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Ey, Schiri?

Die Kommunikation mit den Mannschaften und Offiziellen gehört für Schiedsrichter*innen von der Bundesliga bis in die Bezirksliga dazu. Doch wie will man als Unparteiischer eigentlich angesprochen werden, wo sollte man die Grenze ziehen – und wie spricht man selbst eigentlich die Spieler*innen an?

Lukas und Robert Müller pfeifen seit inzwischen acht Jahren für den Deutschen Handballbund, sie gehören mit gerade einmal 30 Jahren zu den erfahreneren Gespannen im Bundesligakader. In über 130 Einsätzen für den DHB haben sie auf und neben dem Feld schon so einiges in Sachen Ansprache erlebt – und sich ebenso wie ihre Kollegen ein mitunter dickes Fell zugelegt.

„Wir hoffen natürlich immer auf eine ruhige Ansprache, aber wenn viele Emotionen im Spiel sind und ein Spieler aus dieser Emotion heraus ruft: ‚Ey, warum Freiwurf?', dann ist das grundsätzlich auch okay – wenn es sich nach einer Erklärung erledigt hat", schildert Lukas Müller. „Grundsätzlich gilt: Es ist für uns nicht so entscheidend, mit welchen Worten wir angesprochen werden – viel entscheidender ist es, wie wir angesprochen werden."

Denn statt der Worte haben Gestik und Mimik oft einen viel größeren Einfluss – auf die Mitspieler, die Stimmung auf dem Feld und die Atmosphäre in der Halle. „Ein Spieler kann fast alles sagen, solange es keiner mitbekommt", flachst Robert Müller. Die Aussage ist natürlich überspitzt, hat aber einen wahren Kern. „Es geht uns weniger um das Pronomen, sondern um das mögliche Bloßstellen durch eine respektlose Außenwirkung", erklärt der Unparteiische. „Abwinken, auf die Knie fallen, gegen die Wand schlagen: Das ist viel schlimmer als ein unhöfliches ‚Ey, Schiri!', das durch den Lärm einer Trommel vielleicht niemand hört."

Dass Beleidigungen ein No-Go sind, ist selbstverständlich; ansonsten haben Müller/Müller für die Ansprache durch die Mannschaften keine Präferenz. „Wir siezen keine Spieler und Trainer", sagt Lukas Müller. „Und wenn wir die Spieler duzen, dürfen sie das natürlich auch. Wir wollen aber auf dem Feld auch gar nicht gesiezt werden."

Nur einmal, daran erinnern sich die Brüder mit einem Schmunzeln, sind sie von ihrem eigenen Grundsatz abgewichen: Relativ am Anfang ihrer Karriere durften sie mit gerade einmal 19 oder 20 Jahren, so genau wissen sie es nicht mehr, bei "Jugend trainiert für Olympia" pfeifen. Dort tauchte in der Halle auf einmal Bob Hanning auf. „Ihn haben wir gesiezt", erinnert sich Robert Müller, „wir waren ein bisschen aufgeregt."

Inzwischen duzen Müller/Müller auch Hanning; so, wie es in den Handball-Bundesliga-Hallen in der Regel üblich ist. „Ein Tipp für junge Schiedsrichter? Das Wichtigste ist aus unserer Sicht, dass ihr euch damit wohlfühlt", rät Lukas Müller. „Es gibt keine allgemein gültige Formel, denn jeder Schiedsrichter hat ein anderes Persönlichkeitsempfinden und pfeift unter anderen äußeren Umständen."

Anders gesagt: In der Bundesliga geht vieles im Lärm der Zuschauer unter, in der Bezirksliga hört man ein respektloses „Ey, verdammt, was pfeifst du da bloß?" von einem Spieler mitunter in der ganzen Halle. Es gibt nur einen Fehler, den man nicht machen sollte: Gar nicht in die Ansprache gehen. „Am Anfang haben wir uns oft zurückgehalten und aus Angst, etwas falsch zu machen, so wenig wie möglich gesprochen", erinnert sich Lukas Müller. „Das ist nicht zu empfehlen."

Ebenso wenig können die Brüder die Empfehlung aussprechen, pauschal zu siezen – auch als Neuling nicht unbedingt. „Ein Sie schafft Distanz und sagt: Wir haben nichts miteinander zu tun", warnt Lukas Müller. „Wir wollen in allen Klassen ein Teil des Spiels sein, dazu gehört ein Miteinander auf Augenhöhe. Meistens sagt einem aber auch das Gefühl, ob man jemanden lieber duzen oder siezen möchte – wie bei uns damals mit Bob Hanning."

In der Ausbildung von Neu-Schiedsrichtern ist die Art und Weise der gegenseitigen Ansprache kein Thema. „Wenn man frisch dabei ist, sollte man sich vielleicht einmal Gedanken machen, wo man für sich die Grenze setzt, aber in der Regel entwickelt man schnell ein Gefühl, wie man miteinander sprechen will und womit man sich wohlfühlt", sagt Robert Müller. „Es ist ja auch immer eine Frage, wer gerade vor einem steht."

Ist man schon ein, zwei Jahre in einer Liga, hilft es, wenn man sich die Schlüsselspieler der Mannschaften eingeprägt hat. „Einen Spieler direkt mit seinem Vornamen anzusprechen, hat oft einen positiven Effekt, weil es eine persönliche Ansprache ist und die Mannschaften sehen, dass ihr vorbereitet seid", führt Robert Müller aus. „Und wenn ihr so einen oder zwei direkte Ansprechpartner in der Mannschaft gewinnt, die den Dialog annehmen und eure Anliegen in die Mannschaft transportieren können, hilft das enorm."

Dass es Situationen gibt, die eskalieren können, wissen die Brüder. In einem ihrer ersten Spiele regte sich der Trainer einer C-Jugend permanent auf. „Wir haben ihm irgendwann aus Selbstschutz die rote Karte gezeigt, weil er uns nur angemacht hat und wir wollten, dass er nicht mehr an der Bank steht", erinnert sich Lukas Müller. „Ein Konzept, um mit solchen Situationen umzugehen, muss man aber erst für sich finden."

Grundsätzlich müsse man nicht auf alles hören, was Spieler oder Offizielle zu einem sagen. „Manchmal ist Weghören einfacher als sofort die Progression zu ziehen", sagt Robert Müller. Eine Ausnahme gibt es jedoch: „Sobald es ein anderer Spieler auf dem Feld mitbekommt, dass ihr beleidigend angesprochen worden seid, müsst ihr progressiv reagieren. Das muss man sich erst einmal trauen, aber dann kann man nicht weghören, sonst ufert es aus."

Ebenso dürfe man auch als junger Schiedsrichter nicht überrascht sein, bei Spielen im Kinderhandball durchgehend gesiezt zu werden. „Man kann Kindern am Anfang des Spiels gerne seinen Vornamen sagen und dass sie Du sagen dürfen, aber man darf sich nicht wundern, wenn sie einen trotzdem siezen", schmunzelt Lukas Müller. „Ansonsten ist ein großer Altersunterschied in die andere Richtung – junger Schiedsrichter, älterer Spieler oder Trainer – auch oft eine Herausforderung. Im Zweifelsfall kann man dann auch einfach nachfragen. Das ist auf jeden Fall besser, als gar nicht zu reden."