Quelle: ehftv.com
Ist der Schiedsrichter "Luft"?
Was im Video geschieht
Mannschaft WEISS ist im Angriff. WEISS 10 wirft auf das Tor. Der Torwart Mannschaft BLAU hält den Ball, der danach Richtung Torauslinie fliegt, aber nicht ins Toraus geht, sondern die Torschiedsrichterin trifft, die nunmehr im Torraum steht, und der Ball dadurch ins Seitenaus geht. Als Spielfortsetzung zeigt die Torschiedsrichterin dann Einwurf für Mannschaft BLAU an.
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen
Wie schon in der Überschrift angeführt, wird gem. Regel 7:9 weitergespielt, wenn der Ball einen Schiedsrichter auf der Spielfläche berührt. Gemäß Regel 1:1 ist die Spielfläche ein Rechteck von 40 Meter Länge und 20 Meter Breite und umfasst zwei Torräume und ein Spielfeld.
Da die Schiedsrichterin zum Zeitpunkt der Ballberührung im Torraum steht (also auf der Spielfläche!), greift hier zunächst Regel 7:9; es wird weitergespielt. Gemäß Regel 11:1 wird auf Einwurf entschieden, wenn der Ball die Seitenlinie vollständig überquert.
Der Ball hat tatsächlich die Seitenlinie vollständig überquert. Ergo muss es mit Einwurf weitergehen. Die Frage ist aber hier dann, für wen?
Hier kommt wieder der berühmte Spruch, der Schiedsrichter ist Luft, zum Tragen. Denn der Ball wurde zuletzt vom Torwart BLAU 24 berührt und ist dann – über den Umweg Schiedsrichter – nicht ins Toraus, sondern ins Seitenaus geflogen. Da die Schiedsrichterin im Torraum stand und „Luft“ ist, wäre hier die richtige Spielfortsetzung Einwurf für Mannschaft WEISS gewesen.
Hier noch einige Beispiele, wie sie auch im Regelfragenkatalog zu finden sind:
Regelfragen
Nach einem Wurf von WEISS 4 prallt der Ball vom Pfosten ab, trifft den neben dem Tor im Torraum stehenden Schiedsrichter und überquert deshalb nicht die Torauslinie, sondern die Seitenlinie. Wie ist zu entscheiden?
Richtige Antwort: Einwurf für Team SCHWARZ
oder
WEISS 5 führt einen Einwurf aus, der Ball trifft den Schiedsrichter im Spielfeld und gelangt ins Tor. Wie ist zu entscheiden?
Richtige Antwort: Tor
oder
WEISS 7 trifft mit einem Einwurf den Schiedsrichter, nimmt den Ball wieder auf und wirft ihn ins Tor von Team SCHWARZ. Wie ist zu entscheiden?
Richtige Antwort: Freiwurf für Team SCHWARZ
oder
Der Torwart von Team SCHWARZ führt einen Abwurf aus. Der Ball trifft den Schiedsrichter und prallt zurück zum Torwart von Team SCHWARZ, der in der Zwischenzeit den Torraum verlassen hat. Wie ist zu entscheiden?
Richtige Antwort: Freiwurf für Team WEISS
Fazit für die Schiedsrichter
Man sollte daher vermeiden, als Torschiedsrichter im Torraum zu stehen. Denn wäre die Schiedsrichterin hinter der Torauslinie geblieben (wo sie vorher auch richtigerweise stand), und wäre dann getroffen worden, wäre Abwurf die richtige Entscheidung.
Also: Augen auf, wo geht der Ball hin und wie ist mein Stellungsspiel bzw. wo stehe ich gerade.
Zu guter Letzt
Regel 7:9 nimmt in Kauf, dass der Schiedsrichter auch ein Tor erzielen kann, wenn der Ball ihn im Spielfeld trifft und von dort ins Tor gelenkt wird. Ebenso wenn der Schiedsrichter – aus welchen Gründen auch immer – vom Ball im Spielfeld stehend getroffen wird und der Ball dann nicht die Torlinie überschreitet; der Schiedsrichter also einen Torerfolg verhindert. Dies gilt es unter allen Umständen zu vermeiden.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.