine fehlende oder sogar fehlerhafte Antizipation, die von den Mannschaften häufig als eine spieluntypische Regelauslegung und als fehlendes „Fingerspitzengefühl“ interpretiert wird. Im Ergebnis führt auch dies zu Akzeptanzproblemen.

Lösungsansätze

Eine von den Mannschaften akzeptierte Regelauslegung der Schiedsrichter hängt maßgeblich davon ab, ob sich die Schiedsrichter auf veränderte Spielsituationen einstellen können und ein „Hinterlaufen“ von Abwehr- oder Angriffsspieler frühzeitig erkennen und ahnden. Hier sind grundlegende Absprachen im Gespann und eine klare Aufgabenverteilung besonders wichtig. Gerade die neuen taktischen Möglichkeiten durch den Einsatz eines 7. Feldspielers bzw. die damit verbundene Enge am Kreis erfordert von den Schiedsrichtern ein besonderes Augenmerk.   

Ganz entscheidend ist jedoch auch die konsequente Ahndung von Verstößen. Wer hier zu Beginn des Spiels keine konsequente ­Linie fährt, muss mit Unverständnis und mangelnder Akzeptanz durch die Mannschaften rechnen, wenn das „Hinterlaufen“ erst im Laufe oder gar erst zum Ende des Spiels gepfiffen wird. Zeigen sich die Schiedsrichter hier jedoch verlässlich und von Beginn an konsequent, werden die Mannschaften von einem gezielten „Hinterlaufen“ als taktischem Mittel absehen. Die Situation am Kreis wird sich hierdurch merkbar entspannen. Hier sollte auch das notwendige Fingerspitzengefühl bewiesen werden. Kleineren Verstößen ohne vorteilhafte Auswirkung für die fehlbare Mannschaft kann zu Beginn des Spiels gegebenenfalls noch durch eine Ermahnung oder einen Hinweis auf das unkorrekte Stellungspiel begegnet werden. Hierdurch zeigt man den Mannschaften frühzeitig, dass man entsprechende Verstöße erkennt und ahnden wird. Dies muss dann aber in der Folge auch zwingend umgesetzt werden, damit man sich nicht unglaubwürdig macht. – UUm hier zu überzeugen, kann man sich an folgenden Richtlinien orientieren (s. Hinweiskasten).

Fazit

Beim „Hinterlaufen“ durch Angriffs- oder Abwehrspieler handelt es sich nicht zuletzt vor dem Hintergrund der neuen taktischen Möglichkeiten des Einsatzes eines 7. Feldspielers um eine aktuelle Thematik, deren konsequente Ahndung für die Schiedsrichter häufig nicht einfach ist. Eine gute Spielleitung in diesem Bereich setzt taktisches Grundverständnis, Antizipationsfähigkeit, eine einheitliche Linie und eine gute Abstimmung im Gespann voraus. Wer in diesem Bereich überzeugt, der erreicht mehr als „nur ein paar richtige Pfiffe“, sondern häufig genau die Akzeptanz der Spieler und Trainer, die für eine souveräne und gute Leistung unerlässlich ist. Es gilt das Motto: „Kreisläuferspiel – jeder Zentimeter zählt“.