Quelle: hvw-online.org

Ein Blick in die Praxis: Der Kinderhandballspielleiter

In Baden-Württemberg ermöglicht der Kinderhandballspielleiter einen sanften Einstieg in die Schiedsrichterei im Bereich der F- und E-Jugend. Die verkürzte Ausbildung ist genau auf den Kinderhandball zugeschnitten, die Neulinge an der Pfeife kommen in erster Linie in ihrer Heimhalle zum Einsatz. Thomas Dieterich, Verbandsmanager im Handballverband Württemberg, stellt die Hintergründe des Projektes vor und berichtet von den Erfahrungen. Ein Blick in die Praxis.

Neben dem unbestreitbar herrschenden Schiedsrichtermangel gibt es ein weiteres großes Problem an der Basis: Frisch ausgebildete Unparteiische brechen ihre Karriere oft nach einigen Spielen und/oder wenigen Monaten wieder ab. Ob die Zeit für die Ausbildung, die Kosten für die Ausstattung oder der Einsatz von Coaches in den ersten Spielen: Der Aufwand steht nach einem frühen Ende nicht im Einklang mit dem Nutzen.

Das ist einer Grundgedanken, der hinter dem Kinderhandballspielleiter steckt. „Wenn die Schiedsrichter vor der aufwendigen Ausbildung wüssten, dass sie wirklich Bock auf das Pfeifen haben, würde das helfen“, beschreibt Dieterich den Entstehungsprozess. „Und andere, die schon wissen, dass sie pfeifen wollen, haben gar keine Lust, F- und E-Jugend zu pfeifen.“

An dieser Schnittstelle setzt der Kinderhandballspielleiter an: Die verkürzte Ausbildung – ein Theorietermin sowie einem zehn- bis fünfzehnminütigen Praxistext im Kinderhandball – soll die Absolventen ohne großen Aufwand befähigen, die Spiele in der F- und E-Jugend (und auch der D-Jugend, sollte sie vereinseigen besetzt werden) des eigenen Vereins leiten zu können. Jugendliche können so erste Erfahrungen sammeln und merken, ob ihnen das Pfeifen Spaß macht – und nehmen den vollausgebildeten Schiedsrichtern zugleich Einsätze im Kinderhandball ab, was zu einer Entlastung führt. Zugleich werden die Schiedsrichterkosten für die Vereine reduziert.

„Wenn man ehrlich ist, ist das Regelwissen, was man braucht, um in der F-, E- und D-Jugend pfeifen zu können, sehr überschaubar“, fasst Dieterich zusammen. Vieles, was in der normalen Schiedsrichterausbildung vermittelt wird – vom passiven Spiel bis zur Disqualifikation mit und ohne Bericht - ist für den Kinderhandball nicht relevant; andersherum kommen die Sonderregeln bei den jüngsten Altersklassen in der normalen Ausbildung oft zu kurz.

Vor rund fünf Jahren wurden die ersten Ausbildungen zum Kinderhandballspielleiter in zwei Bezirken in Baden-Württemberg durchgeführt - und haben sich seitdem bewährt. „Die Rückmeldungen“, berichtet Dieterich heute. „Die Kinder akzeptieren es gut, wenn da 15- oder 16-Jährige als Schiedsrichter die Entscheidungen treffen, das Zusammenspiel auf dem Feld ist gut.“

Der Kinderhandballspielleiter ist die erste Stufe der Schiedsrichterei – im Idealfall folgt danach die Ausbildung zum Jugendhandballspielleiter (zweite Stufe, zusätzlich D- und C-Jugend) und/oder die Teilnahme an einer „normalen“ Schiedsrichterausbildung (als Crashkurs möglich).

„Es ist ein riesiger Vorteil, dass wir durch den Kinderhandballspielleiter neue Schiedsrichter bekommen, welche schon Praxis gesammelt haben und daher wissen, dass sie Schiedsrichter werden wollen“, betont Dieterich. „So können wir aus diesem Pool gezielt Schiedsrichter rekrutieren, die dann hoffentlich lange dabei bleiben.“

Die Ausbildung zum Kinderhandballspielleiter richtet sich explizit nicht nur an Jugendliche - auch Eltern oder andere Erwachsene können bzw. sollen so an die Schiedsrichterei herangeführt werden. Ein weiterer Vorteil: Der Einsatz von Kinderhandballspielleitern für die Vereine oft kostengünstiger, weil u.a. durch den Einsatz in der eigenen Halle die Anfahrtskosten offizieller Schiedsrichter wegfallen. Die Entlohnung obliegt ebenfalls dem Heimverein – der Verband empfiehlt als Richtlinie 15 Euro.

Eine Anrechnung auf das Schiedsrichter-Soll erfolgt für Kinderhandballspielleiter nicht; auch eine Pflicht zur Fortbildung bzw. eine vorgeschriebene Spielanzahl pro Saison gibt es nicht. „Wir wollen es bewusst möglichst niedrigschwellig gestalten und keinen Druck aufbauen“, erklärt Dieterich. „Wer sich dafür interessiert, kann auf freiwilliger Basis an Fortbildungen teilnehmen. Wenn zu viel verpflichtend wäre, würde es nicht funktionieren.“

Für die Ausbildung gibt es daher auch Multiplikatoren, sodass die sonst in der Regel für Lehrgänge zuständigen Schiedsrichter-Lehrwarte ggf. entlastet werden können. „Wir sind immer noch am justieren“, sagt Dieterich über den weiterhin laufenden Entwicklungsprozess. Eine Lehre aus der Anfangszeit haben sie bereits umgesetzt: Anfangs schickten Vereine ganze Jugendteams in die Ausbildung zum Kinderhandballspielleiter, damit sie das Hintergrundwissen mitnehmen.

„Wir hatten auf dem Papier viele Jugendhandballspielleiter, aber vielen ging es nur um die Regelkenntnisse“, erinnert sich Dieterich. „Da haben wir das umgestellt, denn wir brauchen die, die wirklich pfeifen wollen.“ Dennoch war man von der Idee überzeugt: Nach einem zweijährigen Testlauf in den ersten zwei Bezirken wurde 2021 festgelegt, dass der Kinderhandballspielleiter verpflichtend wird. 

„Es geht um eine stufenweise Heranführung an die Schiedsrichterei – und wir kriegen einige neue Schiedsrichter über diesen Weg“, ist Dieterich überzeugt. „Wenn auf diesem Weg Praxis gesammelt wird, ist der Schritt einfach nicht mehr so groß.“

Im Video: „Handball-Regeln Kinderhandball“ (HV Württemberg)
https://www.youtube.com/watch?v=OQci77oxF1g

 

 

Quelle: www.hvw-online.org