Quellen: DHB
Ist das Spielfeld zu klein?
Für die Außenspieler wird das Spielfeld durch den Torraum sowie durch die Seiten- und Torauslinie begrenzt. Alle Linien gehören zu dem Bereich, den sie begrenzen, dürfen also entweder durch den Torwart (Torraumlinie) oder durch die Spieler (ein Teil der Torauslinie außerhalb des Torraums und der Seitenlinie) berührt werden.
Ein falscher (regelwidriger) Vorteil, der leider in nahezu allen Leistungsbereichen vorkommt und selten beachtet, geschweige denn durch die Schiedsrichter sanktioniert wird, ist das Anlaufen der Außenspieler teilweise deutlich außerhalb des Spielfelds. Dies passiert insbesondere dann, wenn der Außenspieler aus dem Bereich des Schnittpunkts der Seiten- und Torauslinie (der Ecke) kommt.
Was im Video geschieht
Mannschaft WEISS ist im Angriff 6 gegen 6. Rückraum-Rechts (RR) spielt den Ball zum Rechtsaußen (RA), der deutlich außerhalb der Spielfläche anläuft, gleichwohl die Ballannahme im Spielfeld erfolgt. Da der Abwehrspieler ROT Außen-Links (AL) regelgerecht seitlich schnell verschiebt, hat RA WEISS keine Lücke und muss den Ball wieder zurück zu RR WEISS 64 spielen. Der Trainer ROT hat das regelwidrige Anlaufen erkannt, der Schiedsrichter leider nicht.
DIE REGELTECHNISCHE EINORDNUNG VON DHB-SCHIEDSRICHTERLEHRWART KAY HOLM
Der RA startet hier ohne Ball deutlich außerhalb des Spielfelds. Auch wenn die Ballannahme erst innerhalb des Spielfelds erfolgt, verschafft sich der Außenangreifer aufgrund des verlängerten Anlaufs außerhalb des Spielfelds einen regelwidrigen Vorteil: Seine Anlaufgeschwindigkeit ist höher, er kann – da er den Raum hat – so viel weiter in den Torraum springen und damit seinen Wurfwinkel verbessern.
Sieht der Schiedsrichter den von außerhalb anlaufenden Spieler, ist sofort auf Freiwurf für die gegnerische Mannschaft zu entscheiden!
Spieler außerhalb des Spielfelds
Verlässt ein Spieler das Spielfeld ohne Ball, fordern die Schiedsrichter ihn auf, ins Spielfeld zurückzukehren. Kommt er dieser Aufforderung nicht unverzüglich nach, muss – natürlich auch im Wiederholungsfall – auf Freiwurf für den Gegner entschieden werden. Selbst im Wiederholungsfall hat jedoch keine persönliche Bestrafung des fehlbaren Spielers zu erfolgen (7:10, Abs. 2).
Dass es kein Kavaliersdelikt ist und auch in ein und demselben Spiel häufiger vorkommt, zeigen die drei unten ausgewählten Szenen. Hier erfolgt in keiner Situation eine anlassbezogene Reaktion der Schiedsrichter.
Szene 1
Mannschaft GRÜN ist im Angriff 6 gegen 6. AR von Mannschaft GRÜN steht während des Angriffs deutlich über der Seiten- und Torauslinie – ohne jeglichen Hinweis durch die Schiedsrichter – und läuft vor dem Pass von RR GRÜN 3 deutlich außerhalb der Spielfläche an. Die Ballannahme erfolgt im Spielfeld und anstatt eines Torwurfs versucht sie, die Kreisläuferin anzuspielen.
Hier hätte der Schiedsrichter vorher die Spielerin auf das Verlassen der Spielfläche hinweisen können. In jedem Fall hätte er nach der Ballannahme auf Freiwurf für Mannschaft WEISS entscheiden müssen.
Szene 2
Gleiche Situation, gleiche Spielerin, nur wenige Minuten/Angriffe später, jetzt aber unmittelbar vor den Augen des Torschiedsrichters. Hier erfolgt aber nicht die Ahndung der Regelwidrigkeit (Anlauf außerhalb des Spielfeldes), sondern des Torraumbetretens.
Szene 3
Wieder ein paar Angriffe später, gleiche Situation, jetzt aber mit Torerfolg für Mannschaft GRÜN. Ein Tor, das regelwidrig erzielt wurde!
Fazit
Einen regelwidrigen Vorteil darf man als Schiedsrichter nicht gewähren. Mit der notwendigen Übersicht kann man schon vorher derartige Verhaltensweisen von Außenspielern erkennen und durch einen entsprechenden Hinweis an den Spieler vorbeugend handeln. Wenn er sein Verhalten aber nicht ändert, dann muss konsequent gehandelt werden. Sieht der Schiedsrichter den von außerhalb anlaufenden Spieler, ist sofort auf Freiwurf für die gegnerische Mannschaft zu entscheiden!
Der Trainer im Eingangsvideo hat Recht, gleichwohl die Reaktion nicht ganz angemessen ist. Aber die Schiedsrichter hätten es vermeiden können, hätten sie regelgerecht entschieden.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.