Harald Mohr verabschiedet sich als Schiedsrichterwart und Leiter des Schiedsrichterausschusses der 3. Liga. (Foto: Michael Kleinjung)

„Es ist Zeit, den Staffelstab weiterzugeben“

Ein Interview mit Harald Mohr. Der ehemalige Bundesligaschiedsrichter zieht sich nach acht Jahren im Schiedsrichterausschuss 3. Liga, davon die letzten vier Jahre als Schiedsrichterwart und Leiter des Ausschusses, zurück. Mohr verrät, worauf er stolz ist und was er sich für die Zukunft wünscht.

 

Redaktion: Herr Mohr, Sie waren seit 2016 Leiter des Schiedsrichterausschusses. Gibt es etwas, worauf Sie rückblickend auf Ihre Amtszeit besonders stolz sind?

Harald Mohr: Ich bin stolz auf unser Team und darauf, was wir zusammen erreicht haben. Ich denke, wir konnten einiges bewegen, um den Anschluss nach oben zu verbessern. Wir sind mit der 3. Liga ja die Nahtstelle zwischen den Landesverbänden und ihren Oberligen sowie dem Schiedsrichterwesen in den Profiligen. Das ist immer wieder eine große Herausforderung.

 

Inwiefern?

Wir benötigen aufgrund der acht Drittligastaffeln viele Schiedsrichter und haben jedes Jahr zwölf Aufsteiger aus den Oberligen. Die müssen sich neu einfinden und von uns auf die Linie der 3. Liga gebracht werden – und das, während wir die "Bestandsschiedsrichter" nicht vergessen dürfen. Wir müssen sie weiterentwickeln, weil wir ja unsererseits jährlich Aufsteiger in den Bereich der Profiligen melden.

 

Sprich: Ein schwieriger Spagat?

Spagat ist ein gutes Wort. Die 3. Liga hat sich in den vergangenen Jahren immer weiterentwickelt, die Vereine und Mannschaften haben sich immer weiter professionalisiert. Wir müssen es schaffen, damit Schritt zu halten und unsere vielen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter immer schnell auf eine Linie zu bringen.

 

Wie gelingt es, diese Bandbreite – junge und alte, erfahrene und unerfahrene Schiedsrichter – unter einen Hut zu bringen?

Es ist natürlich eine Herausforderung, alle Schiedsrichter gleichzeitig zu beschulen. Wir verteilen sie immer unter regionalen Gesichtspunkten auf zwei Lehrgänge – weitere Unterteilungen nach Leistungsstärke oder Erfahrung sind wegen der begrenzten Ressourcen leider nicht möglich.

Für unsere Lehrwarte ist das sicherlich immer ein Spagat. Wir versuchen daher, die Mischung produktiv zu nutzen, indem beispielsweise die dienstälteren Schiedsrichter in Gruppenarbeiten ihre Erfahrungen an die dienstjüngeren Kollegen weitergeben.

 

Sie haben zu Beginn gesagt, Sie wären stolz auf das, was Sie mit dem Team erreichen konnten. Haben Sie ein Beispiel dafür?

Wir haben im Laufe der Jahre verschiedene Kader für unsere vielen Drittligaschiedsrichter gebildet. Es gibt inzwischen beispielsweise einen Aufstiegskader – für die Schiedsrichter, die grundsätzlich für den Schritt in die Profiligen in Frage kommen.

Im Februar haben wir speziell für diesen Kader einen zusätzlichen Stützpunkt durchgeführt, der sie auf die besonderen Anforderungen der Bundesligen vorbereiten sollte. Unter Leitung von Dirk Eggert und unserem Lehrwart Jürgen Hilfinger war unter anderem auch Nils Szuka dabei. In den letzten Jahren war es immer schwierig für unsere Aufsteiger, sich im Bundesligakader zu etablieren, weil es wirklich eine andere Welt ist. Es ist schwierig, dort Fuß zu fassen.

Außerdem haben wir einen Frauenkader und einen Anschlusskader für die Schiedsrichter, die aus den Oberligen hochkommen. Es ist für sie die erste Stufe, um sich bei uns zu akklimatisieren. Dem Standardkader gehören alle Gespanne an, die mindestens schon zwei Jahre in der 3. Liga pfeifen.

 

Gibt es aus den vergangenen Jahren einen Moment, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Einen Einzelmoment gibt es nicht – die Erlebnisse sind vielmehr an die Schiedsrichter und Menschen gebunden. Es freut mich immer, wenn es nachrückende Schiedsrichter gibt, die in der 3. Liga gut zurechtkommen, sich schneller als gedacht einfinden und von ihrer Persönlichkeit so schnell positiv einschlagen, dass sie von den Vereinen sofort akzeptiert werden. Das sind dann natürlich auch Gespanne, die eine gute Perspektive haben, schnell noch weiter nach oben zu kommen.

Es gibt jedoch auch negative Eindrücke, die haften bleiben. Unsere Schiedsrichter haben teilweise immer noch Schwierigkeiten, von den Mannschaften akzeptiert zu werden. Enttäuschung und Wut über Niederlagen werden teilweise immer noch extrem an unseren Schiedsrichtern – gerade den jungen Kollegen – ausgelebt. Das sind immer wieder sehr negative Begleiterscheinungen, unter denen unsere Schiedsrichter leiden.

 

Ist das auch der Grund, warum Sie das Amt abgeben?

Nein, die Gründe sind rein privat. Meine beruflichen Anforderungen werden immer größer, dadurch wächst die zeitliche Beanspruchung und es bleibt kaum noch Raum für die Freizeit. Ich habe das für mich gedanklich überschlagen und festgestellt: Acht Jahre im Schiedsrichterausschuss bzw. in einem Amt reichen aus. Die ersten vier Jahre war ich noch als Stellvertreter von Wolfgang Jamelle tätig, aber nachdem er aufgrund des plötzlichen Todes von Peter Rauchfuß dessen Amt übernommen hat, übernahm ich seine Aufgabe als Schiedsrichterwart.

Jetzt, nach vier Jahren als Schiedsrichterwart bzw. insgesamt acht Jahren im Ausschuss, ist es aus meiner Sicht an der Zeit, den Staffelstab und damit die Verantwortung weiterzugeben. Ich bin kein Anhänger davon, sein Amt – überspitzt formuliert – lebenslang auszuüben. Es ist wichtig, regelmäßig neue Ideen und neue Impulse einzubringen; das Amt lebt von dieser positiven Dynamik. Ich habe über die verschiedenen Positionen und Ämter betrachtet 40 Jahre voll und da ist es einfach an der Zeit, loszulassen.

 

Steht denn schon fest, wer Ihre Nachfolge antreten wird?

Wir haben Gott sei Dank schnell eine Lösung gefunden: Dirk Eggert wird das Amt übernehmen, er war mein Stellvertreter und zuletzt für die neutralen Beobachtungen zuständig. Er ist auch schon offiziell durch das Präsidium des Deutschen Handballbundes berufen. Wir haben in den letzten Wochen den Übergang fließend gestaltet, das lief alles ganz geordnet und dank der Corona-Pause auch ganz in Ruhe. Meine Amtszeit hat am 30. Juni geendet, seit dem 1. Juli ist Dirk Eggert offiziell im Amt.

 

Zum Abschluss: Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?

Ich denke, es bleibt eine der wichtigsten Aufgaben, dafür zu sorgen, dass eine noch größere Anzahl an Vereinen dem Amt des Schiedsrichters mit Respekt und Anerkennung begegnet. Viele Klubs machen das bereits, aber unsere Schiedsrichter bekommen immer wieder negative Erscheinungen zu spüren.

Sie werden beschimpft, bespuckt, in den Gängen verfolgt und angerempelt; ihnen wird der Weg versperrt und sie bekommen den Ärger über ungerechte Vereinsbeobachtungen vorgehalten. Wir müssen erreichen, dass in der Breite noch fairer mit den Schiedsrichtern umgegangen und eine größere Akzeptanz erreicht wird.

Ich würde mir zudem wünschen, dass es gelingt, noch mehr Schiedsrichterinnen zu gewinnen. Wir haben im Bereich der 3. Liga mit zwölf weiblichen Gespannen geplant, aber wenn man bedankt, dass wir mit circa 80 Gespannen arbeiten wollen, ist das verhältnismäßig immer noch ein bisschen wenig.

Bei allem Verständnis und Respekt gibt es bei Vereinen immer wieder eine gewisse Distanzhaltung, wenn plötzlich Schiedsrichterinnen in der Halle erscheinen. Die weiblichen Gespanne stehen besonders unter Beobachtung – gerade bei Frauenmannschaften werden Schiedsrichterinnen viel kritischer beäugt als männliche Kollegen. Ich würde mir mehr Unterstützung wünschen, damit wir noch mehr Frauen und Mädchen dafür gewinnen können, zur Pfeife zu greifen. Am Ende bin ich allen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern dankbar für ihre immer engagierte Mitarbeit.