IHF-Erläuterung 6c – Eine Regelung mit Anspruch

Ein leeres Tor, so beschreibt es die IHF-Erläuterung 6c, kann für die gegnerische Mannschaft unter der Voraussetzung von drei weiteren Kriterien eine klare Torgelegenheit sein.

Die Anlässe, aufgrund derer das Tor von seinem Hüter verlassen wird, können vielfältig sein. Ob er nur an den Auswechselbereich seiner Mannschaft geht, um etwas zu trinken oder ob er zugunsten eines weiteren Feldspielers ausgewechselt wird; immer ist das Hauptkriterium dieser Regelung erfüllt: Der Torwart hat seinen Torraum verlassen!

Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle:

Dieses Hauptkriterium ist im ausgewählten Video gegeben und bleibt regeltechnisch erhalten, bis ein als Torwart gekennzeichneter Spieler (dies kann im Zweifel auch ein Spieler sein, der ein Leibchen in der Farbe des Torwarttrikots übergezogen hat) den eigenen Torraum mit einem Körperteil berührt.

Damit es zu einer 7-m-Wurfentscheidung kommen kann, müssen allerdings drei weitere Kriterien erfüllt sein. Neben der erforderlichen Ballkontrolle (Spieler hat den Ball gefasst) muss der gegnerische Spieler auch Körperkontrolle haben. Beide Kriterien sind für die Schiedsrichter vor dem Hintergrund der Regel 14:2 „alltägliches Geschäft“. Die entsprechenden Tatsachenfeststellungen bereiten im Allgemeinen keine Probleme.

Um das dritte geforderte Kriterium – „die klare und ungehinderte Gelegenheit zum Wurf des Balls ins leere Tor“ – rankt sich so manche nicht autorisierte und nicht herleitbare Regelauslegung. Ganz besonders die Auffassung, der Werfer müsse mit seinem Wurfarm bereits eine bestimmte Position erreicht haben, gehört dazu. Dies würde allerdings im Umkehrschluss bedeuten, dass ein gegnerischer Spieler, der den Wurf aus verständlichen Gründen gerne unterbinden möchte, mit seinem regelwidrigen Verhalten nur schnell genug zu sein braucht, um zum einen sein Ziel zu erreichen und dennoch eine 7-m-Entscheidung zu verhindern. Deshalb sollten sich alle Schiedsrichter einprägen, dass die Bestimmungen der IHF-Erläuterung 6c diese Regelauslegung nicht hergeben. Die ungehinderte Gelegenheit zum Wurf auf das leere Tor ist eine Tatsachenfeststellung der Schiedsrichter, die sich nicht aus der Position des Wurfarms ergibt.

Ist eines der genannten drei Kriterien nicht erfüllt, dürfen die Schiedsrichter nicht auf 7-m-Wurf entscheiden. Gleiches gilt, wenn der Werfer erkennbar nicht auf das leere Tor der gegnerischen Mannschaft werfen will. Denkbar sind hier Situationen, in denen dieser Spieler den Ball zunächst nur sichern möchte, oder aber auch der Fall, bei dem der Werfer den Ball zu einem Mitspieler passen möchte.

Im vorliegenden Videobeispiel ist eindeutig zu erkennen, dass der Werfer mit der erforderlichen Ball- als auch Körperkontrolle die klare Torgelegenheit nutzen möchte. Selbst nach der Spielunterbrechung durch die Schiedsrichter lässt er von seinem Vorhaben nicht ab und wirft den Ball in das regeltechnisch immer noch verwaiste gegnerische Tor. Es ist auf 7-m-Wurf zu entscheiden.