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Hilfestellung beim Coaching

Ronald Klein engagiert sich für den Jugendförderkader des HV Niederrhein und ist in diesem Rahmen u. a. für die Ansetzungen der jungen Unparteiischen verantwortlich. Der ehemaliger Elite-Schiedsrichter erklärt im Interview, wie man den Nachwuchs effektiv unterstützen kann und was man bei der Betreuung beachten sollte.

 

Redaktion: Herr Klein, erst einmal ganz allgemein gefragt: Was ist bei der Arbeit mit jungen Schiedsrichtern wichtig?

Ronald Klein: Die Freude am Pfeifen sollte über allem stehen. Außerdem muss man sich natürlich bewusst sein, dass es nicht den einen jungen Schiedsrichter-Typ gibt, sondern dass die Jungs und Mädels eine große Bandbreite an Interessen, Einsatz und Motivation mitbringen. Man sollte daher mit den Gespannen früh das Gespräch suchen und fragen, was sie erreichen und welchem Raum sie dem Pfeifen geben wollen?

 

Das heißt?

Zu 95 Prozent spielen junge Schiedsrichter selbst noch Handball und das Pfeifen ist ein zusätzliches Hobby, auf das sie Bock haben und das ihnen die Möglichkeit gibt, ihr Taschengeld aufzubessern. Es ist jedoch extrem unterschiedlich, welchen Stellenwert das Pfeifen einnimmt.

Wir haben junge Schiedsrichterteams, die uns bereits signalisiert haben, dass sie mittelfristig mit dem Spielen aufhören würden, wenn sie die Perspektive an der Pfeife sehen – und für andere ist das eigene Spielen die Nummer eins. So kommt ein Gespann auf 26 Spiele in der Saison, ein anderes „nur“ auf fünf.

Daher ist es wichtig, genau zu eruieren, was ein junger Schiedsrichter will, denn man darf niemandem einen Anspruch oder einen Leistungsgedanken überstülpen, den er überhaupt nicht will. Ich habe damals den Weg des Leistungshandballs gewählt, aber man muss genauso akzeptieren, wenn ein junges Schiedsrichterteam nicht in die Jugendbundesliga will – oder generell nach oben. 

 

Das Gespräch ist geführt, der Rahmen ist abgesteckt: Was ist bei der Förderung an sich zu beachten?

Es ist wichtig, junge Schiedsrichter behutsam an ihre nächsten Aufgaben und Herausforderungen heranzuführen. Hat ein Team noch Probleme, sollte man es schützen und eben nicht gleich zu einem Topspiel der männlichen A-Jugend schicken. Man muss immer darauf achten, niemanden zu überfordern.

Gerade in den ersten Spielen werden junge Schiedsrichter bei uns daher häufig von einem Betreuer begleitet. Es ist keine Beobachtung bzw. kein Coaching im klassischen Sinne, wo es anschließend um eine Beurteilung geht, sondern eine rein unterstützende Betreuung. Gerade zu Saisonbeginn werden die Seniorengespanne in der Regel nicht offiziell beobachtet, denn die Coaches sind stattdessen als Unterstützer bei den Jugendgespannen im Einsatz.

 

Worauf kommt es bei so einer unterstützenden Betreuung an?

Die Unterstützung ist immer ein Angebot, die sich nach den Bedürfnissen des Schiedsrichterteams richtet. Es gibt Gespanne, die bereits früh sehr autark sind und ihr eigenes Ding durchziehen, die brauchen weniger Betreuung als ein Team, das sich nach jedem Spiel meldet. Da muss man auf jeden Schiedsrichter individuell eingehen.

 

Wie sollte bzw. könnte diese Unterstützung konkret aussehen?

Gerade am Anfang ist es wichtig, dass jemand schon vor dem Spiel dabei ist und zum Beispiel – bei Bedarf – beim Ausfüllen der Abrechnung, der Kontrolle des Spielprotokolls unterstützt oder in der technischen Besprechung mit dabei ist. Man kann als Betreuer auch die Moderationsrolle gegenüber den Trainern übernehmen; sie darauf vorbereiten, dass junge Schiedsrichter da sind und sie bitten, anschließend Feedback zu geben. Es gibt auch Kreis- und Landesverbände, wo der Betreuer mit an den Tisch gesetzt wird. Man muss abwägen, ob man das will – wir machen es im HV Niederrhein nicht. Denn in erster Linie ist wichtig, dass die Schiedsrichter wissen, dass jemand in der Halle ist, der auf ihrer Seite steht.

 

Was sind Ihre Ratschläge, wenn es in die inhaltliche Besprechung geht?

Gerade bei jungen Schiedsrichtern gibt es in der Regel natürlich viele Ansatzpunkte. Es ist jedoch wichtig, dass man nach einem Spiel nicht mit zehn vollgeschriebenen Seiten in das Gespräch geht und jeden einzelnen regeltechnischen Bereich durchspricht. Natürlich würde man wahrscheinlich für jede Kategorie etwas finden, aber wenn man ein 60-minütiges Spiel 90 Minuten analysiert, wäre das kontraproduktiv – und macht niemandem mehr Spaß.

 

Was wäre dementsprechend Ihr Tipp?

Ich empfehle, ein oder zwei Schwerpunkte zu setzen und unbedingt positive Dinge hervorzuheben. Es bringt nichts, wenn ich einem Gespann zunächst aufzähle, was alles falsch oder schlecht war. Ich starte daher immer, indem ich beschreibe, was mir gut gefallen hat – und dann mache ich ein, zwei konstruktive Verbesserungsvorschläge. Im Jugendförderkader verfahren wir übrigens auch für die mittelfristige Entwicklung nach diesem Prinzip.

 

Das heißt?

In den Betreuungsbögen werden gezielt bis zu drei Punkte aufgeführt, an denen das Gespann in den nächsten Spielen arbeiten soll bzw. will. Und da alle Coaches Einsicht in diese Bögen haben – wir nennen es die Viten der Schiedsrichter – kann jeder gezielt überprüfen, ob sich die Schiedsrichter weiterentwickeln. Durch die Begrenzung verhindern wir eine Überforderung und geben unseren jungen Schiedsrichtern klare Aufgaben an die Hand. Ich erarbeite auch mal gemeinsam mit dem Gespann im Gespräch neue Lösungsmöglichkeiten. Ich frage dann zum Beispiel: "Ihr habt gemerkt, dass es nicht gut ankam, wie ihr diese Szene gelöst habt – was könntet ihr anders machen?"

 

Worauf gilt es, bei der Förderung noch zu achten?

Man muss unbedingt aufpassen, seine jungen Leute nicht zu verheizen. Selbst, wenn ein Nachwuchsgespann immer einsatzbereit sein sollte, sind drei oder vier Spiele jedes Wochenende einfach zu viel. Außerdem versuche ich als Ansetzer, immer darauf zu achten, dass die Spiele zum Entwicklungsstand des Gespanns passen.

An der Basis ist das allerdings, so ehrlich müssen wir sein, manchmal nicht möglich, Schiedsrichter und Spiel aufeinander abzustimmen, weil wir einfach froh sein müssen, wenn überhaupt noch jemand hinfahren kann. Bei heiklen Spielen achten wir jedoch auf Unterstützung vor Ort.

Und auf der anderen Seite ist es jedoch auch wichtig, einsatzbereite Gespanne oder Teams, die viel Potenzial zeigen, auch mal zu belohnen – zum Beispiel mit einem Seniorenspiel oder dem Spiel einer höheren Jugendliga, für die sie eigentlich noch nicht angesetzt werden. Ist ein Gespann bereit dafür, ist das eine tolle Motivation.

 

Und wenn man als Coach aus einem Verein keine Möglichkeit hat, auf die Ansetzungen Einfluss zu nehmen?

Es ist natürlich immer gut, Feedback anzubieten. Viele Nachwuchsschiedsrichter nehmen jeden Input dankbar an und saugen das Wissen wie ein Schwamm auf. Man darf jedoch nicht vergessen, dass es am Ende um die Schiedsrichter selbst geht – was dem einen hilft, passt für den nächsten nicht. Daher sollte man den Nachwuchsschiedsrichtern ein Wissensangebot machen, sodass sie am Ende entscheiden können, welche Ratschläge und Hinweise sie annehmen wollen. Deshalb finde ich es auch ungemein wichtig, dass junge Schiedsrichter von vielen Seiten Feedback bekommen – ob von den Schiedsrichter-Coaches, Mentoren, erfahrenen Kollegen oder auch Trainern.

 

Besteht nicht die Gefahr, dass es irgendwann zu viel wird - oder es mehr schlechte als gute Ratschläge sind, die dem Gespann nicht helfen?

Natürlich muss sich ein Gespann am Ende aus dem gesamten Input selbst die Punkte herauspicken, die weiterhelfen. Ich halte es jedoch für wichtig, dass junge Schiedsrichter einen vielfältigen Einblick bekommen, denn jeder hat einen anderen Aspekt oder seine eigene Sichtweise. Daher haben wir uns im HV Niederrhein zum Beispiel auch bewusst dagegen entschieden, dass ein Gespann „nur“ von einem festen Coach begleitet wird, sondern haben die Viten eingeführt - so können unsere jungen Schiedsrichter durch verschiedene Perspektiven verschiedener Coaches mehr mitnehmen.

 

Ein Blick auf die andere Seite der Medaille: Was sollten die Leute mitbringen, die mit jungen Schiedsrichtern arbeiten wollen?

Aus meiner Sicht ist es unabdingbar, dass sie selbst pfeifen oder gepfiffen haben. Außerdem ist Spaß an der Arbeit mit Jugendlichen natürlich unabdingbar. In unserem Jugendförderkader wollen wir, das als formale Randnotiz, zudem ein polizeiliches Führungszeugnis sehen. In der Regel hat man im Schiedsrichterwesen eines Verbandes oder Vereins aber ohnehin ein Gespür, zu wem die Aufgabe passen könnte.

 

Zum Abschluss noch ganz praktisch: Welchen Ratschlag können Sie – auch, wenn jedes Schiedsrichterteam seine eigenen Bedürfnisse für die Förderung hat – pauschal geben? Was hat sich bewährt?

Ein Videocoaching bringt nahezu immer einen Erkenntnisgewinn. Viele Dinge werden Schiedsrichtern erst klar, wenn sie sich selbst sehen. Wenn ich etwas beschreibe, nehmen sie das vielleicht ganz anders auf, als ich es gedacht hätte, aber ein Videobild lügt nicht. So klar, wie sich selbst auf Video zu sehen, kann ich Dinge nie kommunizieren. Es ist ein großer Vorteil, dass es inzwischen so einfach ist, an Bildmaterial zu kommen. Man kann den Verein um den Download-Link bitten oder das Spiel selbst per Handy filmen lassen. Zu meiner Zeit mussten wir bei Vereinen darum bitten, uns eine VHS-Kassette zu schicken (lacht).