Sebastian Grobe im Funkaustausch. (Quelle: IMAGO / Philipp Szyza)

Eine Stimme im Ohr: Das Headset für Schiedsrichter*innen

Seit Oktober können neben den Schiedsrichter*innen der 1. und 2. Bundesliga auch die Unparteiischen in der 3. Liga des Deutschen Handballbundes auf das Headset zurückgreifen. An der Basis ist der Einsatz des funkgestützten Kommunikationssystems hingegen noch nicht flächendeckend verbreitet. Elitekader-Schiedsrichter Sebastian Grobe schildert für das Schiedsrichterportal die Vorteile, weist aber auch auf kritische Punkte in der Nutzung hin.

Für die Spitzen-Schiedsrichter*innen im Handball ist das Headset elementar. Seit 2009 können die Unparteiischen in der 1. Bundesliga über Funk miteinander kommunizieren, auch bei internationalen Turnieren ist die Technik selbstverständlich. „Ohne geht es im Spitzenhandball heute nicht mehr“, betonte der ehemalige Olympia-Schiedsrichter Marcus Helbig unlängst. „Das Headset war der vielleicht größte Schritt nach vorne.“

Auch für Sebastian Grobe, der mit Gespannpartner Adrian Kinzel seit 2013 dem Elitekader angehört, ist das Headset ein unverzichtbarer Bestandteil. „Es ist für ein Schiedsrichter-Team entscheidend, als Einheit zu agieren und das wird durch das Headset gefördert“, beschreibt er. „In der Außenwirkung erzeugt man dadurch eine noch stärkere Souveränität, was dir wiederum erlaubt, das Spiel noch besser im Griff zu haben.“

Diesen Vorteil nennen auch die Drittliga-Schiedsrichter Ole Greuel und Christian Riepold sofort, die Ende Oktober in der 3. Liga ihr erstes Spiel mit Headset leiteten. „Wir konnten viel, viel besser kommunizieren“, sagt Greuel. Gerade beim passiven Spiel habe es sich schnell bewährt: „Wir mussten nicht mehr mit einem halben Auge stetig zum Partner gucken, um den Arm möglichst synchron zu heben", beschreibt Riepold. „Auch bei Einläufern oder Durchbrüchen hilft es sehr, weil man sich besser abstimmen kann.“

Denn die Möglichkeit, sich mit dem Partner abzusprechen, bestand für ein Gespann vorher lediglich nonverbal durch Gesten – wie ein Zupfen am Ohrläppchen oder sonstige Handbewegungen. In kritischen Szenen stießen diese Methoden jedoch an gewisse Grenzen. „Du hast bei deiner Entscheidung einen Blickwinkel mehr“, sagt auch Grobe mit Blick auf das Headset.

Er hebt neben der fachlichen Einschätzen auch einen weiteren Aspekt hervor. „Wir können uns gegenseitig mental bestärken“, erklärt der 39-Jährige. „Früher standest du zwar bereits zu zweit auf dem Feld, musstest die Situation aber trotzdem mit dir alleine ausmachen. Da ist es immer wieder vorgekommen, dass man sich an einer Szene festgefressen und noch minutenlang mit sich gehadert hat. Heute kann der Partner sagen: Hak es ab, mach weiter. Das hilft enorm.“

Ein Allheilmittel ist das Headset allerdings nicht. „Ein Headset macht einen nicht zu einem besseren Schiedsrichter", warnt Drittliga-Referee Riepold. "Es ermöglicht eine bessere Kommunikation, aber die Entscheidung muss man dennoch alleine treffen - und das muss man weiterhin erst einmal lernen."

Und auch die Kommunikation, das betont Elitekader-Schiedsrichter Grobe nach der langjährigen Erfahrung mit dem Headset, muss sich erst einmal einspielen. „Mit dem Headset optimal umzugehen, ist ein Lernprozess“, sagt er. „Es dauert mehrere Jahre, bis es perfekt funktioniert.“

Er sieht vor allem eine Gefahr. „Gerade am Anfang neigt man oft dazu, zu viel zu reden, weil es einfach plötzlich eine Möglichkeit gibt, die man vorher nicht hatte“, beschreibt er. „Man darf sich nicht gegenseitig überfordern.“ Sich außerdem nicht ablenken zu lassen und trotz der Stimme im Ohr jederzeit mit der Konzentration beim Spielgeschehen zu sein, muss man ebenfalls erst lernen.

„Mein Tipp: Es ist ganz wichtig, dass die Kommunikation klar, kurz und verbindlich ist“, sagt Grobe. „Es muss auf dem Feld immer schnell gehen, daher entwickelt man eine eigenen Sprache. Adrian und ich haben für uns ganz bestimmte Begriffe oder Kommandos gefunden.“

Bis zu diesem Punkt braucht ein junges Schiedsrichter-Team jedoch vor allem: Zeit. Auch das ist ein Grund, warum der Deutsche Handballbund das Headset in der 3. Liga einführte. Steigt ein Gespann künftig auf die Bundesligaebene auf, bringt es bereits Erfahrung mit dem Headset mit und muss es nicht parallel zur neuen Liga lernen. In einigen Landesverbänden ist das Headset zudem in der Oberliga bereits Usus – stieg ein Team aus dieser Region in die 3. Liga auf, musste es das Headset wieder ablegen.

Der Einsatz von Headsets an der Basis ist allerdings ein Flickenteppich: Während es in vereinzelten Oberligen bereits Usus ist, lassen andere Landesverbände die Nutzung nur für einzelne Ligen bzw. Spiele zu – oder verbieten, das ist das Gegenteil, die Nutzung über ihre Durchführungsbestimmungen komplett. Eine zusätzliche Hürde ist zudem die Kostenfrage. Für die Schiedsrichter*innen des Deutschen Handballbundes hat der Verband die Geräte angeschafft und verleiht sie an seine Referees - an der Basis dürfte dafür das Geld fehlen.

Eine flächendeckende Einführung ist daher nach aktuellem Stand unrealistisch - zumal der Spielbetrieb an der Basis oft nur mit Einzelschiedsrichtern aufrecht erhalten werden kann. Für die 3. Liga, da ist man sich einig, hat sich der Schritt allerdings gelohnt. „Ich bin froh, dass wir diesen Entwicklungsschritt gemacht haben", betonte Nils Szuka, Leiter Organisation im DHB-Schiedsrichterwesen, und sprach von einer „mächtigen Stellschraube, um die jungen Kolleginnen und Kollegen zu entwickeln.“ Und auch Grobe möchte das Headset längst nicht mehr missen: „Irgendwann ist die Stimme in deinem Ohr dir so vertraut wie deine eigene und du vertraust darauf.“