Der erste deutsche WM-Schiedsrichter Karl-Heinz Gerstenberger (ganz links sitzend) im Kreis seiner Kollegen bei der WM 1958. (Quelle: Handball-Archiv Siegfried Plehn)

Einmal ein Endspiel der Männer-WM pfeifen ...

Sicherlich gibt es nicht wenige Schiedsrichter, die schon mal davon geträumt haben, das Endspiel einer Männer-Weltmeisterschaft zu pfeifen. In drei Tagen wird dieser Traum für ein Schiedsrichterteam in Erfüllung gehen.

Allerdings ist der Kreis der möglichen Kandidaten schon seit einigen Wochen, wenn nicht gar Monaten, deutlich eingeschränkt.
Generelle Voraussetzung für eine Nominierung ist die Zugehörigkeit zum 125 Personen umfassenden IHF-Schiedsrichterkader, der im August 2020 veröffentlicht wurde.

Um in diesen Kader aufgenommen zu werden, wird man von der IHF zu einem Vorbereitungslehrgang eingeladen, den man selbstredend erfolgreich bestehen muss. Für die 27. Weltmeisterschaft der Männer in Ägypten wurden von der IHF danach 19 Schiedsrichterteams aus 18 Nationen und von vier Kontinenten nominiert.

Damit aber noch lange nicht genug: Innerhalb dieses Kaders muss man zu den Top-Teams zählen und über eine profunde Spielleitungserfahrung bei Großereignissen verfügen. Nur wer diese Voraussetzungen erfüllt, kann für das am 31. Januar 2021 stattfindende Endspiel nominiert werden.

Die Selektion während der WM

Selbst wenn die nominierten Schiedsrichterteams während einer laufenden Weltmeisterschaft gesund bleiben, sich nicht verletzen und die ihnen übertragenen Spielleitungen ohne Fehl und Tadel über die Bühne bringen, ist die Tür zum Endspiel nicht für alle Teams geöffnet. Denn auch in diesem erlesenen Kreis gibt es die oben genannten Unterschiede. Eines gilt aber für alle Teams: Allein die Teilnahme an der WM stellt den Gipfel ihrer Schiedsrichterkarriere dar.

Aber selbst die in Frage kommenden Teams können sich einer Nominierung nicht sicher sein. Meist nimmt die eigene Nationalmannschaft an der WM teil. Ist diese erfolgreich und erreicht das Halbfinale, ist für ein anwesendes Schiedsrichterteam dieser Nation der Traum vom Endspiel geplatzt.

Welchem Team am kommenden Sonntag die Ehre zuteil wird, das Endspiel der 27. Handball Weltmeisterschaft der Männer zu leiten, ist trotz der kleinen Zahl möglicher Kandidaten heute noch ein großes Geheimnis. Wünschen wir dem nominierten Schiedsrichterteam ein sportlich faires Spiel und eine fehlerfreie und ansprechende Spielleitung. Sie werden sich damit in eine illustre Liste von Schiedsrichterteams einreihen, denen gleiches gelungen ist.

Die Schiedsrichterteams vergangener Endspiele der Männer-WM

Die 1. Handball-Weltmeisterschaft fand am 5. und 6. Februar 1938 in Deutschland (damals: Deutsches Reich) unter Federführung der Internationalen Amateur Handball Föderation (IAHF) statt. Neben Deutschland nahmen Österreich, Dänemark und Schweden an diesem Turnier teil. Weltmeister wurde die deutsche Mannschaft, die alle Spiele gewinnen konnte.

Das Turnier wurde im Modus Jeder gegen Jeden ausgetragen. Alle Spiele fanden in der Berliner Deutschlandhalle statt; die Spielzeit betrug jeweils 2 × 15 Minuten. Aus vorgenanntem Grund gab es kein Endspiel, dessen Leitung einem Schiedsrichterteam übertragen werden konnte.

Die folgende Tabelle listet die Daten für der bisherigen Weltmeisterschaften auf. Erst ab der 2. Weltmeisterschaft kam es dabei zu Finalspielen.

WM Jahr Schiedsrichter Nationalität
1. 1938 Es gab kein Finalspiel (s.o.)  
2. 1954 Gunnar Ausen Norwegen
3. 1958 Karl-Heinz Gerstenberger Deutschland
4. 1961 Knud G. Knudsen Dänemark
5. 1964 Horst Günter Schneider Deutschland
6. 1967 Thorild Janerstam Schweden
7. 1970 Thorild Janerstam / Lennart Larsson Schweden
8. 1974 Poul Ovdal / Jack Falk Rodil Dänemark
9. 1978 Jan Christensen / Henning Svensson Dänemark
10. 1982 Terje Anthonsen / Øivind Bolstad Norwegen
11. 1986 Carl-Olof Nilsson / Axel Wester Schweden
12. 1990 Herbert Jeglic / Stefan Jug Jugoslawien
13. 1993 Bo Johansson / Bernt Kjellqvist Schweden
14. 1995 Bo Johansson / Bernt Kjellqvist Schweden
15. 1997 Ramon Gallego / Victor Pedro Lamas Spanien
16. 1999 Manfred Bülow / Wilfried Lübker Deutschland
17. 2001 Björn Högsnes / Svein Olav Oie Norwegen
18. 2003 Jan Boye / Bjarne Munk Jensen Dänemark
19. 2005 Frank Lemme / Bernd Ullrich Deutschland
20. 2007 Gilles Bord / Olivier Buy Frankreich
21. 2009 Per Olesen / Lars Ejby Pedersen Dänemark
22. 2011 Óscar López / Luis Ramírez Spanien
23. 2013 Nenad Krstic / Peter Ljubic Slowenien
24. 2015 Václav Horáček, / Jiří Novotný Tschechien
25. 2017 Martin Gjeding, / Mads Hansen Dänemark
26. 2019 Matija Gubica / Boris Milošević Kroatien

Info 1a: Deutsche WM-Schiedsrichter 1958 & 1964

1958: Karl-Heinz Gerstenberger

1964: Horst Günter Schneider

(Quellen: privat)

Info 1b: Deutsche WM-Schiedsrichter 1999

1999: Manfred Bülow / Wilfried Lübker

(Quelle: privat)

Info 1c: Deutsche WM-Schiedsrichter 2005

2005: Frank Lemme / Bernd Ullrich

(Quelle: privat)

Bis zur Weltmeisterschaft 1967 leitete jeweils ein Schiedsrichter das Spiel, der von jeweils zwei Torschiedsrichtern unterstützt wurde.

In der Liste der Schiedsrichter, denen die Ehre einer Spielleitung bei einem WM-Finale zuteilwurde, fällt sofort ins Auge, dass es sich ausschließlich um Referees aus europäischen Nationen handelt.

Dem Schweden Thorild Janerstam (1967 und 1970) sowie dem ebenfalls schwedischen Schiedsrichterteam Bo Johansson und Bernt Kjellqvist (1993 und 1995) gelang es zudem, bei zwei aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaften die Leitung des Finales übertragen zu bekommen. Ein ganz besonderes Erfolgserlebnis in der Schiedsrichterkarriere dieser Kollegen. Insgesamt vier Finalspiele wurden von deutschen Schiedsrichtern bzw. Schiedsrichterteams geleitet (siehe Bilder; Info 1a-c).

Insgesamt fünfmal kam es bei einem WM-Finale seither zu einer Verlängerung. In zwei Fällen (1961 und 1970) sogar zu einer zweimaligen Verlängerung. Dabei sticht das Endspiel der Weltmeisterschaft von 1961 besonders hervor: Trotz zweimaliger Verlängerung endete es mit nur 9:8 für das Team aus Rumänien, das sich mit seinem letzten Treffer zu Beginn der 79. Spielminute gegen die Mannschaft der Tschechoslowakei durchgesetzt hatte. In der WM-Geschichte ist es das Finale mit den wenigsten Treffern.

Hingegen brauchten die deutschen Finalschiedsrichter Frank Lemme und Bernd Ullrich im Finale von 2005 in Tunesien die Pfeife nahezu nicht mehr aus dem Mund zu nehmen. Insgesamt 74 Treffer waren in der regulären Spielzeit gefallen (bisheriger WM-Rekord). 40:34 lautete das Endergebnis der Partie Spanien gegen Kroatien.

Zum Schluss bleibt abzuwarten, welche Besonderheiten oder gar Kuriositäten die 27. Weltmeisterschaft der Männer in Ägypten, die kurz vor ihrem Ende steht, für uns bereit hält.