Marcus Helbig und Lars Geipel bei der Männer-Europameisterschaft 2020. (Foto: Ingrid Anderson-Jensen)
„Eine sehr gute Schiedsrichterfamilie“
Das Gespann aus dem Elitekader des Deutschen Handballbundes leitete bei seiner fünften Männer-Europameisterschaft drei Spiele – darunter das Spiel um die Bronzemedaille in Stockholm. „Dass man uns das Vertrauen gibt, dieses Spiel zu pfeifen, ehrt und freut uns“, erklärte das erfahrene Duo und zog für sich ein positives Fazit des Turniers.
Neben Geipel/Helbig kamen Robert Schulze und Tobias Tönnies sowie die Delegierte Jutta Ehrmann-Wolf in der Vorrunde der EHF EURO zum Einsatz.
Redaktion: Lars, Marcus, wie fällt Euer Fazit von der Europameisterschaft aus?
Marcus Helbig: Unser Ziel war es, so gut wie möglich zu pfeifen und für das Finalwochenende in Stockholm nominiert zu werden. Das haben wir geschafft und daher sind wir durchaus zufrieden.
Lars Geipel: Durchaus finde ich fast ein bisschen untertrieben. Wir sind sehr zufrieden, eindeutig! Schließlich durften nur fünf von 23 Schiedsrichterpaaren zum Finalwochenende nach Stockholm.
Ihr habt bei der EM insgesamt drei Spiele geleitet. Welches war das für Euch schönste Spiel?
Lars Geipel: Alle drei Spiele waren sehr bedeutsam, da können wir keine Abstufung treffen. Wir haben in der Hauptrunde das Skandinavien-Derby zwischen Norwegen gegen Schweden geleitet sowie das Match zwischen Portugal gegen Ungarn, in dem es für die Ungarn um das Halbfinale und für Portugal um die Teilnahme an der Olympia-Qualifikation ging. Zwischen Slowenien und Norwegen wurde die Bronzemedaille ausgespielt. Die Spiele waren alle extrem fordernd und wirklich top!
Marcus Helbig: Ich sehe das genauso. Wir durften drei wirklich intensive Spiele leiten. Das kleine Finale war natürlich ein i-Tüpfelchen, über das wir uns sehr gefreut haben. Es war ein schöner Abschluss für diese Europameisterschaft, in der Tele-2-Arena in Stockholm – einem Fußballstadion – zu pfeifen und die Atmosphäre genießen zu können. Das hat echt Spaß gemacht.
Das wäre genau meine Frage gewesen: So ein Medaillenspiel ist doch sicherlich unter Schiedsrichtern eine besondere Ehre?
Marcus Helbig: Absolut, es ist eine Auszeichnung für uns, dass wir dieses Spiel leiten durften – das muss man ganz klar sagen! Wir hatten eine große Verantwortung und dass man uns das Vertrauen gibt, dieses Spiel zu pfeifen, ehrt und freut uns. Wir sind stolz, dieses Spiel gepfiffen zu haben!
Lars Geipel: Genau wie die Spieler investieren auch wir Schiedsrichter unheimlich viel. Wir bereiten uns monatelang vor, absolvieren unzählige Tests und stecken wahnsinnig viel Zeit in den Handball. So ein Spiel ist die Belohnung für all den Aufwand und alle die Schmerzen. Ein Spiel wie ein kleines Finale ist der Grund, warum man das alles überhaupt macht. Es ist toll, dass wir dieses Spiel bekommen haben.
Lasst uns, bevor wir weiter über die Atmosphäre sprechen, noch kurz auf die regeltechnischen Schwerpunkte eingehen. Auf welchen Bereich wurde bei der EHF EURO 2020 ein besonderes Augenmerk gelegt?
Lars Geipel: Insbesondere die Progression war – wie fast immer – ein Schwerpunkt mit ganz klaren Kriterien. So standen zum Beispiel die Außenaktionen unter besonderer Beobachtung. Sobald es dort zu einem Kontakt kommt, der nicht frontal ist, sollte es immer mit zwei Minuten und Siebenmetern bestraft werden – so, wie es die Schiedsrichter in der deutschen Bundesliga auch schon erfolgreich praktizieren.
Marcus Helbig: Bei den Außenaktionen war wirklich erkennbar, dass die Spieler weggegangen sind. Sie haben auf den langen Schritt nach Außen, um das Foul zu provozieren, verzichtet und den Spieler stattdessen werfen lassen. Das ist aus unserer Sicht extrem aufgefallen. Die Spieler haben sich auf die Linie eingestellt.
Lars Geipel: Ansonsten ging es schwerpunktmäßig um das Stoßen in der Luft, die Gesichtstreffer und das Ringen am Kreis. Für diese Situationen wurde mit ganz klaren Kriterien festgelegt, dass sie bestraft werden sollen. Ich denke, das hat auch jeder gesehen und auch die Teams hatten es spätestens nach dem zweiten Spieltag begriffen. Man merkt, wie sich die Mannschaften im Laufe eines Turniers auf die Linie der Schiedsrichter einstellen.
Inwiefern wird diese Linie während eines Turniers nachkorrigiert? In Trondheim gab es am ersten Spieltag zwei direkte rote Karten und einen Tag später für vergleichbare Aktionen lediglich zwei Minuten …
Lars Geipel: Klar, es wird logischerweise nachjustiert. Nach jedem Spieltag gibt es eine Auswertung und in einem Meeting werden kritische Situationen des Vortags mit Videos nachbereitet. Es wird geprüft, ob es bereits die Linie gibt, die wir haben wollen oder ob es zu streng oder zu nachsichtig ist. Das ist sehr professionell vorbereitet, da kann jeder Schiedsrichter etwas mitnehmen. So, wie ein Trainer sein Team immer wieder einstellt, wird es auch bei den Schiedsrichtern gemacht – sodass zum Schluss auch die besten Leistungen kommen sollten (lacht).
Wie darf man sich das bei so vielen Spielorten rein praktisch vorstellen?
Marcus Helbig: An jedem Spielort ist ein Delegierter für das Schiedsrichterwesen verantwortlich. Diese Verantwortlichen tauschen sich untereinander aus und geben die Richtung vor, damit die Linie stimmt. In Malmö und Stockholm hat beispielsweise der europäische Schiedsrichterchef, Dragan Nachevski, mit uns gearbeitet.
Lars Geipel: Außerdem können wir über eine Plattform auf alle Videos zugreifen. Jede Szene wird zudem markiert und kommentiert, so dass wir an allen Spielorten mit dem identischen Material arbeiten.
Es war zudem auffällig, dass die Schiedsrichter viel mit Gestik gearbeitet haben. War das auch eine Vorgabe?
Marcus Helbig: Wir wollen transparent zeigen, warum wir Strafen ausgesprochen haben, damit es für Spieler, Trainer und Zuschauer nachvollziehbar ist.
Lars Geipel: Der entscheidende Punkt bei Schiedsrichterentscheidungen ist folgender: Sie müssen akzeptiert werden. Damit Entscheidungen akzeptiert werden, muss – wie Marcus sagte – nachvollziehbar sein, wofür die Strafe gegeben wird. Um das besser nach außen zu kommunizieren, hat man sich beispielsweise im Eishockey und im Basketball abgeschaut, was man besser machen kann. Deshalb geht es nun tatsächlich verstärkt darum, nachvollziehbarer zu machen, was die Schiedsrichter gepfiffen haben.
In die gleiche Richtung ging die EHF beim Videobeweis – auf dem Videowürfel wurde eingeblendet, was genau überprüft wurde …
Marcus Helbig: Genau, das halten wir sinnvoll.
Der Videobeweis war jedoch nicht die einzige technische Unterstützung. Wird es allmählich zu viel oder ergibt es aus Eurer Sicht Sinn?
Lars Geipel: Wir sind ganz große Befürworter solcher technischen Hilfsmittel. Das blinkende Licht ist sehr, sehr gut, weil es genau anzeigt, wann die Zeit gestoppt ist. Es ist einfach hilfreich, wenn das visualisiert wird. Auch der Videobeweis ist eine riesengroße Hilfe, weil man sich versichern kann, wie die Situation genau ist. Das hilft uns Schiedsrichtern sehr.
Marcus Helbig: Wir hatten im kleinen Finale ja auch die Frage: Tor oder nicht Tor? Ich dachte wirklich, dass der Ball drin war, aber die Bilder haben gezeigt, dass er das nicht war. Für eine solche Überprüfung das Video nutzen zu können, ist eine sehr, sehr gute Sache.
Aktuell können nur die Schiedsrichter auf den Videobeweis zurückgreifen. Was haltet Ihr von einer Challenge wie in anderen Sportarten, wo die Trainer den Videobeweis fordern können?
Lars Geipel: Ich sage mal so: Der Videobeweis an sich ist schon einmal ein riesengroßer Fortschritt, er wird bei der EHF und der IHF wirklich gut umgesetzt. Natürlich kann man ihn aber auch noch optimieren. Eine Challenge wäre einer Überlegung wert, aber es müsste ganz klar geregelt sein, wie das funktionieren kann. Man müsste testen, was sinnvoll ist und inwieweit es umsetzbar ist, ohne den Spielfluss zu zerstören. Wir sind aber grundsätzlich dafür, so etwas auszuprobieren, denn es kann den Sport gerechter machen. Den Videobeweis weiterzuentwickeln und dafür auch in verschiedene Richtungen zu denken, ist daher auf jeden Fall sinnvoll.
Blicken wir noch einmal auf die Atmosphäre: Wie habt Ihr die Stimmung bei der Europameisterschaft erlebt?
Lars Geipel: Ein klarer Fortschritt ist die Erweiterung auf 24 Teams. Das gibt auch anderen Nationen die Möglichkeit gibt, bei so einem großen Turnier dabei zu sein und erschließt neue Märkte. So haben auch Mannschaften, mit denen man nicht gerechnet hätte, überrascht – ganz vorne natürlich die Portugiesen. Was ab der Hauptrunde in Malmö natürlich auf die Stimmung gedrückt hat, war das frühe Ausscheiden der Dänen – und auch die Schweden waren relativ schnell raus. So ist der Sport, das kann man auch nicht erzwingen. Deswegen war in den riesigen Hallen nicht immer die allerbeste Stimmung.
Und die Stimmung im Schiedsrichterkader?
Marcus Helbig: Die war hervorragend. Natürlich gibt es eine gewisse Konkurrenz, weil jeder Spiele pfeifen möchte, aber wir sind eine eingeschworene Truppe. Keiner ist neidisch, es funktioniert untereinander sehr gut – auch mit den Verantwortlichen. Es ist eine sehr gute Schiedsrichterfamilie.
Lars Geipel: Der entscheidende Punkt ist, dass natürlich über Fehler gesprochen wird und auch werden muss, aber keiner heruntergemacht wird. Wenn mal die Leistung nicht so stimmt, wird das ausgewertet und man muntert sich gegenseitig auf. Wir wissen einfach, dass es jedem passieren kann. Das ist toll, es ist wie eine kleine Schicksalsgemeinschaft, in der jeder weiß, worum es geht. Jeder ist hochkonzentriert und ernsthaft bei der Sache, aber weiß auch, dass ein Fehler immer passieren kann.
Was ist das wert?
Lars Geipel: Das hilft sehr weiter. Man kann so ein Turnier daher auch nicht mit Einzelspielen in der Bundesliga oder Champions League vergleichen. Natürlich werten wir in der Bundesliga die Spiele auch aus, aber so eine EM ist wie ein eigener Kosmos. Wir sind über Wochen völlig auf Handball fokussiert.
Wie sieht der Alltag während der Europameisterschaft aus? Es bleiben ja einige Tage, an denen Ihr nicht gepfiffen habt …
Marcus Helbig: Wir waren immer wieder als Reservegespann eingeteilt – beispielsweise auch im Finale. Ansonsten gibt es jeden Tag das Meeting und die Videoauswertung, zudem werden persönliche Gespräche geführt. Außerdem ist man natürlich oft im Fitnessraum. Das reicht alles auch für einen Tag. Wenn man ein Spiel pfeift, bereitet sich jeder nach eigenem Ermessen entsprechend vor – der eine macht lieber einen Spaziergang, der andere legt sich lieber hin. So vergeht die Zeit ziemlich schnell.
Zum Abschluss: Was war persönlich Euer schönster Moment bei der Europameisterschaft?
Marcus Helbig: Der erste schöne Moment war die Tatsache, dass wir überhaupt nominiert wurden. Man ist immer gespannt und es ist nie sicher. Man muss sehr gut Leistungen zeigen und sich immer wieder beweisen, um zu einem Turnier eingeladen zu werden. Ich genieße hier jeden Tag – mit den Kollegen und den Spielen. Es macht einfach nur einen riesigen Spaß, hier dabei zu sein und die Partien zu pfeifen. Es gibt nichts Schöneres als das Hobby Handballschiedsrichter für mich.
Lars Geipel: Um einen Moment zu nennen, der sich auf eine, anderthalb Minuten fokussiert: die Nationalhymnen. Wenn man auf dem Feld steht und es werden die Hymnen gespielt, ist das ein unfassbar cooles Gefühl. In so einem Moment weißt du, wofür du das machst!