Quelle: DHB
Ein zusätzlicher Feldspieler und die Folgen
Regeltechnische Betrachtung
Gemäß Regel 4:5 Abs. 1 Satz 1 ist bei einem Wechselfehler der fehlbare Spieler mit einer Hinausstellung zu bestrafen (16:3a). Betritt ein zusätzlicher Spieler die Spielfläche ohne Auswechselung […], erhält dieser Spieler eine Hinausstellung (4:6).
Gemäß IHF-Erl. 7A Abs. 2 ist ein zusätzlicher Spieler gemäß Regel 16:6b i.V.m. Regel 8:10b (II) zu disqualifizieren, wenn der zusätzliche Spieler gemäß Regel 4:6 die Spielfläche während einer klaren Torgelegenheit betritt.
Gemeinsame Aufgabe von Zeitnehmer/Sekretär
Beide zusammen kontrollieren die ordnungsgemäße Besetzung der Auswechselbänke. Darüber hinaus überwachen sie die Auswechselvorgänge. Die Beobachtung der Auswechselvorgänge und Auswechselbänke wird in der Regel zwischen Zeitnehmer und Sekretär aufgeteilt: Jeder übernimmt die Mannschaft auf seiner Seite.
Wie ist zu verfahren, wenn die Regelwidrigkeit wahrgenommen wird?
In solchen Fällen muss der Zeitnehmer sofort pfeifen und den fehlbaren Spieler benennen.
Was ist aber, wenn Z/S und Delegierter nicht mitbekommen haben, wer der zusätzliche Spieler ist?
Lässt sich der fehlbare Spieler nicht mehr feststellen, ist wie folgt vorzugehen (IHF-GUIDELINES Zusätzlicher Spieler (Regel 4:6, Abs. 1)):
Der Technische Delegierte (die Schiedsrichter) fordern den Mannschaftsverantwortlichen auf, den fehlbaren Spieler zu benennen. Dieser Spieler erhält eine Hinausstellung, die ihm persönlich angelastet wird.
Weigert sich der Mannschaftsoffizielle, den fehlbaren Spieler zu benennen, benennt der Technische Delegierte (die Schiedsrichter) einen Spieler. Dieser Spieler erhält eine Hinausstellung, die ihm persönlich angelastet wird.
Wichtiger Hinweis
Als „fehlbarer Spieler“ kann nur ein Spieler benannt werden, der sich zum Zeitpunkt der Unterbrechung auf der Spielfläche befindet. Handelt es sich für den benannten Spieler um seine dritte Hinausstellung, ist er nach Regel 16:6d zu disqualifizieren.
Was im Video geschieht
Mannschaft BLAU ist im Angriff und hat einen Freiwurf auf der halbrechten Position zugesprochen bekommen. Gleichzeitig wurde das Spiel mit Time-out unterbrochen, um auf Außen Rechts Wischen zu lassen. Für Mannschaft BLAU stehen zu diesem Zeitpunkt die Spieler BLAU 5, BLAU 7, BLAU 11, BLAU 14, BLAU 17 und BLAU 31 auf dem Spielfeld (Spielstand 30:32). Spieler BLAU 11 nutz eine Durchbruchsmöglichkeit auf Halbrechts zum Torwurf und zeitgleich startet BLAU 7 in Richtung eigenen Auswechselraum. Der Torwurf von Mannschaft BLAU wird vom Torwart gehalten und Mannschaft GRÜN kommt in Ballbesitz und baut ihren Angriff auf.
Erstmals ist im Videoausschnitt bei Spielzeit 52:15 erkennbar, dass sich Mannschaft BLAU mit 7 Feldspielern (zzgl. einem Torwart) auf der Spielfläche befindet:
Es handelt sich um die Spieler BLAU 5, BLAU 11, BLAU 14, BLAU 17, BLAU 18, BLAU 24, BLAU 31 und Torwart (BLAU 55)
Im Vergleich zum Angriff zuvor finden sich also zwei neue Spieler von Mannschaft BLAU auf der Spielfläche, es handelt sich um die Spieler BLAU 18 und BLAU 24.
Während sich der Ball beim Angriff von Mannschaft GRÜN etwa auf der halbrechten Position befindet, orientieren sich die Spieler BLAU 5 und BLAU 11 in Richtung eigene Auswechselzone. Der zwischenzeitlich auf der Linksaußenposition völlig freistehende Spieler GRÜN 8 erhält den Ball und setzt zum Sprungwurf an. In diesem Moment unterbricht der Zeitnehmer das Spiel.
Den Schiedsrichtern wird mitgeteilt, dass sich sieben Feldspier zzgl. einem Torwart auf der Spielfläche befinden (bzw. befunden) haben.
Die Schiedsrichter entscheiden auf 7-Meter-Wurf für Mannschaft GRÜN. Neben der Spielfortsetzung entscheiden die Schiedsrichter auf eine Hinausstellung für BLAU 5 (nicht im Video ersichtlich).
Anmerkung
Die angezeigte Spielzeit von 52:37 ist nicht mehr korrekt, da der Zeitnehmer die Spielzeit mit seinem Pfiff bei 52:19 gestoppt hatte (belegt wird dies durch die vom Sekretär vermerkte Zeitstrafe für BLAU 5 bei 52:19 im Spielprotokoll).
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen
Ab welchem Zeitpunkt sich sieben Feldspieler zzgl. eines Torwarts von Mannschaft BLAU auf der Spielfläche befinden, ist im Video nicht zu erkennen.
Nach Wechsel des Ballbesitzes und der erstmaligen Dokumentation der Überzahl bei Spielzeit 52:15 muss der Wechselfehler erfolgt sein. Der Zeitnehmer unterbricht das Spiel zu dem Zeitpunkt, als die Regelwidrigkeit von Mannschaft BLAU vom Kampfgericht erkannt wird. Die Feststellung wird sicherlich durch das Verhalten der Spieler BLAU 5 und BLAU 11 unterstützt bzw. machen die Regelwidrigkeit erst offensichtlich (ansonsten hätte der Zeitnehmer schon eher reagiert).
Auch wenn sich zum Zeitpunkt des Pfiffs des Zeitnehmers Spieler GRÜN 8 in einer klaren Torgelegenheit befindet, muss der Zeitnehmer gemäß IHF-Erl. 7A Abs. 1 Satz 1 dennoch unmittelbar unterbrechen. Gemäß der Regel 14:1a i.V.m. IHF-Erl. 7A Abs. 1 Satz 2 ist von den Schiedsrichtern zur Spielfortsetzung auf 7-m-Wurf für die nicht fehlbare Mannschaft zu entscheiden, wenn die Spielunterbrechung bei einer klaren Torgelegenheit erfolgt.
Gemäß Regel 4:5 Abs. 1 Satz 1 ist bei einem Wechselfehler der fehlbare Spieler mit einer Hinausstellung zu bestrafen (16:3a), gleiches gilt gemäß Regel 4:6 Abs. 1 Satz 1, wenn ein zusätzlicher Spieler ohne Auswechselung die Spielfläche betritt.
Die Entscheidung gegen den Spieler BLAU 5 eine Hinausstellung auszusprechen, erscheint anhand des Videos und der Analyse nicht nachvollziehbar, da Mannschaft BLAU die Spieler BLAU 18 und BLAU 24 eingewechselt hat. Hier wäre eine Hinausstellung für einen dieser zwei Spieler sachgerecht gewesen. Die Hinausstellung gegen den Spieler BLAU 5 ist daher eine fehlerhafte Tatsachenentscheidung (sehr wahrscheinlich wurde BLAU 5 vom Zeitnehmer/Sekretär benannt).
Fazit
Die Spielfortsetzung 7-m-Wurf und eine Hinausstellung sind regeltechnisch insoweit korrekt. Es wäre aber wünschenswert gewesen, wenn Zeitnehmer/Sekretär unmittelbar – wenn der 7. Feldspieler / der zusätzliche Spieler das Spielfeld betreten hat – das Spiel unterbrochen und gleich den richtigen Spieler benannt hätte. Durch die Verzögerung und eigentlich unklare Lage wurde letztendlich der falsche Spieler hinausgestellt. Dies gilt es zu vermeiden. Wenn der Spieler nicht benannt werden kann, dann ist das Verfahren im Regelwerk klar geregelt. Die fehlerhafte Tatsachenentscheidung beruht letztlich (vermutlich) auf die getroffene Aussage des Zeitnehmers und/oder Sekretärs, den Gehilfen der Schiedsrichter. Dass es auch ähnliche Situationen gibt, wo es keinem der Beteiligten auffällt, zeigt das Beispiel vom 26.09.2022 (Der achte Spieler und die Folgen).
Hinweis
Laut IHF-Erl. 7A Abs. 2 wäre ein zusätzlicher Spieler gemäß Regel 16:6b i.V.m. Regel 8:10b (II) zu disqualifizieren, wenn der zusätzliche Spieler gemäß Regel 4:6 die Spielfläche während einer klaren Torgelegenheit betritt. Das Fehlverhalten und die klare Torgelegenheit müssen aber in einem unmittelbaren zeitlichen Kontext stehen.
Die Überzahl von Mannschaft BLAU bestand aber bereits zu einem Zeitpunkt, als für Mannschaft GRÜN noch keine klare Torgelegenheit vorlag.
Nur weil die Spielunterbrechung durch den Zeitnehmer zu einem Zeitpunkt erfolgt, zu dem für Mannschaft GRÜN eine klare Torgelegenheit vorlag, wäre im vorliegenden Fall eine Disqualifikation des zusätzlichen Spielers gemäß Regel 16:6b i.V.m. Regel 8:10b (II) nicht regelgerecht. Eine derartige Regelinterpretation würde der Willkür eines Zeitnehmers Tür und Tor öffnen. Regeltechnisch heißt der Begriff auch „betritt“ und nicht „befindet“.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.