Thorsten Zacharias sieht viele Vorteile durch das neue Coaching-System (Foto: imago images / Christian Schroedter).

„Eine Veränderung zum Guten“

Ein Interview mit Thorsten Zacharias. Der ehemalige Bundesligaschiedsrichter, der als Beauftragter für die Schiedsrichter-Beobachtung in den Profiligen sowie der männlichen Jugendbundesliga zuständig ist, zieht Bilanz über das neue Coaching-System.

 

Redaktion: Herr Zacharias, wie zufrieden sind Sie nach den ersten Monaten mit dem neuen Coachingsystem im Beobachterwesen?

Thorsten Zacharias: Es ist definitiv ein Fortschritt. Nach einigen kleinen Anfangsschwierigkeiten, die in der Natur der Sache liegen, ist es auch gut gelaufen. Die nachträgliche Videoanalyse, die erstmals in der Vergabe der Punktzahl berücksichtigt wird, ist beispielsweise Neuland gewesen und da mussten wir etwas nachjustieren, weil die Coaches fast zu übereifrig waren. Wenn man eine Szene fünfmal zurückspulen und dreimal in Super-Slow-Motion anschauen muss, um zu erkennen, ob die Entscheidung richtig oder falsch war, ist das nicht dienlich.

 

Könnten Sie das etwas näher erläutern? 

Durch die Möglichkeiten der Videoanalyse wurden Dinge entdeckt, die der Coach während des Spiels in der Halle nicht gesehen hat. Ein Beispiel: Wenn ich erst nach der zehnten Wiederholung einer Szene erkenne, dass es tatsächlich vier Schritte waren, ist das eine schöne Fleißaufgabe, aber es hilft den Schiedsrichtern in der Praxis nicht weiter.

Wir wollen ja keine Fleißsternchen verteilen, sondern unseren Schiedsrichtern eine praxisorientierte Rückmeldung geben. Daher haben wir die Coaches eingebremst – mit einer einfachen Grundidee: Wenn man nach zweimaliger Wiederholung nichts sicher sagen kann, ist es auch in der Praxis unmöglich zu entscheiden – und dementsprechend nicht praxisnah. Mittlerweile läuft es viel besser als in der Anfangszeit.

 

Wie ist das bei den Schiedsrichtern angekommen?

Die Schiedsrichter waren natürlich nicht immer erfreut, wenn sie nach der Videoanalyse noch Dinge unter die Nase gerieben bekommen haben – und darauf basierend die Bewertung gemacht wurde. Viele Schiedsrichter erkennen die entscheidenden Punkte in ihrer nachträglichen Videoanalyse ohnehin, während einem als Coach in der Halle einfach drei, vier Dinge durchrutschen, weil man beispielsweise gerade etwas notiert.

Daher habe ich irgendwann festgelegt: Gravierende Dinge, die einem in der Halle nicht aufgefallen sind, kann man als Coach nach der Videoanalyse zwar noch anmerken, allerdings spricht das dafür, dass ich in der Halle keinen guten Job gemacht habe. Es gab eine Situation, die der Auslöser für diese Entscheidung war und diese Stellschraube hat sich bewährt.

 

Was genau war das für eine Situation?

Ein Gespann hatte eine Zeitstrafe gegeben, das ist in der Halle nicht weiter zur Sprache gekommen. Erst nach der Videoanalyse hat der Coach gesagt: „Leute, da müsst ihr eine rote Karte geben.“ Das Schiedsrichtergespann war völlig zu Recht irritiert, denn aus der Situation heraus wollte niemand in der Halle diese rote Karte – obwohl man sie hätte geben können. Außerdem haben sie angemerkt, dass es sie nicht weiterbringt, diese Szene im Gespräch in der Halle gar nicht anzusprechen und ihnen erst im Nachhinein Punkte dafür abzuziehen.

 

Hat sich das neue Coaching-System im Vergleich zum alten Beobachtungs-System dennoch bewährt?

Es ist auf jeden Fall ehrlicher, weil wir als Coaches Szenen erkennen, die uns in der Halle vielleicht durchgerutscht sind. Wenn man seine Notizen zum falschen Zeitpunkt macht, sieht man den deutlichen Schrittfehler jetzt immerhin noch im Video. Die Szenen sind ja schließlich passiert, daher müssen wir sie auch erkennen – auch, wenn das als Coach im Nachhinein manchmal wehtut, weil man sich ärgert, wenn man etwas übersehen hat.

Auch für die Schiedsrichter ist es manchmal unangenehm, weil sie ja oft wissen, wenn sie falsch gelegen haben – und wenn der Beobachter in den letzten Jahren dazu nichts gesagt hat, war man erleichtert. Nun kann im Nachhinein immer noch ein Feedback kommen. Es wird allerdings immer Szenen geben, die man in der Halle – ob auf dem Feld oder auf der Tribüne – nicht erkennt und die vielleicht erst nach zehnmaliger Slow Motion erkennbar wären. Wir wissen, dass solche Szenen vorkommen und damit werden wir leben müssen.

 

Bisher ging es in erster Linie darum, Fehler im Video zu erkennen. Welche Rolle spielt Lob in der nachträglichen Videoanalyse?

Natürlich, das ist eine ganze wichtige Geschichte! Positive Dinge herauszustellen und die Schiedsrichter für eine gute Linie zu bestärken, ist mindestens genauso wichtig wie negative Dinge zu benennen. Beides bringt unsere Schiedsrichter weiter. Wir müssen mit der nachträglichen Videoanalyse, wie ich gerade bereits beschrieben habe, sehr, sehr vorsichtig umgehen.

 

Wieso betonen Sie das so vehement?

Ein Spiel live in der Halle zu leiten bzw. zu bewerten, ist eine ganz andere Geschichte als das Spiel aus einer Kameraposition heraus über Sportlounge zu sehen. Wir machen die Videoanalysen ja nicht mit den Sky-Kameras, sondern mit der einen Führungskamera, die der Heimverein aufstellt. Wir haben also nur eine Kameraperspektive für die Nachbereitung zur Verfügung und die ist nicht allwissend. Die Perspektive – die Sichtweise – ist in unserem Job jedoch das A und O.

Es wäre daher natürlich schön, in Zukunft mehrere Kameraperspektiven zu haben. In der 1. Bundesliga der Männer ist das in näherer Zukunft eventuell vorstellbar, in der 2. Liga wird es jedoch schon schwieriger. Wir wollen zwar alle technischen Möglichkeiten nutzen, die uns zur  Verfügung stehen, um besser zu werden, aber es muss innerhalb einer Liga immer einheitlich sein.

 

Ist es absehbar, dass das Videocoaching irgendwann die persönliche Beobachtung in der Halle ablöst, um die Schiedsrichter durchgehender beobachten bzw. bewerten zu können?

Um Gottes Willen! Das wäre fatal und ein völlig falscher Ansatz. Das Video kann immer nur ein Hilfsmittel sein. Ich stelle gerade bei eigenen Coachings fest, dass man die Atmosphäre in der Halle vor dem Bildschirm nicht ansatzweise mitbekommt. Diese Atmosphäre ist jedoch ein ganz wichtiger Faktor – gemeinsam mit anderen Dingen, die sich am Video nicht beurteilen lassen. Wie gehen die Bänke und die Schiedsrichter miteinander um? Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Tisch und dem Delegierten? Welchen Druck üben die Zuschauer aus?

Das kriegt man im Video alles nicht mit – und es würden wichtige Eindrücke fehlen, um gewisse Entscheidungen zu verstehen und wichtige Hinweise geben zu können. Die Kommunikation mit den Bänken kannst du beispielsweise nur bewerten, wenn du mit dabei warst und dieselbe Perspektive und dieselbe Atmosphäre geschnuppert hast wie die beiden Schiedsrichter unten auf der Platte. Hat man das nicht, wird es immer zwei verschiedene Standpunkte geben. Ein Spiel technisch nachzubereiten, kann immer nur eine Unterstützung sein!

 

Was ist – neben der nachträglichen Videoanalyse – noch neu?

Wir haben die Möglichkeit für ein Gespräch zwischen Coach und Schiedsrichtergespann geschaffen, das mit ein paar Tagen Abstand stattfindet, wenn beide Seiten das Spiel im Video geschaut haben. Früher gab es, nachdem man die Kabine verlassen hat, nur schriftliche Aussagen der Beobachter; dieses Gespräch hat sich jedoch als extrem zielführend herausgestellt.

Manchmal sind diese Gespräche sehr kurz, weil alle Beteiligten dasselbe Spiel gesehen haben und sich über die Kritikpunkte einig sind. Manchmal ist es jedoch auch notwendig, dass der Coach den Schiedsrichtern seine Gedankengänge ausführlicher mitteilt und erklärt, warum etwas aus seiner Sicht nicht so gut war. Das ist aber keine Einbahnstraße: Wir hatten auch schon Fälle, wo der Coach die Beweggründe der Schiedsrichter für eine bestimmte Entscheidung nach dem Telefonat besser nachvollziehen konnte. Das finde ich sehr gut, denn auch die Coaches sind nicht allwissend.

 

Inwiefern ist das Gespräch hilfreich, weil der zeitliche Abstand die Emotionen rausnimmt?

Unsere Coaches haben den Job selbst jahrelang gemacht und wissen, wie die beiden Schiedsrichter sich fühlen, wenn sie nach einem schlechten Spiel in die Kabine kommen. Dann darf man als Coach ohnehin nicht einfach draufhauen, denn das macht es nicht besser. Wenn der Coach gut ist, wird er – je nach Entwicklungsstand des Schiedsrichterteams – auch ohne zeitlichen Abstand im Gespräch die entsprechenden Fäden ziehen.

Wenn unsere erfahrensten Gespanne nach einem schlechten Spiel geknickt in der Kabine sitzen, kann man sicherlich mal etwas lauter werden – um anschließend konstruktiv darüber zu sprechen, warum ist es nicht gut gelaufen. Bei einem jungen Team muss man damit anders umgehen. Die Schiedsrichter haben aber meist ohnehin ein sehr gutes Gefühl dafür, was sie grade abgeliefert haben. Dass wir große Diskrepanzen zwischen der Einschätzung der Schiedsrichter und der Einschätzung der Coaches haben, kommt nur sehr, sehr selten vor.

 

Wie haben die Coaches die Umstellung aufgenommen? Durch das nachträgliche Videostudium plus Gespräch ist der Zeitaufwand ja gestiegen. 

Das stimmt, aber der ein oder andere Coach hat sich das Spiel ohnehin im Nachgang noch einmal angeguckt. Er durfte es nur im Nachhinein nicht bewerten, das ist jetzt der große Unterschied. Wir haben fünf, sechs regeltechnische Bereiche festgelegt, welche die Coaches erst nach dem Videostudium zu Hause bewerten. Dazu gehören unter anderem die Linie bei den Siebenmetern, die progressive Linie und die Stürmerfoul-Linie.

 

Wie darf man sich das konkret vorstellen?

Der Coach spricht die gravierenden Punkte der entsprechenden regeltechnischen Bereiche schon in der Kabine an und kündigt den Schiedsrichtern dann an: „Das schaue ich mir zu Hause noch einmal an und lege mich dann fest, wie ich diesen Punkt bewerte.“ Das wäre gut gelöst. Ein schlechtes Coaching wäre es hingegen, diese Dinge in der Kabine nicht anzusprechen – weil der Coach die Szenen nicht gesehen hat oder sich nicht auf die Diskussion einlassen will – und dann nach drei Stunden Videostudium eine Bewertung rauszuhauen; ohne dass das Gespann darauf reagieren kann. Kurz gesagt: Alles, was aus der Videoanalyse zu Papier gebracht und bewertet wird, sollte der Coach live in der Halle gesehen und in der Kabine schon angesprochen haben.

 

Können Sie schon einschätzen, ob die Systemumstellung Auswirkungen auf den Durchschnitt der Punkte hat?

Ich habe Anfang März die letzte Zwischenauswertung gemacht. Am Beispiel des Elitekaders lässt sich sagen: Das Ranking wurde durch die Umstellung nicht komplett durcheinander gewürfelt; es findet sich also kein Top-Five-Team plötzlich auf den Abstiegsplätzen wieder. Was sich jedoch verändert hat, sind die Punktabstände. Durch die Videoanalyse sind die Bewertungen etwas genauer geworden und der Punkteschnitt ist insgesamt etwas nach unten gegangen. Die negativen Punkte, die im Video auffallen, überwiegen die positiven Punkte, die im Nachgang deutlich werden.

 

Was könnten die Landesverbände aus Ihrer Sicht aus dem neuen Coaching-System für ihr Beobachterwesen mitnehmen?

Ich denke, jeder Landesverband wäre gut beraten, das System, zumindest so weit es die technischen Möglichkeiten hergeben, zu adaptieren. Gerade der nachträgliche Austausch hat sich wirklich bewährt, es waren immer fruchtbare Gespräche.

Viele Landesverbände werden jedoch nicht die Kapazitäten haben. Man braucht die Technik, man braucht gute Coaches und man braucht die zeitlichen Ressourcen – es müssen viele Bausteine zueinander passen. Wenn es beispielsweise nicht flächendeckend gewährleistet werden kann, dass alle Spiele gefilmt werden, ist es nicht umsetzbar, denn es gäbe keine Vergleichbarkeit. Die Beobachtungen entscheiden über die Rangfolge für Auf- und Abstieg und daher müssen alle Schiedsrichter unter gleichen Bedingungen gecoacht werden – und nicht der eine mit und der andere ohne Videoanalyse.

 

Zum Abschluss: Wie fällt Ihre Abschlussbilanz aus Sicht des Beobachter-Chefs aus?

Wir können unter dem Strich definitiv zufrieden sein. Es gab zwar eine Handvoll Schiedsrichterleistungen, mit denen wir auch intern überhaupt nicht zufrieden waren, aber das wird immer vorkommen und das werden wir nicht öffentlich besprechen. Wolfgang Jamelle und ich würden uns jedoch, um in Zukunft wieder ruhiger arbeiten zu können, mehr Vertrauen der Vereine wünschen.

 

Inwiefern?

Vereine vermerken in ihren Trainerbeobachtungen immer häufiger, dass sie detaillierte Rückmeldungen haben möchten, welche Konsequenzen man aus der Leistung der Schiedsrichter zieht. Wir diskutieren jedoch keine Schiedsrichterleistungen mit den Vereinen. Ein Verein wird uns ja auch nicht kommunizieren, welche disziplinarischen Maßnahmen sie für einen Spieler ergreifen, der nicht gut gespielt hat.

Es wird immer vorkommen, dass jemand eine schlechte Schiedsrichterleistung abliefert – das war vor 50 Jahren so und das wird in 50 Jahren so sein, denn jeder hat mal einen schlechten Tag. Es ist doch so: Über gute Schiedsrichterleistungen redet kein Mensch, aber bei schlechten Leistungen müssen wir uns das drei Monate später noch anhören. Das möchten wir eindämmen. Die Vereine machen ihren Job und wir machen unseren Job – und Wolfgang und ich würden uns einfach wünschen, dass die Vereine uns mehr Vertrauen schenken, damit wir uns vollkommen auf unsere Aufgaben konzentrieren können.