Quelle: DHB
Für den „Tag des Schiedsrichters“ am 11. November 2022 (hier gibt es alle Informationen) ziehen Bundesliga-Trainer Jamal Naji, Nationalspieler Paul Drux, Schiedsrichter Fabian Baumgart sowie Kay Holm, der Schiedsrichter-Lehrwart des Deutschen Handballbundes ein Zwischenfazit. Dieses fällt eindeutig aus: Während zwei Regeln von allen Seiten anerkannt sind, hat die neue Kopftreffer-Regelung noch nicht alle überzeugt.
Das Ziel der Regel ist klar: Die Reduzierung soll die teilweise langen Spielphasen nach dem Anzeigen des Vorwarnzeichens verkürzen. Das ist, da sind sich alle einig, gelungen. „Sechs Pässe waren zu lang, die Vier-Pass-Regel war ein Schritt in die richtige Richtung“, lobt Schiedsrichter Fabian Baumgart.
Auch Trainer Jamal Naji vom Bergischen HC ist zufrieden. „Ich war ein Befürworter der Reduzierung und denke, es tut dem Spielfluss wirklich gut“, bilanziert er. Paul Drux stimmt zu: „Das Spiel ist schneller geworden; es gibt schnellere Abschlüsse und man kann nicht mehr so viel Zeit schinden, was für die Zuschauer spannender ist.“
Es sei „wirklich deutlich schwieriger geworden, Zeit von der Uhr zu nehmen“, betont der Nationalspieler ausdrücklich. Diesen Eindruck hat auch Naji: „Mannschaften, die das in der Vergangenheit sehr clever gemacht haben, gibt man nun 20 bis 25 Sekunden weniger. Das ist gut.“
Umsetzungsschwierigkeiten habe es durch die Klarheit der Änderung nicht gegeben, wie Kay Holm betont. „Einzig, wenn der Ball geblockt wird, gibt es immer wieder Unsicherheit, wann eine Situation als Pass zählt und wann nicht“, fasst er seine Eindrücke zusammen – und verweist dafür auf die unveränderten Hilfen zu den Passivauslegungen (Erläuterungen hier).
Rein spielerisch habe er allerdings das Gefühl, dass „es in der Konsequenz des Zeitdrucks zu mehr Eins-gegen-Eins-Aktionen kommt“, wie er beschreibt. Auf die Spielkonzepte an sich hatte die Neuregelung allerdings wenig Auswirkungen: „Jeder Trainer hatte vorher eine Idee, was er nach zwei Pässen haben will und worauf er nach drei Pässen Wert legt“, sagt Naji. „Jetzt gibt es einfach zwei Pässe weniger, auf die man sich vorbereiten muss.“
Ebenso wie die Passreduzierung stößt auch die Anwurfzone auf breite Zustimmung. „Ich habe gedacht, es wird chaotischer, aber das ist nicht der Fall“, urteilt Drux. „Es ist schneller und wird nicht so viel zurückgepfiffen, das finde ich sehr gut.“
Das ist auch ein Punkt, den Naji hervorhebt. „Ich habe mich oft geärgert, wenn das Spiel zurückgepfiffen wird und Mannschaften, die tempoindiziert sind, ein bisschen benachteiligt werden“, sagt er. „Das hat sich deutlich reduziert.“
Der internationale Schiedsrichter Baumgart sieht ebenfalls „weniger Diskussionen, da man den Wurf jetzt im Laufen ausführen darf und einen größeren Radius hat“. „Die zurücklaufende Mannschaft vermeidet den Kreis zudem gut“. Das hat auch Holm bemerkt: „Es gibt kaum Abwehrfehler und nur wenig Strafen. Die verbotene Zone wird als verboten wahrgenommen.“
Für den Verantwortlichen für die Lehre hat die Änderung des Mittelanwurfs die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. „Es kommt zu einer schnelleren Ausführung“, sagt er. Allerdings müssten die Schiedsrichter nun neben den Außenbahnen („es kommt immer wieder vor, dass die Spieler:innen teilweise auch deutlich vor dem Pfiff über die Linie laufen.“) auch weiterhin den Anwerfer genau im Blick haben.
„Durch die höhere Geschwindigkeit kommt es vor, dass der Spieler die Anwurfzone nach dem Pfiff mit dem Ball in der Hand verlässt, weil er noch in der Bewegung ist - das führt zum Ballverlust“, betont Holm. Zudem müssten die Unparteiischen auf Fangfehler beim Anwerfenden achten: „Wenn man anpfeift, suggeriert man eine korrekte Stellung - daher darf man erst pfeifen, wenn der Ball gefangen wurde.“
Während die Anwurfzone in den Profiligen ein farblich klar abgesetzter Kreis ist, wird an der Basis oft improvisiert - mit Tape oder der Nutzung von Basketball-Anwurfkreisen, die nicht exakt dem Handball-Regelwerk entsprechen. „Es gab sicherlich eine gewisse Unsicherheit, aber massive Schwierigkeiten sind mir nicht bekannt“, betont Holm. „Der pragmatische Ansatz, auch nicht exakt genormte Flächenlösungen zu erlauben, hat sich ausgezahlt.“
Während bei den anderen beiden Regeländerungen Einigkeit herrscht, gehen hier die Meinungen auseinander. „Insgesamt gibt es eine große Akzeptanz bei Spielern und Trainern“, schildert Holm seine Beobachtung. „Auch bei Zeitstrafen wegen Kopftreffern habe ich keine Diskussion erlebt.“
Auch Baumgart befürwortet die Regel. „Ich finde es gut, weil wir ja den Torwart schützen wollen“, sagt er und spricht von einer Abschreckung. „Der Schütze überlegt einmal mehr, ob er den Wurf über den Kopf versucht und damit eine Verletzung billigend in Kauf nimmt.“
Drux und Naji äußern hingegen unabhängig voneinander gewisse Zweifel. „Ich finde es schwierig - gerade für die Außenspieler“, hält der Nationalspieler fest. Auch Naji spricht von „gemischten Gefühlen“: „Dass man den Torhüter schützen will, kann ich nachvollziehen, aber ich finde die Regelung zu schwammig.“
Als Beispiele nennt er Treffer gegen den Hals oder Kehlkopf, die ebenfalls gefährlich seien und schildert eine Situation, die ihn zweifeln lässt: „Der gegnerische Torhüter ist bei einem Leger clever mit dem Kopf dem Ball hinterher gegangen und hat damit eine Sanktion provoziert.“ So richtig überzeugt habe ihn die Regelung bislang noch nicht.
Ähnlich wie Drux sieht er die Außenspieler besonders im Fokus. „Ich habe vor drei Wochen mit einem meiner Außenspieler genau über diese Änderung ein Gespräch“, berichtet er. „Er sagte mir dazu: Im Grundsatz schränkt es mich nicht ein, aber in der Crunchtime würde ich den Wurf nicht mehr machen, um keine Unterzahl zu riskieren.“
Spontan würde er sich neben einer klaren Definition, was zum Kopf dazugehöre zwei Modifikationen an der Änderung wünschen: „Vielleicht könnte man Leger ausnehmen – und wenn klar zu erkennen ist, dass der Torhüter provozieren will, dafür eine Sanktion aussprechen“, sagt er.
Aus Sicht von Holm sind diese Punkte bereits geregelt. „Die absichtlichen Bewegungen des Kopfes vom Torwart, um einen Ball zu halten – der Kopf geht aus Abwehrzwecken beim Leger oder Heber Richtung Ball und nicht umgekehrt – sind auch explizit ausgenommen“, sagt er. „Auch Leger oder Heber aus dem Spiel heraus sind auch keine ‚torwartschützenswerten‘ Aktionen im Regelsinne und auch nicht gefährlich für die Gesundheit, da wurde schon klar differenziert.“ Es gehe vielmehr, stellt er klar, „eindeutig um die „Volltreffer“ bei hoher Wurfgeschwindigkeit, die minimiert werden sollen.“
Die größte Schwierigkeit aus Schiedsrichtersicht, da sind sich Holm und Baumgart einig, ist der Blickwinkel. „Es ist eine Herausforderung, bei der Geschwindigkeit eindeutig zu erkennen, ob der Ball direkt den Kopf getroffen hat“, sagt Baumgart. „Für die Wahrnehmung ist eine Zusammenarbeit von Tor- und Feldschiedsrichter erforderlich“, betont Holm.
Dass es um den Kopftreffer dennoch mehr Diskussionen gibt als um die beiden anderen Regeländerungen hat auch Baumgart erlebt. „Als ein Spieler beim Wurf gefoult wurde und den Torwart am Kopf traf, forderte der Trainer eine Strafe“, berichtet er. „Das war natürlich nicht möglich, weil es unter Bedrängnis war, aber es wird schon mehr hinterfragt als beispielsweise das passive Spiel, wo es null Probleme gab.“
Nach vier Monaten mit den geänderten Regeln ist der erfahrene Schiedsrichter dennoch gelassen: „Im Vorfeld haben wir uns mehr Gedanken darüber gemacht als wir jetzt brauchen“, sagt Baumgart. „In der Praxis haben wir insgesamt eine sehr gute Umsetzung.“
Dieser Beitrag ist für den „Tag des Schiedsrichters“ von handball-world, präsentiert von DHB-Schiedsrichterpartner KÜS, entstanden. Er erscheint einen Tag früher bereits exklusiv im Schiedsrichterportal. Am „Tag des Schiedsrichters“ am 11. November 2022 veröffentlicht das Internetportal handball-world zwischen 08:00 und 20:00 Uhr insgesamt 25 Texte rund ums Schiedsrichterwesen.