Quelle: DHB
Freiwurfausführung in den letzten 30 Sekunden
Auch bei der gezeigten Situation kam es zu Diskussionen, ob die Regel 8:10c Anwendung finden soll oder nicht.
Was im Video geschieht
Es sind die letzten 30 Sekunden des Spiels. Die Schiedsrichter haben auf Freiwurf für Mannschaft WEISS entschieden. Das passive Vorwarnzeichen war bereits vor dem Freiwurf angezeigt. Aufgrund der Verzögerungen bei der Ausführung geben die Schiedsrichter Time-out. Mannschaft WEISS will den Freiwurf ausführen. Der ausführende Spieler WEISS erkundigt sich vor der Ausführung beim Schiedsrichter, wie viele Pässe noch gespielt werden dürfen. Die Anzahl zeigt er seinen Mitspielern an. Der Feldschiedsrichter pfeift den Freiwurf an. Der ausführende Spieler macht zunächst eine Ausholbewegung und will dann den Ball zu seinem Mitspieler spielen. Der Abwehrspieler von Mannschaft GRÜN, der von seinem Trainer aus dem Deckungsverband nach vorne geschickt wurde, orientiert sich am anzuspielenden Rückraumspieler von Mannschaft WEISS, läuft mit diesem nach vorne und verkürzt dabei den Abstand, sodass der Freiwurf nicht ausgeführt werden kann.
Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB
Das "Nichteinhalten des Abstands" bei der Freiwurfausführung führt zu einer Disqualifikation plus 7-Meter-Wurf. Diese Regel findet Anwendung, wenn das Vergehen innerhalb der letzten 30 Sekunden des Spiels oder zusammen mit dem Schlusssignal erfolgt (siehe Regel 2:4, Absatz 1).
Die Kriterien der Regel 8:10c sind hier erfüllt. Nach Beratung der Schiedsrichter muss der fehlbare Spieler von Mannschaft GRÜN gemäß 8:10c disqualifiziert und der nicht fehlbaren Mannschaft WEISS ein 7-Meter-Wurf zugesprochen werden.
Bewertung der ersten Ausholbewegung des ausführenden Spielers und deren Einbeziehung in die Entscheidung
Das Antäuschen bei der Freiwurfausführung ist erlaubt, sofern sich der Spieler nicht unsportlich verhält. In dieser Szene ist keine Provokation zu erkennen, die den Schiedsrichter zu einer Strafe gegen die abwehrende Mannschaft veranlassen soll: Der ballführende Spieler begeht keine solche Unsportlichkeit.
Der fehlbare Spieler von Mannschaft GRÜN orientiert sich auch mehr zum anzuspielenden Rückraumspieler WEISS. Erst als WEISS 14 anläuft, läuft auch GRÜN an und unterschreitet den erforderlichen Abstand, bevor der Ball überhaupt gespielt wurde. Dadurch kann der Freiwurf nicht ausgeführt werden und eine Ahndung gem. Regel 8:10c ist richtig.
Anmerkungen, die alle Schiedsrichter bei ihren Spielen beachten sollten
- Der Torschiedsrichter sollte in solchen Situationen das Time-out nicht geben. Dies ist Aufgabe des Feldschiedsrichters.
- Bei der Ausführung eines Freiwurfs – zumal hier auch noch die Spielzeit unterbrochen ist – sollte man auf eine korrekte Stellung des Ausführenden achten. Dieser steht bei der Ausführung auf der Freiwurflinie – was übrigens für alle Freiwürfe gilt.
- Der Feldschiedsrichter sollte sich – insbesondere bei Situationen wie im Video – nicht weiter nach hinten bewegen, sondern sich mehr nach vorne und seitlich orientieren.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.