Ein leeres Tor – da liegen 7-Meter-Würfe in der Luft

Die zentrale Regelbestimmung, wann regeltechnisch ein leeres Tor vorliegt, gibt es bereits seit 1951.

Damals galt der Torraum allerdings schon als vom Torwart verlassen, wenn dieser mit einem Körperteil die Torraumlinie berührte. Diese regeltechnische Ungenauigkeit (Linien gehören zu dem Raum, den sie begrenzen) wurde im Regelheft von 1953 korrigiert. Seitdem ist die Formulierung in Regel 5:3 Abs. 2 unverändert. Da sage mal einer, Handballregeln hätten keinen Bestand.

Eine weitere wichtige Information für die korrekte Beurteilung dieses Pfiffs der Woche wurde erstmals im Regelbuch vom 1. August 2001 veröffentlicht. Es handelt sich um die Definition einer klaren Torgelegenheit. In der heutigen IHF-Erläuterung 6c findet sich der zur regelgerechten Analyse erforderliche Regeltext.

Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle:

Seit 19 Jahren bedeutet das leere Tor für die gegnerische Mannschaft eine klare Torgelegenheit, wenn ein Spieler dieser Mannschaft mit Ball- und Körperkontrolle eine klare und ungehinderte Gelegenheit hat, auf das leere Tor zu werfen.

Mit der Regeländerung 2016 haben die vorgenannten Regelbestimmungen stärkere Bedeutung erlangt. Gemäß Regel 4:1 Abs. 3 ist es einer Mannschaft seitdem gestattet, den Torwart gegen einen weiteren Feldspieler auszuwechseln. Die Chance, mit einem zusätzlichen Feldspieler ein Tor zu erzielen, ist also gleichzeitig immer mit dem Risiko verbunden, der gegnerischen Mannschaft bei Ballverlust eine klare Torgelegenheit quasi „auf dem Silbertablett“ zu präsentieren.

Genau das ist in unserem Videoclip passiert. Mannschaft SCHWARZ spielt in Unterzahl und hat den Torwart gegen einen sechsten Feldspieler ausgewechselt. Ein Pass des halblinken Spielers zu "seinem" Rückraum-Mitte kann vom Abwehrspieler GELB auf der Mitte-links-Position abgefangen werden.

Nachdem der Spieler von Team GELB etwa in der Mitte der eigenen Spielfeldhälfte völlige Ball- und Körperkontrolle hat, wird er von einem Spieler des Teams SCHWARZ regelwidrig geklammert, damit er nicht auf deren leeres Tor werfen kann.

Die Schiedsrichter erkennen zum einen im Verhalten des Spielers in GELB die Absicht, auf das leere Tor der gegnerischen Mannschaft zu werfen; zum anderen ist auch die Absicht hinter dem regelwidrigen Verhalten des Abwehrspielers von SCHWARZ zu erkennen. Daher lautet ihre Entscheidung auf 7-m-Wurf für GELB.

Hinweise, dass eine bestimmte Wurfaktion bereits erkennbar sein sollte (z. B. Wurfhand mit Ball über Hüfthöhe), um auf 7-m-Wurf zu entscheiden, finden sich in der IHF-Erläuterung 6c nicht. Die dort erwähnten Kriterien sind:

  • Torwart hat den Torraum verlassen.
  • Angriffsspieler hat Ballkontrolle.
  • Angriffsspieler hat Körperkontrolle und
  • Angriffsspieler hat eine klare und ungehinderte Gelegenheit zum Wurf auf das leere Tor.

Das letztgenannte Kriterium bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass ein Abwehrspieler nur schnell genug regelwidrig handeln muss (z. B. Klammern/Halten), um die klare und ungehinderte Gelegenheit zum Wurf auf das leere Tor für den angreifenden Spieler zu vereiteln. In unserem Videobeispiel hätte der angreifende Spieler GELB eine klare und ungehinderte Gelegenheit gehabt, auf das leere Tor der gegnerischen Mannschaft SCHWARZ zu werfen, wenn der Abwehrspieler nicht regelwidrig eingegriffen hätte.

Durch folgenden Hinweis in den 2018 veröffentlichten IHF-Guidelines und -Interpretationen zu den 7-m-Entscheidungen bei leerem Tor werden die genannten Kriterien ergänzt:

  • Der werfende Spieler versucht eindeutig, direkt auf das leere Tor zu werfen.

Sollte der ballbesitzende Spieler stattdessen den Ball nur sichern oder zu einem Mitspieler passen wollen, ist eben nicht auf 7-m-Wurf zu entscheiden. Die regelgerechte Spielfortsetzung richtet sich in derartigen Fällen – gegebenenfalls unter Vorteilsgewährung – nach dem weiteren Spielverlauf.