Quelle: DHB
Im „Bruderkampf“ um den Ball ist nichts zu entscheiden
Was ist geschehen? Das Spiel befindet sich in den letzten 30 Sekunden. Team SCHWARZ ist im Angriff und liegt mit 27:28 gegen die Heimmannschaft zurück. Das abwehrende Team GELB ist bis zum Ende des Spiels in Unterzahl. Die Schiedsrichter zeigen das Vorwarnzeichen an.
In dieser Situation versucht der Angreifer SCHWARZ 33 auf Position Rückraum-Rechts mit einem Bodenpass, seinen an der Torraumlinie von Team GELB postierten Mitspieler SCHWARZ 23 anzuspielen. Das Anspiel kann jedoch von den unmittelbar daneben befindlichen Abwehrspielern GELB 8 und GELB 24 verhindert werden, sodass der Abwehrspieler auf der linken Außenposition, GELB 9, in Ballbesitz kommt.
Da der jetzt ballbesitzende Spieler GELB 9 unmittelbar danach von SCHWARZ 13 angegriffen wird, spielt er mit einem hohen Bogenpass seinen Mitspieler GELB 21 an, der sich in der Nähe der 7-Meter-Markierung befindet.
Zwischenzeitlich ist der Torwart von Team GELB aus seinem Torraum herausgelaufen und versucht ebenfalls, den Bogenpass von GELB 21 unter Kontrolle zu bringen. Der „Bruderkampf“ um den Ball geht zugunsten des Feldspielers GELB 21 aus, der seinem Torwart den Ball entreißen kann. In diesem Moment entscheiden die Schiedsrichter auf Freiwurf für Team SCHWARZ.
Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle:
Gemäß Regel 8:2a ist es nicht erlaubt, dem Gegenspieler den Ball aus der Hand zu reißen oder wegzuschlagen. Derart regelwidriges Verhalten ist mit Freiwurf für die nichtfehlbare Mannschaft zu ahnden (siehe auch Regelverweis in Regel 13:1b). Allerdings ist diese Regelvorschrift in unserem Fall nicht anwendbar. Sie gilt nur für den Fall, dass ein Gegenspieler in Ballbesitz ist. Hier aber handelte es sich um den eigenen Torwart, also um einen Mitspieler.
Aber wie steht es um die Feststellung, dass in der besagten Szene zwei Spieler eines Teams gleichzeitig die Hände am Ball hatten? Gemäß den Bestimmungen der Regel 15:3 Abs. 2 darf der Ball von einem Mitspieler weder berührt noch diesem übergeben werden. Die vorgenannte Regelvorschrift ist jedoch nur bei der Ausführung eines formalen Wurfs (Abwurf, Anwurf, Einwurf, Freiwurf, 7-Meter-Wurf) zu beachten. Hier handelt es sich aber um eine Aktion aus dem Spiel heraus.
Fazit
Die Freiwurfentscheidung für Team SCHWARZ war nicht korrekt. Hier hätte es keiner Entscheidung durch die Schiedsrichter bedurft. Das Spiel hätte ohne Unterbrechung mit Ballbesitz für Team GELB fortgesetzt werden können.
Mehr zum Thema „Ballübergabe“ findet sich auch in der News vom 7. Mai 2020.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.