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Gemeinsam statt einsam

Vor dem Aussprechen einer Disqualifikation sollen die Schiedsrichter:innen des Deutschen Handballbundes auf dem Spielfeld zusammenkommen, um sich kurz zu besprechen. Dabei geht es nicht nur um die regeltechnisch korrekte Entscheidung, sondern auch um deren überzeugende Vermittlung. Was ist dabei zu beachten?

Der Lehrstab des Deutschen Handballbundes um Leiter Kay Holm sichtet zur Vorbereitung auf die Sommer-Lehrgänge der Schiedsrichter*innen über 1.500 Videoszenen; bis zu 100 Clips schaffen es in die Präsentation. Die Praxisbeispiele sind wichtige Bausteine, um die gemeinsame Linie des Kaders zu schärfen. Die Unparteiischen speichern die Bilder ab, um in ähnlichen Situationen auf dem Spielfeld darauf zurückgreifen zu können.

Eine der Videoszenen, die der Lehrstab um Holm in diesem Sommer zeigte, zeigte eine Rudelbildung in der 2. Bundesliga der Männer: Ein Spieler wurde beim Durchbruch gefoult und blieb verletzt im Sechs-Meter-Kreis liegen. Die Mitspieler protestierten und scharten sich um ihn, auch der Spieler, der das Foul begangen hatte, kam hinzu.

Die Schiedsrichter berieten sich zwar nur wenige Schritte neben dem Spielerpulk, doch das Gespräch lenkte sie ab. Die Szene zeigt, wie einer der beiden Unparteiischen der Situation komplett den Rücken zukehrt, während beide sich ansehen. In diesem Moment geraten der Abwehrspieler und ein Mitspieler des gefoulten Akteurs aneinander, der eine schiebt den anderen weg. Andere Spieler greifen beruhigend ein, auch die Schiedsrichter werden aufmerksam und schlichten.

In dieser Szene passierte zwar nichts weiter, dennoch eignet sie sich für den Lehrstab als Beispiel, um mit den Unparteiischen Verbesserungspotenziale zu besprechen. Das gilt nicht nur für die Bundesliga, sondern auch für die Basis: Auch dort sollte das Zusammenkommen bei einer potenziellen Disqualifikation zur Routine werden.

„Der Schritt des Zusammenkommens ist ein Signal an alle Beteiligten: Hier ist mehr passiert als eine normale Zeitstrafe“, fasst Holm die Bedeutung zusammen. „Es bedeutet: Wir haken diese Situation nicht einfach mit einer Hinausstellung ab, sondern besprechen uns, ob ein härteres Strafmaß angemessen ist.“

Die Besprechung im Schiedsrichter-Team ist damit „quasi eine Zwischenstufe zwischen Hinausstellung und Disqualifikation“, wie Holm erklärt. „Allein das Zusammenkommen ist bereits eine Form der Kommunikation – auch körpersprachlich. Es ist ein wichtiges Signal, dass man eine Sanktion nach außen gemeinsam vertritt!“

Daher sollen auch die Bundesliga-Schiedsrichter, die sich theoretisch per Headset abstimmen könnten, das persönliche Gespräch suchen. „Wir raten nachdrücklich dazu, vor jeder Disqualifikation zusammenzukommen – egal, wie klar die Entscheidung erscheint“, betont Holm. „Das Spiel ist ohnehin unterbrochen, also kann man sich diese Zeit als Schiedsrichter problemlos nehmen.“

Außerdem hilft die Verzögerung durch das Zusammenkommen auch den Unparteiischen selbst. „Die nach der Beratung getroffene Entscheidung ist bewusster und nicht mehr ausschließlich von der eigenen Emotion geprägt“, erklärt Holm. „Das hilft, Ruhe in die gesamte Situation zu bringen.“

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Gerade wenn es zu einer Rudelbildung kommt – wie in der eingangs geschilderten Szene – muss diese Situation zunächst unter Kontrolle gebracht werden. „Bevor ihr euch als Schiedsrichter um das eigentliche Foul und das Strafmaß kümmert, muss die Situation auf dem Spielfeld generell beruhigt werden“, stellt Holm klar. „Habt ihr von Beginn an die Aufmerksamkeit auf solche Szenen, bewahrt das vor weiteren Eskalationen.“

Dass Spieler nach einem Foul aneinandergeraten, kommt in jeder Liga vor. „Häufig ist es gar nicht der gefoulte Spieler selbst, sondern es mischen sich Dritte ein, die ihren Mitspieler schützen wollen – auf beiden Seiten“, beschreibt Holm, der selbst jahrelang in der Bundesliga als Schiedsrichter aktiv war. Er betont: „Wir erwarten nicht, dass ein Schiedsrichter mitten ins Rudel geht, um zu schlichten. Das ist eine individuelle Entscheidung; da gibt es kein Richtig oder Falsch.“

Ein, zwei grundlegende Tipps für das Zusammenkommen hat Holm dennoch: „Steht niemals mit dem Rücken zur Situation“, sagt er und empfiehlt ein „offenes V“ – also Schulter an Schulter, mit Blick auf das Geschehen. „Außerdem ist es wichtig, eine gewisse Nähe zum Brandherd zu behalten, statt 15 Meter entfernt zu stehen – aber auch nicht so dicht, dass man sich nicht in Ruhe beraten kann oder aus Versehen selbst in die Rudelbildung gerät.“

Dass Spieler versuchen, mit Kommentaren Einfluss auf die Beratung zu nehmen, ist ebenfalls normal. „Hier muss man als Schiedsrichter mit Klarheit reagieren und beispielsweise sagen: Wir bewerten die Szene jetzt, wir haben das im Griff, wir brauchen keine zusätzliche Ansprache“, rät Holm. „Dazu gehören neben klaren Worten auch die entsprechende Gestik und Mimik.“

Zur Klarheit in der Kommunikation gehört auch eine kompakte Besprechung. „Das Spiel muss fortgesetzt werden, wir können als Schiedsrichter nicht minutenlang über die Entscheidung beraten oder lamentieren“, stellt er klar. „Insofern braucht es in solchen Situationen den Mut, das Risiko einer falschen Entscheidung einzugehen.“

Der entscheidende Faktor: Das Vertrauen in den Partner! „Schiedsrichterei ist Teamarbeit“, sagt Holm. „Wenn mein Partner die bessere Perspektive hatte, dann vertraue ich ihm – und greife nur ergänzend ein, damit wir keinen Regelfehler begehen. Nach außen wird es als gemeinsame Entscheidung präsentiert.“