Quelle: DHB
Handball und künstliche Intelligenz
Bereits seit etlichen Jahren und aktuell besonders intensiv geistert der Begriff der Künstlichen Intelligenz (kurz KI) durch nahezu alle Medien. Einfach, und deshalb vielleicht auch unzulänglich erklärt, ist KI der Versuch, menschliches Lernen und Denken auf den Computer zu übertragen, um diesem damit Intelligenz zu verleihen.
Gleichwohl gibt es keine allgemeingültige Definition von Künstlicher Intelligenz – weil auch der Intelligenzbegriff selbst bisher nicht eindeutig definiert ist. Der mit KI verbundene Vorteil liegt für IT-Experten und interessierte Nutzer allerdings auf der Hand: Der Computer muss nicht für jeden Zweck neu programmiert werden bzw. ein entsprechendes Tool eingespielt bekommen. KI kann selbstständig Probleme lösen und eigenständig Antworten auf gestellte Fragen finden.
Dass der künstliche Nachbau der Funktionen unseres Gehirns und unseres Geistes keine leicht zu lösende Problematik ist, erschließt sich schon aus der Tatsache, dass wir nicht mit Sicherheit behaupten können, den Mechanismus unseres Gehirns schon abschließend verstanden zu haben. Noch diffiziler dürfte sich der künstliche Nachbau des menschlichen Geistes erweisen.
Laut Wikipedia ist „Geist“ ein unscharfer Sammelbegriff für alle Formen subjektiver Innerlichkeit. Dies umfasst bewusste und unbewusste Vorgänge des Empfindens, Wahrnehmens und Erlebens (Emotionen, Kognition und Intuition), wie sie jeder Mensch direkt und unmittelbar erfährt. Gerade letztere Informationen stehen meiner Meinung nach in engem Zusammenhang mit den Aufgaben eines Schiedsrichters. Die vom Schiedsrichter im Spiel bewusst oder unbewusst erfahrene Wahrnehmung, sein Erleben sowie seine Empfindungen sind, verbunden mit den Vorgaben des Regelwerks, das Fundament seiner Entscheidungen.
Künstliche Intelligenz im täglichen Erleben
Eine Maschine, die Probleme genereller Art selbstständig lösen kann, bleibt aktuell und sicher auch für die nächsten Jahrzehnte reine Fantasie. Dennoch gibt es seit einigen Jahren eine schwächere Form der KI, die uns täglich begegnet. Denken wir nur an die Produktempfehlungen, die uns auf unserem PC oder Handy entgegenkommen. Oder denken wir an Alexa, das digitale Wesen, das uns so manche Arbeit abnehmen oder auch die eine oder andere anspruchsvolle Frage beantworten kann. In allen Fällen wirkt im Hintergrund eine künstliche Intelligenz.
Ein erstes Zusammentreffen von Handball und KI konnte ich im Juli 2022 in einem Beitrag von MDR Wissen über eine Forschungsarbeit der Universität Paderborn zusammen mit der SG Flensburg-Handewitt zur Trainingswissenschaft im Handball feststellen. Dort wurde unter der spannenden Überschrift „Künstliche Intelligenz kann Handball-Tore vorhersagen“ beschrieben, unter welchen Voraussetzungen, Bedingungen und Einschränkungen ein Algorithmus, der von den Machern den Namen PIVOT erhalten hatte, in der Lage wäre, in Echtzeit die Wahrscheinlichkeit eines Tores oder Gegentores zu berechnen. Detailliertere Informationen sind der Kopie des MDR-Berichts unter Anlage 1 zu entnehmen.
ChatGPT wird populär
Anfang 2023 wurde mit ChatGPT von der Firma OpenAI erstmals eine künstliche Intelligenz einer größeren Allgemeinheit bekannt. Förderlich ist dabei sicherlich, dass die Nutzung in eingeschränkten Versionen kostenfrei ist. Dem Nutzer werden dabei zwei kostenfreie Alternativen angeboten: Zum einen eine Version ohne Angabe von privaten Daten, zum anderen eine Version, bei der sich der Nutzer mit seinen persönlichen Daten registrieren muss.
Um einen Eindruck davon zu bekommen, welche Informationen ChatGPT zum Handballregelwerk zu bieten hat, habe ich am 8. Juni 2023 und am 27. Januar 2025 sowohl als nicht registrierter Nutzer als auch als registrierter Nutzer der künstlichen Intelligenz die vier nachfolgenden Regelfragen gestellt:
- Wann ist im Handball auf Torerfolg zu entscheiden?
- Wann ist im Handball auf 7-Meter-Wurf zu entscheiden?
- Wann ist im Handball ein Spieler mit einer 2-Minuten-Hinausstellung zu bestrafen?
- In welchen Fällen zeigen die Schiedsrichter im Handball die blaue Karte?
Grundsätzlich war festzustellen, dass die Antworten für einen nicht registrierten Nutzer zu beiden Untersuchungsterminen deutlich kürzer ausfielen, als dies bei einem registrierten Nutzer der Fall war. Darüber hinaus fielen die Antworten in der zweiten Untersuchung am 27. Januar 2025 bisweilen etwas detaillierter aus, wurden dadurch aber nicht unbedingt präziser. Im Gegenteil, bisweilen wurden die Antworten verschlimmbessert, wie das nachfolgende Beispiel zeigt.
Gestellte Frage: Wann ist im Handball auf Torerfolg zu entscheiden?
Antwort an einen nicht registrierten Nutzer im Juni 2023:
Im Handball wird auf Torerfolg entschieden, wenn der Ball die Torlinie vollständig überquert hat und dabei alle Regeln eingehalten wurden. Ein Tor wird erzielt, wenn der Ball von einem Spieler innerhalb des Spielfelds in das gegnerische Tor geworfen wird und dabei die Torlinie vollständig überquert, ohne dass ein Regelverstoß begangen wurde. Wenn der Schiedsrichter entscheidet, dass ein Tor erzielt wurde, wird dies durch einen Pfiff und das Anzeigen des Tors durch den Schiedsrichter signalisiert.
Antwort an einen nicht registrierten Nutzer im Januar 2025:
Im Handball wird auf Torerfolg entschieden, wenn der Ball die Torlinie vollständig überquert hat, und zwar zwischen den Pfosten und unter der Querlatte. Dies geschieht, wenn ein Spieler den Ball mit einem erlaubten Wurf oder Schlag ins Tor befördert. Es ist wichtig, dass dabei die Regeln des Spiels eingehalten werden, wie beispielsweise das Verbot von Fouls oder das Übertreten der 3-Meter-Zone. Wenn der Schiedsrichter den Torerfolg anerkennt, wird ein Punkt für die Mannschaft gewertet.
Die vollständige Gegenüberstellung der Ergebnisse für einen nicht registrierten Nutzer sowie die entsprechenden Ergebnisse auf diese Frage an einen registrierten Nutzer sind in der Anlage 2 niedergelegt. Die Gegenüberstellung der Ergebnisse für die weiteren oben genannten Fragen sind in den Anlagen 3 bis 5 niedergelegt.
Insgesamt muss festgestellt werden, dass die KI auf die gestellten Fragen allenfalls mäßig korrekte und sinnvolle Antworten gegeben hat. Neben der Verwendung unzutreffender Begrifflichkeiten sind auch unzutreffende Angaben festzustellen. Beispielhaft sollen hier zwei Passagen aus der Antwort zur ersten Frage im Januar 2025 an einen registrierten Nutzer zitiert werden:
- Im Handball wird auf Torerfolg entschieden, wenn es Zweifel gibt, ob ein Tor erzielt wurde oder nicht.
- Keine Beeinträchtigung durch Regelwidrigkeiten: Es darf keine Regelwidrigkeit von der angreifenden Mannschaft (z.B. Sperren oder Abdrängen eines Abwehrspielers) gegeben haben, die den Torerfolg beeinflusst hat.
Ein neuer Player erscheint auf dem Markt
Noch während der Formulierung dieses Beitrags erschütterte eine Nachricht aus China nicht nur die Tech-Konzerne im Silicon Valley. Es war eine Nachricht, die auch die Wall Street schockte: Das KI-Modell des chinesischen Startups Deepseek sei in etwa so gut wie das der amerikanischen Konkurrenten um ChatGPT, aber deutlich günstiger entwickelt worden. Die Aussicht, dass Künstliche Intelligenz möglicherweise mit weniger Ressourcen als gedacht auskommt, ließ Tech-Aktien daraufhin massiv einstürzen.
Selbstverständlich wollte ich die kostenlose Version dieser chinesischen KI auch mit den bereits genannten Handballregelfragen behelligen. Nach anfänglichen Problemen bei der erforderlichen Registrierung (das Startup war bereits Ziel unlauterer Kontakte geworden) konnte ich meine vier Fragen noch am 27. Januar 2025 stellen. Die von Deepseek übermittelten Antworten entsprachen in etwa dem Niveau der Antworten von ChatGPT an einen registrierten Nutzer. Es gab also keine neuen Erkenntnisse und schon gar nicht qualitativ bessere Antworten. Auch bei dieser KI blieben die Antworten in weiten Teilen im Allgemeinen und sind ebenso mit hanebüchenen Aussagen gespickt. Ein Zitat aus der Antwort auf die Frage zum Torerfolg mag dies untermauern:
Der Spieler, der das Tor erzielt, darf sich nicht in einer Abseitsposition befinden, obwohl Abseits im Handball weniger streng gehandhabt wird als in anderen Sportarten wie Fußball.
Ein Abdruck der Antworten von Deepseek zu allen vier Fragen findet sich in der Anlage 6. Nicht unerwähnt bleiben soll der Fakt, dass die Server der neuen KI-Plattform in China stehen und den staatlichen Grundsätzen der chinesischen Führung unterliegen. Unerwünschte Fragen werden stereotyp mit den Sätzen: „Sorry, that’s beyond my current scope. Let’s talk about something else.“ (Tut mir leid, das geht über meinen derzeitigen Aufgabenbereich hinaus. Reden wir über etwas anderes.) beantwortet. Offensichtlicher kann staatliche Zensur nicht sein.
Fazit
Es gibt bereits heute eine Vielzahl von Anwendungsbereichen, in denen die aktuellen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz wertvolle Dienste leisten können. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts wird sich der Einsatzbereich der KI außerordentlich ausweiten. Gerüchten zufolge sollen die neuesten Versionen von ChatGPT mit mehr als 100 Billionen Wörtern oder Wortbestandteilen aus dem ganzen Internet und weiteren Quellen trainiert worden sein. Der eine oder andere deutsche Fachbegriff aus den Handballregeln dürfte gerne noch mit aufgenommen werden.
Nichtsdestotrotz scheinen die Aufgabenstellungen eines Handballschiedsrichters die Möglichkeiten der frei zugänglichen künstlichen Intelligenz aktuell aber dennoch deutlich zu übersteigen. Selbst einfache und klar abgegrenzte Regelfragen werden nur unzulänglich beantwortet. Nicht zu erahnen wäre, mit was uns die künstliche Intelligenz „beglücken“ würde, wenn sich die Regelfragen auf international anerkannte Auslegungsbestimmungen zum Regelwerk bzw. beschriebene Spielsituationen beziehen würden. Den Kuriositäten wäre Tür und Tor geöffnet, wobei gerade letztere Fragestellungen für Handballschiedsrichterinnen und Handballschiedsrichter zum Alltag gehören. Leider fehlt es der künstlichen Intelligenz insbesondere am gesunden Menschenverstand, der es ihr ermöglichen würde, falsche Antworten bzw. Antwortteile zu erkennen.
Es bleibt also festzuhalten, dass in der nächsten Zukunft noch nicht mit einer umfänglichen Nutzung der künstlichen Intelligenz in der Aus- und Fortbildung des Schiedsrichterwesens zu rechnen ist. Eine, wie auch immer gestützte Übernahme einer Spielleitung durch KI darf daher getrost als Utopie betrachtet werden, die ins Reich der Science-Fiction gehört. Für die Aus- und Fortbildung der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter können wir also auf absehbare Zeit nicht auf die qualifizierten Angebote des Schiedsrichterlehrwesens und seiner Medien, hier allen voran das DHB-Schiedsrichterportal, verzichten.