Quelle: DHB

Ein klarer Wechselfehler darf nicht ohne Folgen bleiben

Auswechselspieler dürfen – außer bei einer Freiwurfausführung zum Ende einer Halbzeit – jederzeit eingewechselt werden. Was gilt es zu beachten?

Beim Wechselvorgang ist darauf zu achten, dass zunächst der auszuwechselnde Spieler das Spielfeld regelgerecht über die eigene Auswechsellinie verlässt und dann der einwechselnde Spieler dieses ebenfalls nur über die eigene Auswechsellinie betritt (Regel 4:4). Was ist aber, wenn Zeitnehmer/Sekretär nicht mehr wissen, wer der fehlbare Spieler ist?

Wer kontrolliert den Auswechselvorgang?

Laut Regel 18:1 ist es eine gemeinsame Aufgabe von Zeitnehmer und Sekretär. Beide zusammen kontrollieren die ordnungsgemäße Besetzung der Auswechselbänke. Darüber hinaus überwachen sie die Auswechselvorgänge. Die Beobachtung der Auswechselvorgänge und -bänke wird in der Regel zwischen Zeitnehmer und Sekretär aufgeteilt: Jeder übernimmt die Mannschaft auf seiner Seite.

Bei Wechselfehlern hat nur der Zeitnehmer sofort – ohne Berücksichtigung einer eventuell bestehenden Vorteilssituation – zu pfeifen und die Spielzeit anzuhalten.

Wer ist der fehlbare Spieler?

  • Der einwechselnde Spieler, wenn er das Spielfeld zu früh betritt.
  • Grundsätzlich der Spieler, der (als erster Spieler) das Spielfeld nicht über die eigene Auswechsellinie betritt oder verlässt.
  • Ein zusätzlicher Spieler (4:6), der das Spielfeld unabhängig von einer Auswechslung betritt.
  • Ein hinausgestellter Spieler, der das Spielfeld vor Ablauf seiner Hinausstellungszeit betritt.

Was im Video geschieht

Mannschaft GRÜN erzielt ein Tor. GRÜN 17 läuft Richtung Auswechselbereich, wo GRÜN 4 bereits auf seine Einwechselung wartet. GRÜN 17 geht aber nicht zur Bank, sondern läuft Richtung Abwehr zurück. GRÜN 4 betritt dann die Spielfläche, deutlich bevor GRÜN 43 diese verlassen hat. Der Zeitnehmer unterbricht daraufhin das Spiel mit dem Signal der Zeitmessanlage. Anschließend kommunizieren Zeitnehmer und Sekretär mit dem Schiedsrichter. Das Spiel wird im Anschluss ohne eine Hinausstellung mit Freiwurf für Mannschaft GRAU fortgesetzt.

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB

GRÜN 4 betritt, deutlich bevor GRÜN 43 das Spielfeld verlässt, die Spielfläche. Damit liegt ein Wechselfehler gemäß Regel 4:4 vor.

In welchem Umfang Zeitnehmer/Sekretär dem Schiedsrichter den gesamten Ablauf geschildert haben, wird im Video nicht deutlich. Deshalb lässt sich nicht klären, warum es hier dann doch keine Hinausstellung gegen die Mannschaft GRÜN gegeben hat.

Wie wäre es richtig?

Hätten Zeitnehmer/Sekretär den Wechselvorgang und damit den Wechselfehler im Detail wahrgenommen, wäre GRÜN 4 als fehlbarer Spieler identifiziert und benannt worden. Er wäre dann wegen des Wechselfehlers für zwei Minuten hinausgestellt worden. Die Spielfortsetzung wäre dann auch Freiwurf für Mannschaft GRAU an der Freiwurflinie von Mannschaft GRÜN.

Was ist aber, wenn Zeitnehmer Sekretär den fehlbaren Spieler nicht mehr feststellen/benennen können?

Hier hilft ein Blick in die IHF-Guidelines. In diesem Fall ist analog zu „Zusätzlicher Spieler (Regel 4:6, Abs. 1)“ zu verfahren.

Lässt sich der fehlbare Spieler nicht mehr feststellen, ist wie folgt vorzugehen:

  • Der Technische Delegierte (die Schiedsrichter) fordert den Mannschaftsverantwortlichen auf, den fehlbaren Spieler zu benennen. 
  • Dieser Spieler erhält eine Hinausstellung. Diese wird ihm persönlich angelastet.
  • Weigert sich der Mannschaftsoffizielle, den fehlbaren Spieler zu benennen, benennt der Technische Delegierte (die Schiedsrichter) einen Spieler. Dieser Spieler erhält eine Hinausstellung. Diese wird ihm persönlich angelastet.

Hinweise

Als „fehlbarer Spieler“ kann nur ein Spieler benannt werden, der sich zum Zeitpunkt der Unterbrechung auf der Spielfläche befindet. Handelt es sich für den benannten Spieler um seine dritte Hinausstellung, ist er nach Regel 16:6d zu disqualifizieren.

Fazit

Ein Zeitnehmer sollte sich vor der Unterbrechung sicher sein, dass eine Regelwidrigkeit (hier ein Wechselfehler) vorliegt.

Denn Zeitnehmer und Sekretär übernehmen bei der Spielleitung durchaus Mitverantwortung, indem sie die Schiedsrichter unterstützen. In dieser Situation haben sie die Schiedsrichter nicht so unterstützt, dass eine regelgerechte Entscheidung getroffen werden konnte.

Um eine regelgerechte Entscheidung treffen zu können, sollte man als Schiedsrichter nicht nur die Äußerungen von Zeitnehmer/Sekretär zugrunde legen. In solchen Momenten kommt es auch auf die richtige(n), konkrete(n) Fragestellung(en) der Schiedsrichter an, um ggf. weitere notwendige/verwertbare Informationen zu erhalten, z. B.:

  1. Lag ein Wechselfehler vor?
  2. Können Sie den fehlbaren Spieler benennen?
  3. Was haben Sie genau wahrgenommen?

Der Schiedsrichter sollte auch darauf achten, dass die Klärung ohne Beteiligung von Spielern oder Offiziellen erfolgt. In dem oben zu sehenden Video geht ein Offizieller der betroffenen Mannschaft zum Tisch. Dabei besteht immer die Gefahr, dass der Offizielle versucht, Einfluss zu nehmen.