Jutta Ehrmann-Wolf, die neue hauptamtliche Leiterin Entwicklung im Schiedsrichterwesen des DHB (Foto: Perkovic)

Entwicklung im Fokus

Jutta Ehrmann-Wolf ist seit dieser Saison die neue hauptamtliche Leiterin Entwicklung im Schiedsrichterwesen des Deutschen Handballbundes – und übernimmt zudem als Nachfolgerin des bisherigen Schiedsrichterwartes Wolfgang Jamelle die Verantwortung für das gesamte Schiedsrichterwesen. Im Interview spricht die 57-Jährige über die neue Struktur, ihre Herangehensweise an die neue Aufgabe und das Potenzial in der Schiedsrichter-Entwicklung.

 

Redaktion: Jutta, du bist die neue hauptamtliche Leiterin Entwicklung im Schiedsrichterwesen. Was genau umfasst diese neu geschaffene Position?

Jutta Ehrmann-Wolf: Die Struktur im Schiedsrichterwesen des Deutschen Handballbundes wurde umgebaut und weiterentwickelt. Wir gehen von der bisherigen klassischen Führungsstruktur zu einem Drei-Säulen-Modell über. Die Säulen sind Organisation, Lehre und Entwicklung. Ich leite den Bereich Entwicklung und bin darüber hinaus für das gesamte Schiedsrichterwesen in Deutschland verantwortlich.

 

Warum hat man sich für diese neue Struktur entschieden?

Durch die Neuschaffung des Bereichs Entwicklung möchten wir sicherstellen, dass wir die immer höher werdenden Anforderungen an unsere Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter besser abdecken. Es geht darum, unsere Referees passend zu den Trends unserer Sportart mitzuentwickeln.

Wir wollen Persönlichkeiten entwickeln und die Schiedsrichter individuell dabei unterstützen, wie sie ihr berufliches und privates Umfeld mit dem Hobby Schiedsrichterei unter einen Hut bringen können. Das wird immer herausfordernder. Außerdem werden wir neue Konzepte für die Ausbildung von jungen Top-Schiedsrichtern entwickeln.

 

Der Posten der Leiterin Entwicklung ist neu, zudem bist du neu an der Spitze des Schiedsrichterwesens. Wie gehst du deine neue Aufgabe jetzt an?

Viele Dinge laufen in Deutschland bereits seit Jahren und Jahrzehnten sehr gut und das deutsche Schiedsrichterwesen hat international einen hohen Stellenwert. Ich habe daher kein Konzept auf den Tisch gelegt, wie jetzt alles besser wird – das wäre anmaßend. Stattdessen schaue ich mir zunächst alles an und werde dann gemeinsam mit meinem Team überlegen, was wir wie Stück für Stück optimieren oder verändern können.

Es ist ähnlich wie in Vereinen: Wenn ich als Trainerin eine Mannschaft neu übernehme, schaue ich mir ja auch erst einmal an, was ich für ein Team übernommen habe, was dessen Stärken und Schwächen sind und wie genau die Situation ist. Wir werden gemeinsam besprechen, wie wir das Schiedsrichterwesen weiter entwickeln wollen.

Ich stehe seit Wochen im täglichen Austausch mit meinen Kollegen – neben Kay Holm für die Säule Lehre und Nils Szuka für die Säule Organisation sind das vor allem Thorsten Zacharias, der sich um den komplexen und elementaren Bereich Coaching kümmert, aber auch Frank Wenz, der die Delegierten ansetzt, und Dirk Eggert, der für die 3. Liga zuständig ist. Wir werden die anstehenden Aufgaben nur im Team lösen können.

 

Sprich: Teamarbeit statt der Befehl „von oben“?

Die gemeinsame Arbeit basiert auf Vertrauen. Jede Struktur funktioniert nur so gut, wie die Menschen sie akzeptieren und dafür einstehen. Wenn man kein Vertrauen in die Struktur an sich oder in die anderen Menschen in der Struktur hat, wird es nicht funktionieren.

Ich werde daher versuchen, meiner Führungsrolle gerecht zu werden. Die Kollegen sind alle ehrenamtlich tätig und stecken ihr ganzes Herzblut in das Schiedsrichterwesen. Ich will sie mitnehmen, sie involvieren, sie begeistern. Es wird meine Aufgabe sein, ihnen die notwendige Wertschätzung zu geben, damit sie uns noch lange erhalten bleiben.

 

Worauf lag in den ersten Wochen der Schwerpunkt?

Auf der Vorbereitung der Lehrgänge, denn dort wird die Grundlage für die neue Saison geschaffen. Kay und seine Mitarbeiter aus dem Bereich Lehre haben die Inhalte bereits festgezurrt, Nils hat sich hervorragend um den organisatorischen Ablauf gekümmert.

Sonst war die Resonanz gut, alle Mitarbeiter sind heiß und brennen auf die neue Aufgabe. Ich bin auch sehr froh, dass sich Frank Böllhoff bereit erklärt hat, das Schiedsrichter-Portal weiterzuentwickeln, denn ohne Breite gibt es keine Spitze. Wir brauchen unbedingt Nachwuchs und müssen intensiv überlegen, wie es uns gelingen kann, immer wieder neue Schiedsrichter zu rekrutieren.

 

Das ist eine gute Überleitung – lass uns noch kurz auf dein Kernthema, die Entwicklung, zu sprechen kommen. Worauf wird es ankommen, wenn es um das Thema Schiedsrichter-Entwicklung geht?

Wir müssen mehr Spitzen-Teams ausbilden, das muss unsere klare Zielsetzung sein. Wir haben ein sehr großes Portfolio an guten Nachwuchsschiedsrichtern, aber jetzt müssen wir diese Qualität fördern und uns in der Spitze breiter aufstellen. Der Grundstein dafür ist die Arbeit an der Basis – und das zu der Zeit, zu der sich die jungen Leute entscheiden, die Karriere als Schiedsrichter tatsächlich einzuschlagen.

Es ist mir sehr wichtig, dass wir unsere Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter gut ausbilden und von Anfang an auch die Teams identifizieren, die den Schritt in die Spitze gehen können. Bernd Ullrich, der sich seit vielen Jahren um den Nachwuchskader kümmert, hat immer wieder Talente hervorgebracht, die jetzt Bundesliga pfeifen.

An dieser Schnittstelle müssen wir dranbleiben, denn es bringt nichts, wenn wir Talente nur identifizieren und in die Bundesliga bringen. Auch und gerade, wenn sie in der Bundesliga angekommen sind, brauchen sie gezielte Programme, um in der Bundesligaspitze und später in der Weltspitze anzukommen. Es geht beispielsweise um die Frage: Welches Team kann irgendwann die Nachfolge von Schulze/Tönnies antreten?

Diese Teams zu finden, zu fördern und zu entwickeln: Das ist das große Ziel. Die Entwicklung ist ein wichtiges Thema und wir müssen die jungen Leute an die Hand nehmen und ihnen die Chance geben, dieses Ziel zu verwirklichen – wenn sie es wirklich wollen.

 

Stichwort Entwicklung: Was macht ein Spitzengespann denn aus?

Ein Spitzenteam zeichnet sich dadurch aus, dass es immer heiß ist, den Job zu machen und dass es bereit ist, der Schiedsrichterei fast alles unterzuordnen. Dieser zusätzliche Job als Schiedsrichter muss Priorität haben. Sie müssen bereit sein, viel und vor allem auch körperlich – wie die Spieler selbst – kontinuierlich an sich zu arbeiten. Während der Saison vier Wochen in den Urlaub zu fahren, wäre unpassend. Inhaltlich ist es wichtig, dass beide die gleiche Philosophie auf dem Spielfeld haben – sonst wird es schwierig, sie als Team zu entwickeln.

 

Wo siehst du in diesem Punkt noch das größte Potenzial? 

Ein wichtiger Punkt ist, unsere Schiedsrichter in Zukunft auch handballerisch gut auszubilden. Das bedeutet nicht, dass sie auf höchstem Niveau Handball spielen können sollten – dann wären sie ja Spieler und keine Schiedsrichter. Aber alle müssen das Spiel in der Theorie besser verstehen, um es besser leiten zu können. Das ist aus meiner Sicht ein Baustein, wo sich die Spreu vom Weizen trennt.

 

Warum?

Wenn ein Schiedsrichterteam über ein hohes Spielverständnis verfügt und dann noch eine hohe Empathie dazukommt, mit den Beteiligten auf sozialer Ebene umzugehen, wird es diesem Team immer einfacher fallen als „Regelpäpsten“, die zwar jede Regel kennen, aber nicht das Geschick haben, diese auch clever anzuwenden.

 

Wie genau meinst du das?

Es gibt den schönen Satz: „Pfeif nur das, was auch jeder sieht.“ Wenn ich als Schiedsrichter etwas gesehen habe, was regeltechnisch zwar stimmt, aber außer mir niemand in der Halle so „haben“ will, hilft mir die trockene Regelkenntnis nicht weiter. An dieser Stelle zeigen sich die Spitzenleute: Sie finden das richtige Maß und können beide Seiten gut abwägen.

 

Zum Abschluss: Die Bundesliga startet Ende August bzw. Anfang September. Wie groß ist jetzt bereits die Vorfreude auf die neue Spielzeit?

In den letzten Wochen waren viele im Schiedsrichterwesen einfach nur noch müde von der langen und sehr, sehr schwierigen Saison. Es war auch für die Schiedsrichter und das gesamte Team eine herausfordernde Spielzeit – ähnlich wie für die Klubs. Daher war zunächst Regeneration angesagt.

Inzwischen bereiten sich unsere Schiedsrichter akribisch auf die Lehrgänge vor – nicht nur inhaltlich, sondern auch sportlich, um die athletischen Anforderungen zu erfüllen. Wenn die Saison letztendlich losgeht, werden alle heiß sein – und natürlich hoffen wir alle, dass wir eine annähernd normale Saison mit Zuschauern in den Hallen erleben.