Maike Merz und Tanja Kuttler im Dezember 2019 bei der Frauen-WM in Japan. (Foto: imago images/wolf-sportfoto)

„Ein weiterer Schritt nach vorne“

Ein Interview mit dem Team Maike Merz und Tanja Kuttler über die Regelschwerpunkte bei der Frauen-Weltmeisterschaft in Japan im Dezember 2019, ihren Alltag auf dem Großturnier und die Atmosphäre vor Ort.

Das Gespann aus dem Elitekader des Deutschen Handballbundes leitete bei seinem ersten Großturnier im Seniorenbereich fünfeinhalb Spiele. Neben fünf kompletten Partien sprangen die beiden Schwestern als Reservegespann beim Hauptrundenduell zwischen Spanien und Schweden zur Halbzeit ein – eine besondere Erfahrung, über die sie sich freuen.

 

Redaktion: Wie fällt Euer Gesamtfazit von der WM 2019 aus? 

Maike Merz: Wir sind sehr zufrieden mit dem Gesamtverlauf der WM. In Summe hatten wir fünf enge Spiele, in denen wir permanent gefordert waren. Die IHF hat uns damit bereits bei unserer ersten Senioren-WM eine große Verantwortung übertragen – darauf sind wir stolz.

Tanja Kuttler: Auch außerhalb des Spielfelds war diese WM für uns ein absoluter Zugewinn. Es fand ein intensiver Austausch zwischen den Schiedsrichter-Teams vor Ort statt, der uns einen weiteren Schritt nach vorne gebracht hat.

 

Welche Schwerpunkte wurden für die Schiedsrichter während der WM gesetzt – und wie fällt Euer Fazit der Umsetzung aus? 

Tanja Kuttler: Schwerpunkte waren neben dem üblichen Thema Progression das passive Spiel und das Kreisläuferspiel. Bei letzterem wurde der Fokus auch auf das Angriffsverhalten der Kreisläufer gelenkt, denn nicht immer ist der Abwehrspieler der Schuldige. Nicht selten greift auch der Angreifer zu unerlaubten Mitteln, um sich Platz zu verschaffen. Dieser Bereich erfordert besondere Konzentration, da oftmals nur schwer zu erkennen ist, wer „angefangen“ hat und wie dann entsprechend zu entscheiden ist.

Maike Merz: Das Wichtigste ist, dass diese Regelschwerpunkte zwar besondere Beachtung finden, jedoch nicht überzogen geahndet werden. Ich denke, dass ist in Japan sehr gut gelungen.

 

Wie sah der „Arbeitstag“ für die Schiedsrichter während der WM aus? 

Maike Merz: Jeder Tag startete für uns Schiedsrichter mit einer Sporteinheit am frühen Morgen – geleitet von den IHF-Fitesstrainern. Nach einem kurzen Frühstück ging es dann um neun Uhr zum täglichen Meeting, in dem in der großen Runde die Szenen und Schwerpunkte des Vortages besprochen wurden. Anschließend wurden die Spiele noch in der Kleingruppe Schiedsrichter/Schiedsrichterbeobachter detailliert ausgewertet.

Obwohl bei dieser WM alle Spiele in einer Stadt ausgetragen wurden, waren die Fahrzeiten teilweise sehr lang, weshalb bereits am frühen Mittag die ersten Busse zu den Spielorten aufbrachen. Gegen 23:00 Uhr trafen dann alle Schiedsrichter und Delegierten wieder im IHF-Hotel ein. Nach einem kurzen Abendessen und den Nominierungen für den Folgetag ging es für die einzelnen Schiedsrichtergespanne in Form von Videoanalysen bereits in die Nachbereitung des gerade zurückliegenden Spiels bzw. in die Vorbereitung der am nächsten Tag anstehenden Partie.

 

Wie war die Stimmung im Schiedsrichter-Kader? 

Tanja Kuttler: Die Stimmung war wirklich ausgesprochen gut und kollegial. Es fanden viele Gespräche in der Kleingruppe statt und gerade die erfahrenen Gespanne haben sich viel Zeit genommen, um bei Bedarf zu unterstützen.

 

Bei Spanien gegen Schweden seid Ihr als Reservegespann zum Einsatz gekommen. Inwiefern ist das eine besondere Herausforderung? 

Maike Merz: Das war wirklich sehr außergewöhnlich. Als Reservegespann muss man natürlich zu jeder Zeit davon ausgehen, dass man zum Einsatz kommen kann – da das aber so gut wie nie der Fall ist, war es dennoch eine Überraschung. Generell waren wir aber gut vorbereitet und hatten keinen „Kaltstart“. So absolvieren wir beispielsweise auch als Reservegespann vor jedem Spiel und in der Halbzeitpause ein Aufwärmprogramm. Während des Spiels sitzen wir in der ersten Reihe hinter den Auswechselbänken, sodass wir die Atmosphäre bereits von dort aufnehmen können.

Tanja Kuttler: Zunächst lag die Herausforderung darin, das Schicksal des verletzten Kollegen auszublenden und sich schnellstmöglich auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Da wir in der 2. Halbzeit eingesprungen sind, war es eine weitere Herausforderung, den Kopf wirklich auf „2. Halbzeit“ zu programmieren. Gerade in der Progression macht das einen Unterschied – man kann nicht wie gewöhnlich über Hinweise und Verwarnungen „aufbauen“, sondern muss möglichst direkt die zuvor vorgegebene Linie der Kollegen adaptieren und umsetzen, sodass es für die Spieler keinen „Bruch“ gibt. Es war eine spannende Erfahrung, an der wir sicherlich gewachsen sind – und wir sind froh, dass das Gespann Lah/Sok bereits wieder zurück auf der Platte ist.

 

Wie habt Ihr die Atmosphäre bei der Weltmeisterschaft erlebt? 

Maike Merz: „Anders“ trifft es wohl am besten – und das ist nicht negativ gemeint. Aus Europa kennen wir volle Hallen, in denen Fan-Gruppierungen frenetisch ihre Mannschaften anfeuern. In Japan waren die Hallen meist gefüllt mit Schulklassen, die eine unglaublich positive Atmosphäre geschaffen haben. Es wurde jede tolle Aktion gefeiert und bejubelt, wodurch eine sehr positive Stimmung auf dem Spielfeld erzeugt wurde.

 

Welches Erlebnis hat Euch in Japan am meisten beeindruckt? 

Tanja Kuttler: Als wir bei einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft als Zuschauer in der Halle waren, hatten sich die Schulklassen in zwei „Lager“ aufgeteilt. Das eine Lager war für Deutschland, das andere für Australien. Die Schüler hatten sich Fahnen gebastelt und Plakate gemalt. Noch bevor die deutsche Mannschaft zum Aufwärmen in der Halle erschien, begann das deutsche Fanlager aus japanischen Schülern sich warm zu singen – mit der deutschen Nationalhymne! Die Schüler müssen wochenlang geübt haben, um Text und Melodie perfekt einzustudieren. Das war wirklich ein Gänsehautmoment, den wir nie vergessen werden!

 

Was könnt Ihr von der Weltmeisterschaft für die Einätze in den Bundesligen mitnehmen? 

Maike Merz: Gerade in engen Spielen erlebt man als Schiedsrichter extreme Drucksituationen. Solche Drucksituationen sind wichtig für die eigene Weiterentwicklung und werden uns sicherlich auch im Bundesligaalltag einen weiteren Schritt nach vorne bringen.