Thorsten Kuschel und Thomas Kern – ein Team auf der Platte und bei der Analyse der eigenen Leistung. (Foto: IMAGO/wolf-sportfoto)

Schiedsrichter inside: Eine Videoanalyse mit Kern/Kuschel

Wie analysiert ein Schiedsrichter-Team aus der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga seine Spiele? Was ist bei der Nachbereitung der eigenen Leistung wichtig? Und welche Ratschläge hat ein erfahrenes Gespann für die Schiedsrichter an der Basis? Thomas Kern und Thorsten Kuschel aus dem Elitekader des Deutschen Handballbundes geben einen Einblick.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Leistung beginnt für Thomas Kern und Thorsten Kuschel für jedes Spiel bereits unmittelbar nach dem Abpfiff. Noch in der Kabine erörtert das Duo aus dem Elitekader des Deutschen Handballbundes die ersten Szenen, auf der Heimfahrt wird das Gespräch oft fortgesetzt. „Die Knackpunkte haben wir im Kopf“, sagt Kuschel. „Wir wissen, in welchen Szenen etwas schief gelaufen ist oder wann es einen Aufreger gab.“

In der Analyse geht es jedoch nicht nur um einzelne Situationen oder Entscheidungen, sondern um die Zusammenhänge im Spiel, um die Vergleichbarkeit. War die Sieben-Meter-Linie schwammig? War die progressive Linie stimmig – und auf beiden Seiten gleich? Hat die Linie beim passiven Spiel gepasst? „Man entwickelt als Schiedsrichter mit der Zeit ein Gefühl, was in einem Spiel gut lief und was nicht“, erklärt Kuschel.

Eine Liste zur Unterstützung

Basis für die Beurteilung der eigenen Leistung ist für Kern/Kuschel eine Excel-Liste – und das seit fast 20 Jahren. „Wir waren da immer recht akribisch“, schmunzelt Kuschel. In verschiedene Spalten tragen die Gespannpartner bei der individuellen Videoanalyse ihre Bewertungen, Einschätzungen und Hinweise zu den für sie relevanten Szenen ein.

Das ganze Spiel schauen sich die beiden Unparteiischen dabei in der Regel nicht noch einmal an. Jeder springt, auf Basis des Austauschs nach dem Abpfiff, von Situation zu Situation; kritische Szenen werden dabei auch schon mal mehrfach wiederholt oder in Zeitlupe betrachtet. Ungefähr 30 bis 45 Minuten dauert das Videostudium auf diese Art.

Im letzten Schritt folgt die abschließende Analyse – in dieser Saison gemeinsam mit Nils Szuka. Der ehemalige Bundesligaschiedsrichter begleitet das Gespann Kern/Kuschel im Rahmen des Personal-Coaching-Programms. Auch Szuka trägt seine Meinung in die Excel-Tabelle ein. In der Videoanalyse werden dann ein oder zwei Themenkomplexe intensiver besprochen, die sich durch die Eintragungen abzeichnen. Manchmal geht es auch gezielt um die Schwerpunkte, die das Gespann für seine Entwicklung ausgemacht hat. Das ist allerdings abhängig vom Spielverlauf. „Es ist wichtig, ein Spiel nicht zu ‚zerreden‘“, betont Szuka. „Man tendiert oft dazu, für die Analyse krampfhaft nach Szenen zu suchen oder sich viel zu viele Situationen anzuschauen, aber das hilft nicht weiter.“

So vermerkte Szuka nach dem Einsatz seiner Schützlinge beim Bundesligaspiel zwischen dem Bergischen HC und dem HBW Balingen-Weilstetten im Februar zwar 18 Szenen in der Excel-Datei, doch in der folgenden Videoanalyse wurden längst nicht alle besprochen. Das Ergebnis der Partie fiel deutlich aus, die meisten Entscheidungen wurden akzeptiert, sodass der Nachmittag für Kern/Kuschel verhältnismäßig ruhig war.

„Das war nicht die schwierigste Aufgabe eurer Karriere“, bilanzierte auch Szuka zu Beginn der Videokonferenz lakonisch. Dennoch: In den folgenden 50 Minuten setzten sich die Schiedsrichter akribisch mit der eigenen Leistung auseinander. Der Schwerpunkt: Die Sieben-Meter-Linie. „Da habt ihr noch Steigerungspotenzial“, begründete Szuka.

Mit geteiltem Bildschirm besprach das Trio die betreffenden Szenen. Die Videoplattform Sportlounge erlaubt dabei ein Klicken von Frame zu Frame; die Situationen lassen sich so – auf den Sekundenbruchteil – sezieren. „Das ist für mich kein Siebenmeter“, kommentierte Kern die ersten Bilder. Kurz darauf schüttelten beide wieder den Kopf – auch diesen Siebenmeter würden sie wohl nicht noch einmal geben. „Er macht das einfach clever und lässt sich fallen, als er den Kontakt spürt“, urteilte Kern.

Kuschel hatte allerdings Bedenken: „Wenn ich keinen Siebenmeter pfeife, was pfeife ich dann? Ein Freiwurf wäre mir zu wenig.“ Szuka sah das anders: „Mit einem Freiwurf hätte ich kein Problem – mach dabei einfach deutlich, dass er den Ball noch nicht in der Hand hatte.“ Auch bei der ersten Szene hatte er einen Tipp für das Duo: „Verdeutlicht mit einem Handzeichen, dass ihr das gesehen habt und es zwar eng, aber trotzdem zu wenig für einen Siebenmeter war. Die Spieler sollen ja nicht denken, dass ihr nicht gepfiffen habt, weil ihr es nicht bemerkt habt.“

Akribische Auseinandersetzung

Sich so detailliert mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen, mussten Kern/Kuschel erst lernen. „Am Anfang schaut man eher danach, was der andere falsch gemacht hat“, erinnert sich Kuschel. „Es ist natürlich deutlich einfacher, die Fehler des anderen zu finden als seine eigenen zuzugeben. Die Selbstkritik, die einem Gespann guttut, kommt erst mit der Zeit – und dann wird das Verhältnis, wer wie viele Fehler gemacht hat, unwichtig.“

So spielt es auch in den gemeinsamen Videoanalysen mit Szuka keine Rolle, welcher der beiden Gespannpartner einen ‚krummen‘ Pfiff hatte. Das Trio sucht vielmehr einen gemeinsamen Weg; die Frage „Sind wir uns da einig?“ fällt in ihrem Austausch immer wieder. Denn immer sofort einer Meinung sind Kern und Kuschel trotz aller Erfahrung nicht. Entsprechend heiß werden die Diskussionen mitunter.

„Es gibt teilweise lange Gespräche, die vor dem Duschen starten und im Auto weitergehen, bis der eine den anderen vielleicht auch überzeugt hat, dass die Entscheidung in der Szene aber cleverer gewesen wäre“, fasst Kern zusammen. Er rät allerdings: „Wenn es um eine Kleinigkeit geht, lohnt es sich vielleicht auch irgendwann nicht mehr, sich intensiv damit zu beschäftigen. Irgendwann muss man einfach einen Haken setzen.“

Bei der Nachbesprechung des Einsatzes in Wuppertal herrschte hingegen weitestgehend Einigkeit – und Einsicht. „Da bin ich viel zu spät auf der Situation“, zeigte sich beispielsweise Kuschel nach einer unglücklichen Entscheidung selbstkritisch. Die Zuständigkeit für einen Pfiff, ein besseres Stellungsspiel, cleverere Entscheidungen: Es geht bei der Videoanalyse nicht nur um das Feststellen von Fehlern, sondern die Optionen, die Fehler in Zukunft zu vermeiden.

Ebenfalls immens wichtig: Auch auf gelungene Pfiffe schauen. „Wir gucken uns nicht nur schlechte Szenen an“, betont Szuka. „Manche tendieren dazu, sich sehr, sehr kritisch zu sehen und vergessen dabei, auch mal das Positive herauszuziehen. Dabei ist es ebenso hilfreich, sich gute Entscheidungen bewusst anzusehen, um eine Bestätigung zu haben.“

Trotz der kritischen Auseinandersetzung mit der Sieben-Meter-Linie fiel die Bilanz nach dem Spiel Bergischer HC gegen HBW Balingen-Weilstetten insgesamt zufriedenstellend aus. „Bei der Sieben-Meter-Linie wäre etwas weniger mehr gewesen – so, wie wir das auch auf den Lehrgängen besprochen haben. Wir wollen nicht für jeden Kleinkram Siebenmeter geben“, fasste Szuka abschließend zusammen. „Speichert das ab und nehmt ansonsten das positive Gefühl aus diesem Spiel mit.“

Immer wenige Schwerpunkte im Fokus

Die detaillierte Aufarbeitung der Einsätze gehört für die beiden Unparteiischen längst zum Schiedsrichter-Alltag. „Man erwartet von uns, dass wir uns intensiv mit unseren Leistungen beschäftigen“, betont Kern. Doch auch für die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter an der Basis kann das Duo ein Videostudium nur empfehlen.

„Es gibt auch für Schiedsrichter einen Trainingseffekt“, erklärt Kuschel. „Wenn du bestimmte Themenkomplexe immer wieder analysierst, setzt sich das in deinem Kopf fest – und die Linie verbessert sich.“ Der Rat des Bundesliga-Schiedsrichters, der in seinem Landesverband mehrere Jahre für die Ausbildung der Jung-Schiedsrichter zuständig war, ist klar: „Nehmt euch wenige, aber ganz klare Dinge vor – und versucht im Spiel, diese Marschroute umzusetzen.“

Kern/Kuschel hatten beispielsweise mit einer aus ihrer Sicht schwammigen Freiwurflinie zu kämpfen. Seitdem sie ihr Mantra ‚Ist der Wurfarm frei, weiterspielen lassen – ist der Wurfarm bedrängt, Freiwurf‘ im Kopf verankert haben, hat sich die Linie stabilisiert. „Man darf sich für ein Spiel allerdings nicht 20 Punkte auf die Liste sitzen, das funktioniert nicht“, rät Kuschel. „Ich empfehle, sich maximal drei Punkte vorzunehmen.“

In der Nachbereitung kommt es vor allem auf Ehrlichkeit an – auch, wenn es mal weh tut. „Man muss offen sein; auch und gerade für die eigenen Schwächen“, weiß Kern. „Wenn man seine eigenen Fehler hart um die Ohren gehauen bekommt, hilft einem das nicht nur als Schiedsrichter, sondern auch im Berufsleben. Der Umgang mit Kritik ist überall ein wichtiges Thema.“

Auch in den unteren Spielklassen und für Anfänger an der Pfeife kann eine (Video-)Analyse der eigenen Leistung aus Sicht des Bundesligagespanns helfen. „Es ist anfangs oft ganz banal: Wie mache ich ein Handzeichen? Wie hört sich mein Pfiff an?“, erklärt Kuschel. „Später geht es dann um die Linie, die Arbeit im Team und das Auftreten. Es kommt immer auf das jeweilige Level des Gespanns an.“

In Ligen, wo die Vereine das Spiel nicht aufzeichnen, kann man sein Spiel mit einem Tablet und einem günstigen Stativ vernünftig filmen lassen – durch die Eltern, eine Mannschaftskameradin oder einen Kumpel. „Das bietet große Möglichkeiten“, betont Szuka. Und selbst, wenn man keine externe Unterstützung genießt – wie das Gespann Kern/Kuschel durch seine Betreuung – ist das für Szuka kein Grund, auf eine Nachbesprechung der eigenen Leistung zu verzichten: „Eine Person ist für eine Analyse immer da: Der Gespannpartner! Mit dem kann und sollte man immer reden.“ Denn ob in der Kabine, auf der Heimfahrt oder nach dem Videostudium: Auch für Thomas Kern und Thorsten Kuschel ist der jeweils andere bis heute der erste Ansprechpartner.