Quelle: DHB
Einwurf mit Anpfiff
Nachdem der Ball von einem Abwehrspieler über die eigene Torauslinie abgewehrt wurde, hat der Torschiedsrichter auf Einwurf für die angreifende Mannschaft entschieden. Obwohl ein Spieler dieses Teams kurz danach mit Ball den regelgerechten Ausführungsort eingenommen hat, bleibt das Anspiel zum in der Nähe stehenden Mitspieler aus. Der Feldschiedsrichter pfeift daraufhin den Einwurf an.
Das nun nach spätestens drei Sekunden erforderliche Abspiel des Balls erfolgt allerdings nicht, sodass der Torschiedsrichter auf Freiwurf für die gegnerische Mannschaft entscheidet.
Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle:
Gemäß Regel 5:2 wird ein Einwurf grundsätzlich ohne Pfiff des Schiedsrichters ausgeführt, entsprechend den Bestimmungen der Regel 15:5b jedoch wieder angepfiffen, wenn die Schiedsrichter eine Verzögerung der Wurfausführung erkennen. Nach dem Anpfiff muss der Werfer den Ball innerhalb von drei Sekunden spielen (siehe Regel 15:5 letzter Absatz).
Eine Analyse der vorliegenden Videoszene ergibt, dass der Feldschiedsrichter den Anpfiff des Einwurfs vornimmt, nachdem der ausführende Spieler den regelgerechten Ausführungsort bereits seit über vier Sekunden eingenommen hat.
Nach dem Anpfiff des Einwurfes zeigen sich die Schiedsrichter „großzügig“. Die Entscheidung des Torschiedsrichters auf Freiwurf für das gegnerische Team erfolgt erst weitere fünf Sekunden später. Das in Regel 15:5 genannte Zeitlimit von drei Sekunden ist daher mehr als erfüllt.
Regelgerechte Aufstellung aller Spieler
Gemäß den Bestimmungen der Regel 15:5 Abs. 3 sollen die Schiedsrichter das Spiel grundsätzlich nicht anpfeifen, bevor alle Spieler die regelgerechte Aufstellung eingenommen haben. Die Verweise auf die Regeln 15:1, 15:3 und 15:4 beschreiben den Kreis der angesprochenen Akteure. Gemeint sind der Werfer (15:1), seine Mitspieler (15:3) und die Abwehrspieler (15:4).
Im Videobeispiel weisen Spieler der angreifenden Mannschaft auf eine fehlerhafte Ausgangsstellung des Abwehrspielers auf der AL-Position hin. Die Spieler der gegnerischen Mannschaft dürfen auch bei Ausführung eines Einwurfs nicht näher als drei Meter an den Werfer herantreten (siehe Regel 11:5 Abs. 1). Diese Bestimmung wird für den Fall aufgehoben, dass der Abwehrspieler unmittelbar an der eigenen Torraumlinie steht (siehe Regel 11:5 Abs. 2).
Ebenso wichtig ist jedoch die in Regel 15:5 Abs. 3 Satz 2 enthaltene Bestimmung. Hiernach sind Spieler trotz falscher Ausgangsstellung voll aktionsfähig, wenn die Schiedsrichter den Wurf angepfiffen haben. Sie können deshalb für ihre falsche Ausgangsstellung auch nicht progressiv bestraft werden (siehe Regel 15:9 Abs. 1 Satz 1).
Aber Achtung: Nach dem Anpfiff erfolgtes regelwidriges Verhalten (z. B. weitergehende Verkürzung des Abstands zum Werfer etc.) kann selbstverständlich geahndet werden.
Regelgerechte Entscheidung
Wie im Video zu erkennen, erfolgte nach dem Anpfiff des Feldschiedsrichters keine weitere Aktion bzw. Positionsveränderung der unmittelbar Beteiligten (Werfer; Mitspieler, der sich in der Nähe des Werfers befindet; Abwehrspieler in Nähe des Werfers). Letzterer ist zudem durch den Anpfiff in seiner Position legitimiert und damit voll aktionsfähig geworden.
Das jetzt zu ahndende regelwidrige Verhalten ist ausschließlich dem Werfer zuzurechnen, der den Ball nicht innerhalb des vorgegebenen Zeitlimits von drei Sekunden spielt. Die regeltechnische Konsequenz kann daher nur lauten: Freiwurf für das gegnerische Team.
Hält der Abwehrspieler den regelgerechten Abstand ein?
Bei der Analyse der Videoszene stellt sich natürlich auch die Frage, ob der Abwehrspieler den regelgerechten Abstand einhält (siehe folgendes Bild).
Wie zu erkennen, könnte dieser Spieler die Ausnahmebestimmung der Regel 11:5 Abs. 2 nicht für sich reklamieren, da er sich nicht unmittelbar an der eigenen Torraumlinie positioniert hat. Ob er deshalb aber zu nah steht, ist dennoch fraglich. In der nebenstehenden Grafik ist durch einen roten Viertelkreis der Raum markiert, in dem der regeltechnisch geforderte 3-m-Abstand nicht gewährleistet wäre. Hier müsste sich ein Abwehrspieler unmittelbar an der eigenen Torraumlinie aufhalten, um noch eine regelgerechte Position einzunehmen.
Ein guter Anhaltspunkt für Schiedsrichter, um den korrekten Abstand besser einschätzen zu können, ist in derartigen Fällen der Schnittpunkt der Freiwurflinie mit der Seitenlinie. Er markiert einen Abstand von drei Metern zum jeweiligen Eckpunkt des Spielfelds. Leider ist im Video dieser Anhaltspunkt nicht zu erkennen. Dennoch spricht einiges für einen regelgerechten Abstand des Abwehrspielers.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.