Jürgen Rieber – voll und ganz in seinem Element. (Foto: imago images / Claus Bergmann)
„Es war Ehrensache, meine Erfahrungen und mein Wissen weiterzugeben“
Redaktion: Herr Rieber, wie fällt Ihre Bilanz nach zehn Jahren als Lehrwart aus?
Jürgen Rieber: Nach einem holprigen Start blicke ich durchweg positiv auf die Zeit zurück. Der Start war – auch emotional – schwierig, weil mein sehr geschätzter Vorgänger Hans Thomas plötzlich und unerwartet verstorben ist. So habe ich die Position praktisch über Nacht übernommen, aber der Schiedsrichterausschuss und meine Schiedsrichterkollegen haben mich über diese Zeit getragen.
Das war eine wichtige Unterstützung für mich – auch, weil nicht nur Hans Thomas in diesem Jahr verstoben ist, sondern auch Rainer und Bernd Methe (Anm. d. Red.: Die Brüder verunglückten im November 2011 auf dem Weg zu einem Bundesligaspiel). Mit der Zeit bin ich dann immer besser in das Thema reingekommen. Mir persönlich war es dabei stets äußerst wichtig, neben aller Wissensvermittlung das Thema Persönlichkeit und Auftreten in den Vordergrund zu bringen.
Auch der Kameradschaftsgeist war mir wichtig. Um es mal etwas salopp zu formulieren: Wir lernen zusammen, aber wir feiern auch zusammen (schmunzelt). Ich denke, dass das funktioniert hat – auch wenn Schiedsrichter natürlich letztendlich Individualisten sind und in den Zweierteams in einer Konkurrenzsituation stehen, weil jeder so weit wie möglich kommen möchte.
Welche Momente bzw. Personen bleiben Ihnen – rückblickend auf die zehn Jahre – besonders in Erinnerung?
Das ist sehr schwer zu sagen, weil ich so viele tolle Handballer, Funktionäre, Schiedsrichter und weitere Personen aus dem Handball kennenlernen durfte. Sehr stark geprägt hat mich sicherlich der unvergessene Peter Rauchfuß (Anm. d. Red.: Peter Rauchfuß war von 2002 bis 2016 Schiedsrichterwart des Deutschen Handballbundes).
Ein besonders emotionaler Moment war auch die Beerdigung von Bernd und Rainer Methe sowie das Benefizspiel zu ihren Ehren. Auch die Grabrede, die Ronald Klein anlässlich von Peters Trauerfeier gehalten hat, hat mich sehr bewegt und beeindruckt.
Ich möchte zudem betonten, dass die Freundschaft mit meinem Gespannpartner Holger Fleisch bis zum heutigen Tag besteht. Nachdem ich Lehrwart wurde, haben wir noch fünf Jahre gemeinsam gepfiffen, heute ist er Delegierter. Wir wären eigentlich in diesem Monat gemeinsam in den Urlaub geflogen, aber durch Corona wird das leider nichts.
Wie bewerten Sie die Entwicklung im Lehrwesen über die vergangenen zehn Jahre?
Es ist viel professioneller geworden. Die Fitness-Werte werden per Polaruhr übermittelt und nach Spielschluss erhalten die Schiedsrichter das aktuelle Spiel oft direkt per Stick, sodass es noch in der Kabine mit dem Coach besprochen werden kann. Außerdem wird jedes Spiel im Fernsehen übertragen, sodass jede umstrittene Szene zu Diskussionen führen kann. Zeitgleich ist der Spielrhythmus – und damit auch die Einsatzdichte – immer weiter gestiegen.
Die Digitalisierung des Lehrwesens war jedoch tatsächlich die größte Hilfe für uns. Die Schiedsrichter haben über Sportlounge Zugang zu allen Spielen. Zudem können die Lehrwarte dort Szenen kommentiert reinstellen, sodass sich die Schiedsrichter permanent weiterbilden können.
Wolfgang Jamelle und Jürgen Scharoff haben zudem gemeinsam mit dem Philippka-Sportverlag das DHB-Schiedsrichterportal zur Grund- und Weiterbildung jedes einzelnen Schiedsrichters etabliert. Dass alle Landesverbände darauf zurückgreifen können, ist für die Einheitlichkeit in der Ausbildung sehr förderlich. Das ist eine wirklich sinnvolle Plattform und, ohne zu übertreiben, ein Meilenstein für die Schiedsrichteraus- und -fortbildung.
Wo sehen Sie im Lehrwesen des DHB noch Optimierungspotenzial?
Ich würde mir wünschen, dass die Aufzeichnung der Spiele den Schiedsrichtern nicht nur oft, sondern immer schnellstmöglich nach Spielende in die Kabine gebracht wird, damit die verantwortlichen Coaches anhand des laufenden Spiels sofort ihre Analyse machen können. Ich würde mir auch für alle Verantwortlichen ein System zum Schneiden und Kategorisieren von Spielszenen wünschen.
Außerdem fände ich es gut, wenn sich das Headset weiter nach unten durchsetzt, und beispielsweise auch in der Jugendbundesliga und der 3. Liga zum Einsatz käme. Ich bin ein klarer Verfechter dieser Technik, denn ein Headset ist immer mit einer Leistungssteigerung verbunden. Es gäbe für die unteren Klassen auch preiswertere Modelle als die Headsets, die in der Bundesliga zum Einsatz kommen.
Was würden Sie sich wünschen, was die Schiedsrichter von Ihnen als Lehrwart mitgenommen haben?
Handball-Schiedsrichterei ist mehr als zweimal dreißig Minuten – sie sollen die Erlebnisse auch für sich aufsaugen. Außerdem müssen sie wissen, dass man es als Schiedsrichter nie allen recht machen kann. Für mich war es zudem immer toll, als Schiedsrichter ein Spiel mitzugestalten – und das habe ich auch versucht zu vermitteln.
Als Schiedsrichter ist es für mich immer schön gewesen, an das Spiel heranzugehen und sich zu sagen: „Ich will, dass es ein flottes und faires Spiel wird – und ich will es nicht kaputtpfeifen durch kleinliche Entscheidungen. Es soll heute ein schön anzuschauendes Handballspiel werden.“
Neben einer guten Spiel- und Regelkenntnis, dem Gerechtigkeitssinn und der Fitness sind daher auch die Ausstrahlung, die Persönlichkeit und die Freude am Spiel enorm wichtig. Ich wollte den Schiedsrichtern daher immer mitgeben, dass sie bei aller Ernsthaftigkeit und guten Vorbereitung auch mit Humor und Spaß an die Sache herangehen müssen, um ein richtig guter Schiedsrichter zu sein.
Es ist eine klassische Frage, aber ich möchte sie dennoch stellen: Warum haben Sie sich entschieden, sich zusätzlich zum Schiedsrichteramt auch noch als Lehrwart zu engagieren?
Die Entscheidung, Handball-Schiedsrichter zu werden, hat mein Leben geprägt. Ich habe beispielsweise viel von dem Wissen und den Erfahrungen, die ich als Schiedsrichter sammeln durfte, auch im Beruf anwenden können. Es war für mich einfach eine Ehrensache, meine Erfahrungen und mein Wissen an andere weiterzugeben. Viele Schiedsrichter machen das so; sie bleiben dem Handball als Coach, Delegierter oder in anderen Ehrenämtern verbunden.
Wie wird der Schiedsrichter-Lehrstab des Deutschen Handballbundes zukünftig aufgestellt sein?
Kay Holm übernimmt mein Amt als Lehrwart. Ich bin der Meinung, dass es nach zehn Jahren an der Spitze gut tut, wenn eine neue Person die Hauptverantwortung übernimmt, die neue Impulse setzen kann und vielleicht auch eine andere Art der Wissensvermittlung hat. Ich ziehe mich jedoch nicht komplett zurück, sondern bleibe gemeinsam mit Peter Behrens Mitglied des Lehrstabs. Ich spüre immer noch so viel Freude und so viel Feuer, dass das für mich der Idealfall ist. Ich kann ein bisschen ins zweite Glied zurückzutreten, aber trotzdem noch weiterhin mitwirken.
Das klingt, als wäre diese Rotation bereits länger geplant …
Eingeleitet wurde der Prozess tatsächlich schon vor zwei Jahren, als Kay Holm neu in den Lehrstab gekommen ist. Ich habe das Amt des Lehrwarts bisher alleine gemanagt, aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Deshalb haben wir den Wechsel hinter den Kulissen vorbereitet. Zehn Jahre als Lehrwart – davon fünf parallel noch als aktiver Schiedsrichter – ist eine sehr, sehr lange Zeit. Zudem treffe ich meine Entscheidungen gerne selbstbestimmt und will nicht abwarten, bis andere sie für mich treffen (schmunzelt).
Inwiefern wird der neue dreiköpfige Lehrstab für die Weiterentwicklung hilfreich sein?
Wir können schneller und gezielter Rückmeldungen geben und Fragen beantworten – sowohl den Schiedsrichtern als auch den Trainern. Das ist oft eine Herkulesaufgabe, denn an einem Wochenende sind normalerweise ja unheimlich viele Spiele. Zudem müssen wir unsere Schiedsrichter auf die Spieltendenzen hinweisen. In den vergangenen Jahren sind beispielsweise die Spielsysteme in der Defensive viel flexibler geworden, worauf wir unsere Schiedsrichter mit Blick auf das Stellungsspiel immer wieder schulen müssen. Zu dritt lassen sich mehr Spiele auswerten als alleine.
Welche Vorteile versprechen Sie sich noch von der neuen Konstellation?
Wir sind einfach breiter aufstellt. In dieser Saison haben Kay und ich in Peter Behrens noch einen ehemaligen Spitzenschiedsrichter dazubekommen. Jeder von uns dreien hat andere Ideen, andere Themen und eine andere Art der Wissensvermittlung. Kay ist sicherlich analytischer unterwegs als ich, ich bin hingegen emotionaler. Peter hat seinerseits ein unheimliches Gespür für den Handball, das Auftreten und das Game-Management. Ich glaube, dass wir uns sehr, sehr gut ergänzen werden.
Wagen wir noch einen kurzen Ausblick auf die kommende Saison: Haben Sie sich zu dritt bereits entschieden, welche Schwerpunkte auf den Sommerlehrgängen gesetzt werden sollen?
Ein Schwerpunkt sollen die Außenspieler werden, außerdem wird uns das Dauerthema Kreis beschäftigen. Zudem wollen wir dieses Mal einen Schwerpunkt auf den Spieleinstieg in den ersten zehn Minuten legen. Es wird darum gehen, das richtige Maß zu finden – und nicht zu kleinlich oder zu großzügig zu sein. Eine Fitnessüberprüfung und ein Regeltest bilden natürlich wie immer das Gerüst.
Die Vorbereitung wird aber natürlich weiterhin von den Corona-Folgen geprägt sein. Im Juli werden wir daher zunächst Online-Lehrgänge für die Kader anbieten. Wir hatten ja bereits eine Videokonferenz mit den Bundestrainern, haben einen Videotest durchgeführt und jedem Schiedsrichtergespann eine Hausaufgabe zu einem individuellen Schwerpunkt gegeben.
Wenn es die Lockerungen möglichen machen, wollen wir Ende August fünf Ein-Tages-Lehrgänge über Deutschland verteilt anbieten, zu denen die Schiedsrichter morgens an- und abends abreisen können. Wir wissen allerdings noch nicht genau, wann die neue Runde losgeht und was im August erlaubt sein wird. Daher werden wir kurzfristig reagieren. Gleichzeitig werden wir unsere Schiedsrichter auf Geisterspiele vorbereiten – in der Hoffnung, dass dies überflüssig sein wird …
Zum Abschluss: Was würden Sie sich aus Sicht der Schiedsrichter für die Weiterentwicklungen im Handball wünschen?
Ich wünsche mir, dass ein möglicher Videobeweis weiterhin nur von den Schiedsrichtern angefordert werden kann, wenn sie sich bei einer spielentscheidenden Szene nicht sicher sind. Im Fußball ist mir das System zu unrund. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Dauerbeschallung in den Hallen wieder normaler wird. Die Lautstärke von Musik oder Ansagen macht noch keine Atmosphäre und ich behaupte mal, dass auch ein Großteil der Zuschauer keine solche Dauerbeschallung will.
Und zu guter Letzt: Ich wünsche mir, dass die Trainer den Schiedsrichtern Respekt und Vertrauen entgegen bringen – auch in einem Spiel und während der Saison und nicht nur in Interviews. Das Spiel und seine Geschwindigkeit entwickeln sich immer weiter und jeden Zweikampf und jedes Stürmerfoul korrekt zu bewerten, ist extrem schwierig. Unsere Schiedsrichter geben ihr Bestes, um dem gerecht zu werden.