Nicht in jeder Halle ist der Einsatz eines externes Wischers aufgrund des vor Ort aktuellen Hygienekonzepts derzeit möglich. (Foto: imago images/Claus Bergmann)
Handball unter anderen Umständen
Das gesamte gesellschaftliche Leben steht seit Monaten unter dem Einfluss von Covid-19. Das Virus kennt für alle kein Pardon und die Auswirkungen treffen auch die Handballszene völlig unerwartet. Die Folge in diesem Frühjahr: Abbruch der Saison 2019/2020. Keiner wusste, wie und wann es weitergehen konnte. Nach einem langen, ungewissen Sommer breitete sich bei uns große Vorfreude aus, als der HV Niederrhein entschied, die Saison 2020/2021 wie geplant Anfang September zu starten. Die Ungewissheit, wie ein Handballspiel unter solchen Voraussetzungen überhaupt ablaufen kann, blieb auch bei uns. Sie wich in den Anfangsminuten des ersten Spiels der Saison aber schnell der Erkenntnis, dass ein Handballspiel auch unter Pandemiebedingungen immer noch ein Handballspiel ist: Zwei Mannschaften treffen sich auf 40 x 20 Metern, um auf sportliche Art und Weise einen Sieger zu ermitteln. Wir als Schiedsrichter sorgen für einen reibungslosen und fairen Wettkampf, und das Kampfgericht verrichtet in gewohnter Manier seinen Dienst.
Was hat sich geändert?
Nicht alle Veränderungen sind so leicht zu erkennen wie die offensichtlichen Beschränkungen der Zuschauerzahlen. Die wenigen Zuschauer, die in die Halle dürfen, müssen sich jetzt an die strikten Vorgaben des Hygienekonzepts des Handballverbands halten.
Vor dem Spiel
Unsichtbarer sind die Veränderungen hinter den Kulissen. Für uns Schiedsrichter beginnen die anderen Umstände bereits bei der Vorbereitung auf das Spiel. Neben den normalen Tätigkeiten wie einen Blick auf die Tabelle zu werfen, Vorberichte in den sozialen Medien oder Zeitungen zu checken und die Anreiseroute auszuarbeiten kommen nun auch noch Vorbereitungen in Sachen Corona dazu. Nach dem Auffinden und Studium der Hygienekonzepte der jeweiligen Heimvereine gilt es heute, folgende Fragen zu klären: Wie viele Minuten vor Anpfiff dürfen wir in die Halle? Welchen Eingang dürfen wir als Schiedsrichter benutzen? Gibt es einen speziellen Raum für die technische Besprechung? Können die Kabinen und die Duschen vor Ort genutzt werden?
Sind wir gut am Spielort angekommen, geht es weiter mit den Neuerungen: Die Maske ist auch für uns Schiedsrichter fester Bestandteil der Ausrüstung geworden. Sie wird überall außerhalb des Spielfelds getragen und nur abgelegt, wenn wir uns auf dem Spielfeld bewegen.
Auch bei der technischen Besprechung gibt es aktuelle Anpassungen: Neben den alltäglichen Themen wie der Feststellung der Anzahl der Ordner, der Platzierung der Wischer (und selbst da muss geklärt werden, ob das Hygienekonzept überhaupt einen externen Wischer zulässt oder ob andere Lösungen gefunden werden müssen), dem Check des elektronischen Spielberichts oder der Festlegung des zeitlichen Ablaufs vor dem Anpfiff und dem Einlaufprozedere gehört es für uns nun dazu zu klären, ob in der Halbzeit die Auswechselbänke von den Verantwortlichen desinfiziert werden können und somit ein Seitenwechsel möglich ist oder nicht. Auch die Seitenwahl hat sich verändert; es geht dabei nur noch darum, welche der beiden Mannschaften zu Spielbeginn Anwurf hat.
Aber nicht nur inhaltlich, sondern auch organisatorisch ist einiges anders: Fand die „Technische“ bislang meist in kleinen Räumen statt, in die alle dicht gedrängt so gerade hineingepasst haben, wird nun der größte Raum gewählt, damit alle Beteiligten – selbstverständlich mit Maske – möglichst viel Abstand halten können.
Sobald die organisatorischen Themen abgeschlossen sind, wandelt sich das Bild wieder zu einem normalen Spiel. Die Mannschaften wärmen sich auf und bereiten sich körperlich und gedanklich auf die anstehenden 60 Minuten vor. Gleiches gilt für uns als Schiedsrichter.
Jetzt geht es los ...
Dann wird kurzzeitig für alle noch einmal sichtbar, dass es ein Spiel unter anderen Umständen und eben keines wie „früher“ ist: Ohne sich – wie sonst üblich – in der Spielfeldmitte zu begrüßen, stellen sich die beiden Teams in ihre Angriffs- bzw. Abwehrformation und wir geben das Spiel frei.
Während des Spiels ist auf dem Spielfeld kaum eine Veränderung wahrnehmbar. Natürlich versucht man als Schiedsrichter, möglichst die Sicherheitsabstände einzuhalten und auf eine etwas größere Distanz zu kommunizieren. Das ist aber auf keinen Fall über die gesamte Spieldauer möglich. Alleine schon, um die richtige Beobachtungsposition einzunehmen, wird der Abstand häufiger unterschritten. Auch in der Kommunikation mit Spielern und Offiziellen kommt es zu dieser Unterschreitung; man möchte schließlich nicht, dass alle in der Halle mitbekommen, was man zu besprechen hat.
Aus unserer Sicht ist auf jeden Fall festzustellen, dass die Härte auf dem Spielfeld zugenommen hat. Die Spieler haben eine lange Zeit auf ihren Sport verzichten müssen und sind umso motivierter, auf der Platte wieder das zu tun, was sie so sehr lieben. Leider ist dieser motivierte Einsatz manchmal etwas zu hoch und endet in überharten Aktionen. Für uns eine der neuen Herausforderungen. Es gilt, die neue „Standardhärte“ zu unterbinden und das Spiel in sichere Gefilde zurückzubringen.
Das Spiel ist aus
Nach dem Spiel gibt es kein Shake-Hands mit den Offiziellen und Spielern auf dem Spielfeld. Schnellstmöglich schnappen wir uns die Masken und treffen uns mit den Verantwortlichen und dem Kampfgericht zur Nachbereitung des Spiels und dem Versiegeln des Spielberichts.
Fazit
Am Ende des Tages können wir sagen: „Die 60 Minuten auf dem Spielfeld laufen wie immer. Alles Drumherum und auch die Organisation eines Spiels hat sich durch die Covid-19-Pandemie stark verändert.“