Schiedsrichterinnen Maike Merz und Tanja Kuttler diskutieren mit Technischen Delegierten über einen möglichen Wechselfehler. (Quelle: IMAGO/Eibner)
„Wir befinden uns in den letzten 30 Sekunden, Offensivfoul wurde gegen Rot gepfiffen, Blau führt den Freiwurf aus und anschließend kommt es zu einem Wechselfehler von Rot. Meine Entscheidung war trotz Protest "nur" 2min und Freiwurf, jedoch keine Disqualifikation und 7m, da die Regel meiner Meinung nach nur für die Ausführung selbst geht. Ist der Ball im Spiel, so findet die Regel keine Anwendung. Eine klare Torgelegenheit, welche auch bei Wechselfehler einen 7m zur Folge gehabt hätte, lag nicht vor.“
Zunächst das Wesentliche zuerst: Der Schiedsrichter (und Fragesteller) hat in der Situation – trotz einiger Proteste – richtig entschieden.
Da die Situation innerhalb der letzten Sekunden des Spiels stattfindet, ist zu prüfen, ob es sich um ein Vergehen nach 8:11 a oder b (bis 30.06.2024 noch 8:10c oder d) handelt oder nicht.
Voraussetzung für ein Vergehen nach 8:11a (vorher 8:10c) ist, dass in den letzten 30 Sekunden der Ball nicht im Spiel ist und ein Spieler oder Offizieller die Wurfausführung des Gegners verzögert oder behindert und damit der gegnerischen Mannschaft die Chance genommen wird, in eine Torwurfsituation zu kommen oder eine klare Torgelegenheit zu erreichen.
Da hier in der geschilderten Situation Mannschaft BLAU den Freiwurf bereits ungehindert ausgeführt hat und es danach zu einem Wechselfehler kommt, ist der Ball durch die Ausführung des Freiwurfs wieder im Spiel. Die Ausführung selbst wurde nicht verzögert oder gar verhindert. Daher kann hier Regel 8:11a nicht zur Anwendung kommen.
Bleibt also noch zu prüfen, ob hier ein Vergehen nach Regel 8:11b (vorher 8:10d) vorliegt.
Der nicht fehlbaren Mannschaft wird nur dann ein 7-Meter-Wurf zugesprochen, wenn der Ball in den letzten 30 Sekunden im Spiel ist und der gegnerischen Mannschaft durch ein Vergehen eines Spielers gemäß den Regeln 8:5 bzw. 8:6 sowie 8:9, 8:10a bzw. 8:10b (II) oder durch ein Vergehen eines Offiziellen gemäß den Regeln 8:10a bzw. 8:10b (I) und damit die Chance genommen wird, in eine Torwurfsituation zu kommen oder eine klare Torgelegenheit zu erreichen.
Ein Wechselfehler ist kein Vergehen eines Spielers gemäß den Regeln 8:5 bzw. 8:6 sowie 8:9, 8:10a bzw. 8:10b (II) sondern eine Regelwidrigkeit nach Regel 4, welche grundsätzlich auch in den letzten 30 Sekunden mit einer Hinausstellung für den fehlbaren Spieler zu ahnden ist. Damit liegt in der geschilderten Situation kein Vergehen nach Regel 8:11b (vorher 8:10d) vor.
Nur in dem Fall, dass durch den Wechselfehler in den letzten 30 Sekunden eines Spiels eine Wurfausführung verhindert wird, wäre es ein Vergehen nach Regel 8:11a (vorher 8:10c).
Auch wenn durch einen Wechselfehler in den letzten 30 Sekunden eine klare Torgelegenheit (Ball ist im Spiel!) verhindert wird, bleibt es einer Hinausstellung für den fehlbaren Spieler und der Spielfortsetzung 7-Meter-Wurf
Danke an den Fragesteller für die geschilderte Situation und an die Schiedsrichter für die regelgerechte Entscheidung.