Na, was forderte Gudjon Valur Sigurdsson (Trainer VfL Gummersbach) hier wohl? (Foto: IMAGO/Eibner)
Ein unklarer Begriff und seine Bedeutung
Richtig! Es geht um das sogenannte Fingerspitzengefühl.
Der zarte Versuch einer Definition
Fingerspitzengefühl bedeutet umgangssprachlich ein besonders einfühlsames Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen. Wer Fingerspitzengefühl hat, sollte in der Lage sein, Menschen anzusprechen oder zu kritisieren, ohne sie bloßzustellen, zu verletzen oder vor den Kopf zu stoßen. Dies kann eine Charaktereigenschaft oder eine grundsätzlich rücksichtsvolle Haltung gegenüber anderen sein. Fingerspitzengefühl hilft vornehmlich im Umgang mit sensiblen und schwierigen Menschen oder ebensolchen Situationen, zählt zu den sozialen Kompetenzen und verbindet Empathie mit Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen.
Fingerspitzengefühl im Sport?
Der Begriff Fingerspitzengefühl ist in Bezug auf Sport und Schiedsrichter schwierig abzugrenzen, zu definieren:
Im Handball kommt es immer wieder zu Aussagen von Trainern, Offiziellen oder Spielern wie „Mit ein bisschen Fingerspitzengefühl hätte der Schiedsrichter die Strafe auch weglassen können“ oder „Mit ein bisschen Fingerspitzengefühl hätte man das letzte Stürmerfoul nicht pfeifen müssen“ oder Ähnliches. Ist der Begriff Fingerspitzengefühl im Handball also eine Erfindung von Trainern, Offiziellen, Spielern oder Zuschauern? Und was bedeutet der Begriff eigentlich für den Sport?
Fakt ist, der Schiedsrichter kann und darf sich nicht über das Regelwerk hinwegsetzen. Das Regelwerk ist die gemeinsame Grundlage. Sich darüber hinwegzusetzen, wäre Willkür und diese hat im Sport und gerade bei der Aufgabe des Schiedsrichters nichts zu suchen.
Fingerspitzengefühl sollte demnach mehr dort gefragt sein, wo es keine Regeln gibt und im Einzelfall Interessen abzuwägen sind, um ein gerechtes Urteil zu fällen.
Regeln versus Fingerspitzengefühl
In nahezu jeder Sportart gibt ein mehr oder weniger komplexes Regelwerk, das den Ablauf des Spiels festlegt und welches regelt, wie Verstöße, Regelwidrigkeiten und unsportliches Verhalten geahndet werden sollen. Regeln tragen maßgeblich dazu bei, dass es auf dem Rasen, im Schwimmbecken, im Sand oder in der Halle gerecht zugehen kann. Schließlich soll die bessere Leistung den Ausschlag über Sieg oder Niederlage geben – und eben nicht eine Entscheidung, die in gleicher Situation Mal so und beim nächsten Mal ganz anders ausfallen kann.
Regeln schaffen Verlässlichkeit, schaffen Glaubwürdigkeit und stärken das Prinzip der Gerechtigkeit im Sport: Es gibt niemanden, der bevorteilt wird, nur weil man Mitleid mit ihm hat oder ihn so gern mag oder man es als gerecht empfindet. Vor den Regeln sollten alle – unabhängig von den Rahmenbedingungen – gleich sein.
Der Begriff Fingerspitzengefühl wird im Sport oft in Situationen benutzt, in denen Emotionen hochkochen. Ja, Emotionen gehören zum Sport dazu. Das ist richtig und wichtig. Aber die Klage über fehlendes Fingerspitzengefühl kommt von Trainern und Offiziellen oft dann, wenn schlechte Emotionen überwiegen und Schiedsrichterentscheidungen vermeintlich Schuld daran sind. Für nahezu alles, was einem Trainer, Offiziellen oder Spieler nicht passt, heißt es inzwischen: "Hier fehlt das Fingerspitzengefühl!".
Dabei wird allerdings nicht gesehen, dass der Spieß falsch herum gedreht wird: Der Schiedsrichter, der eine (meist) regelkonforme Entscheidung getroffen hat, wird zum "Übeltäter", und derjenige, der die Missetat begangen hat, wird zum "Opfer" des herzlosen, überharten Schiedsrichters – verkehrte Welt!
Fakten
- Hochkochende Emotionen und angeblich fehlendes Fingerspitzengefühl von Schiedsrichtern dürfen nicht als Ausrede für denjenigen herhalten, der sich nicht benehmen kann und seine als Emotionen getarnten Aggressionen an Schiedsrichtern auslässt.
- Emotionen muss man als Schiedsrichter im Rahmen des Ganzen zulassen, aber unsportliches Verhalten eben nicht.
- Jeder Trainer oder Spieler, der außenwirksam protestiert, setzt sich dem Risiko aus, dafür regelkonform sanktioniert zu werden. Eine entsprechende persönliche Strafe ist dann die Ahndung eines Fehlverhaltens.
Vielleicht würde es helfen, an manchen Stellen einmal die Funktion eines Schiedsrichters mit einer simplen Frage an die Protestierenden klarzustellen: Warum braucht es eigentlich einen Schiedsrichter, wo es doch für jedes Spiel ein Regelwerk gibt, das eine Lösung für jede Spielsituation hat ...?
Hierzu ein kleiner Seitenblick auf den Fußball
Im Jahr 1863 wurde erstmalig ein Regelwerk für den Fußball aufgelegt. Da war für das Spiel (noch) kein Schiedsrichter vorgesehen. Die Herren brauchten ihn auch nicht, denn die jeweiligen Mannschaftskapitäne regelten alles sportlich fair untereinander. Erst im Jahr 1880 wurde der Schiedsrichter im Regelwerk für den Fußball aufgenommen. Er kam aber nur dann zum Einsatz, wenn sich die Mannschaftskapitäne – übrigens wegen immer mehr anderer Dinge als dem Kampf um den Ball – nicht einigen konnten. Der Schiedsrichter als alleiniger Spielleiter ist im Fußball seit 1890 im Regelwerk verankert.
Obgleich der Fußball fast ein Vierteljahrhundert ohne Schiedsrichter auskam, fehlte im Laufe der Jahre demnach ein neutraler Bewerter, der regelkonforme Entscheidungen unparteiisch treffen konnte ...
Quintessenz
Auch im Handball sind die Schiedsrichter heute absolut notwendig! Bleibt noch die Frage nach dem Fingerspitzengefühl: Gibt es das nun für Schiedsrichter und benötigen sie es für ihre Spielleitung?
Jein. In Situationen, in denen der Schiedsrichter einen Beurteilungsspielraum im Rahmen des Regelwerks hat (kommt im Handball vor), benötigt man durchaus auch Fingerspitzengefühl. Wird eine Rote Karte oder Siebenmeter z. B. nicht gegeben, wirkt sich das genauso auf das Spiel aus, als wenn der Siebenmeter oder die Rote Karte gegeben werden. Wichtig für das eigene Spiel sind daher ein gutes Spielverständnis und Gamemanagement sowie eine berechenbare Linie über das gesamte Spiel.
Fingerspitzengefühl als Schiedsrichter kann also "lediglich" für die sinnvolle Nutzung des Ermessensspielraums im Rahmen des Regelwerks mit Blick auf den Spielverlauf und das Spielverständnis nach dem Motto „Was will das Spiel, was braucht das Spiel im positiven Sinne?“ erforderlich sein. Gute Schiedsrichter haben es und treffen dadurch die richtige Entscheidung. Aber kein Trainer oder Spieler kann Fingerspitzengefühl einfordern ...
Außerdem kann ein gutes Fingerspitzengefühl einem Handballschiedsrichter auch noch helfen, wenn es um den Umgang mit sensiblen und schwierigen Menschen vor und nach dem Spiel geht.
Aufruf
Wenn wir alle respektvoll miteinander umgehen, wird es angenehmer für alle Beteiligten.
An dieser Stelle möchte ich die Schiedsrichter in Schutz nehmen, die Wochenende für Wochenende für (meist) kleines Geld in den Hallen stehen, um sportlich faire Spiele zu garantieren und denen von den Trainern, Offiziellen und Zuschauern oftmals nicht nur mangelndes Fingerspitzengefühl attestiert wird, sondern deren angebliches Manko vielfach auch als Erklärung für schwache Leistungen herhalten muss. Selbst wenn es diskutable Entscheidungen gegeben haben sollte, so sind die meisten Entscheidungen der Schiedsrichter in einem Spiel korrekt. Schiedsrichter werden bei einer Fehlentscheidung leider oft für die Niederlage verantwortlich gemacht und erhalten die Bewertung „Kreisklasse“. Ich wünsche mir da von manchen Trainern, Offiziellen und auch Spielern, zumindest bei der Würdigung der Leistung von Schiedsrichtern, so manches Mal auch ein wenig mehr Fingerspitzengefühl.