Bild: Julia Nikoleit

Ein Blick hinter die Kulissen der Saisonvorbereitung

Anfang August versammelten sich der Bundesliga- und Nachwuchskader des Deutschen Handballbunds für drei Tage in Halberstadt. Saisonvorbereitung und Leistungstests: Die Unparteiischen hatten ein volles Programm. Ein Blick hinter die Kulissen.

Es ist genau 16:10 Uhr am zweiten Lehrgangstag, als Jutta Ehrmann den Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern des Bundesliga- und Nachwuchskaders die erlösende Nachricht mitteilt. Eben haben die 38 Unparteiischen in zwei Gruppen den Shuttle Run absolviert, sie mussten bis Stufe 9,5 laufen. Das Bestehen des „Pieptests" ist Voraussetzung, um in der Saison 2025/26 angesetzt zu werden – ebenso wie der erfolgreiche 30-Minuten-Lauf und das Absolvieren von Regel- und Videotest.

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Nun stehen die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter in der Sporthalle Halberstadt um die Leiterin des Schiedsrichterwesens im Deutschen Handballbund, und lauschen den guten Neuigkeiten: Alle Unparteiischen haben die vier Tests bestanden, die individuelle Vorbereitung in der Sommerpause war erfolgreich. „Die Disziplin passt", lobt Ehrmann, mahnt jedoch gleich: „Schaut, dass ihr eure Fitness auf diesem Level haltet." Im Januar, beim Halbzeitlehrgang, steht die nächste Überprüfung an.

Bis dahin sind es jedoch noch fünf Monate, in denen die Hinrunde im Bundesliga-Spielbetrieb sowie die ersten Schritte im DHB-Pokal ausgetragen werden. Wenn es nach den 19 Schiedsrichter-Teams geht, die sich Anfang August in Halberstadt versammelt haben, dürfen es gerne ruhigere Monate als in der Endphase der letzten Saison werden.

„Wir hatten national viele exzellente Spielleitungen und wir haben viele Schiedsrichterteams, die alles der Schiedsrichterei unterordnen", erklärt Ehrmann in ihrer Eröffnungsrede am ersten Lehrgangstag. Im Fokus standen die Unparteiischen allerdings zuletzt aus anderen Gründen. Der Schatten der abgelaufenen Saison, die in einem Nachholspiel in der 2. Männer-Bundesliga gipfelte, war deutlich spürbar in Halberstadt.

„Wir sind am Freitag mit gemischten Gefühlen angereist, weil uns allen bewusst war, dass wir die Saison nicht so hinbekommen haben wie in den Vorjahren", wird der frisch gewählte Kadersprecher Sebastian Klinke in seiner Abschlussansprache sagen. „Wir wussten, dass wir abliefern müssen."

Schiedsrichterchefin Ehrmann verzichtet jedoch auf ein großes Donnerwetter; ihr Blick ging nach mahnenden Worten schnell nach vorne. „Wir wollen aus der Situation, die sicherlich nicht gut war, stärker herauskommen und müssen nachschärfen, damit sich so etwas nicht wiederholt", betont Ehrmann, bevor der Lehrstab mit Videoszenen in die inhaltliche Aufarbeitung der vergangenen Saison ging.

Strafmaß und Angreifervergehen, Außenaktionen und Provokation, Zusammenarbeit und Einflussnahme: Detailliert bereiten Kay Holm, Jürgen Rieber und Peter Behrens mit den Unparteiischen verschiedene Schwerpunkte auf und setzen Eckpfeiler für die gewünschte Linie. „Ein Betreten des Torraums ist kein Kavaliersdelikt", sagt Rieber. „Gar nichts geht hier gar nicht", stellt Behrens nach einer Szene mit einem Griff in den Wurfarm klar. „Ein Kontakt bedeutet nicht gleich eine Regelwidrigkeit", erinnert Holm.

Ungefähr 1500 Videoszenen erreichen den Lehrstab während einer Saison; Holm, Rieber und Behrens stellen eine Auswahl von bis zu 100 Clips für den Vorbereitungslehrgang zusammen, um die gemeinsame Linie zu schärfen. „Nur mit Erfahrung", betont Rieber, der früher selbst als Schiedsrichter international unterwegs war, „lässt sich kein Spiel mehr durchbringen. Ich ziehe den Hut vor euch, denn das Spiel hat sich sehr gewandelt."

Neben Szenen aus der Champions League und der 1. Bundesliga werden auch viele Situationen der im Tagungsraum anwesenden Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter gezeigt. Manchmal gibt es Lob, denn es werden auch gute Situationen gezeigt, aber immer wieder auch vor der gesamten Gruppe Korrekturen. Für die Unparteiischen ist diese Art der Auseinandersetzung mit eigenen Fehlentscheidungen vor der großen Gruppe Alltag.

Es geht jedoch nicht in erster Linie darum, die Fehler aufzuzeigen, sondern um Lösungen, wie der Kader in der Breite in künftigen Momenten besser mit der Situation umgehen kann. Clevere Entscheidungen zu treffen und das Spiel zu managen: Das ist das Ziel. „Wenn ihr da nicht aufpasst, werdet ihr zerrissen", warnt Rieber bei einem falsch ausgeführten Anwurf. „Das Hauptziel ist es, ein Spiel sauber herunterzupfeifen."

Nach drei Stunden im Tagungsraum wird es ernst: In zwei Gruppen absolvieren die Unparteiischen den Regel- und Videotest sowie den 30-Minuten-Lauf im Friedensstadion, das fußläufig zum Seminarhotel K6 liegt. 5800 Meter müssen die männlichen Schiedsrichter bis 35 Jahre in einer halben Stunde absolvieren, mit steigendem Alter gibt es leichte Abstufungen. Als sich beide Gruppen auf dem Weg vom bzw. zur Laufbahn begegnen, wird abgeklatscht.

Konkurrenzkampf und zugleich die 3. Mannschaft: Es ist eine ganz besondere Kombination im Bundesliga- und Nachwuchskader. Viele Schiedsrichterteams sind noch jung und wollen unbedingt nach oben; die erfahrenen Gespanne um das Aushängeschild Timo Hofmann und Thomas Hörath bringen mehr als doppelt so viel Erfahrung mit, wissen jedoch zugleich, dass sie wohl nicht mehr aufsteigen werden.

Was der Anspruch ist, macht Thorsten Zacharias am nächsten Morgen – dem zweiten Lehrgangstag – deutlich. „Gut ist nicht gut genug", sagt der Verantwortliche für das Coaching. „Wenn euch ein Coach sagt, dass ihr es gut gemacht habt, war es okay. Wir suchen die Toptalente." Ein bis zwei Teams werden am Saisonende den Schritt in den Elitekader machen; wer das sein wird, ist komplett offen. Im Ranking des Kaders geht es um die Nachkommastellen, ein komplett verhauenes Spiel vor den Augen eines Coaches kann jeden Traum erst einmal beenden.

Die Regelanpassungen ab 1. Juli, ein Vortrag von IHF-Trainerexperte Dietrich Späte und eine intensive Auseinandersetzung mit der technischen Besprechung und der Zusammenarbeit mit Zeitnehmern und Sekretären: Es geht Schlag auf Schlag, es ist viel Input – gerade für die beiden neuen Teams Felix Henker/Stefan Schirmacher und Philipp Etzold/Lennard Zerlin, die auch noch eine detaillierte Einweisung in die Buzzertechnik erhalten.

Henker/Schirmacher gehören mit 39 Jahren zum älteren Drittel des Kaders, als Aufsteiger aus der 3. Liga sind sie in dieser Runde dennoch die Rookies. „Die Schiedsrichterteams aus der Bundesliga unterhalten sich mit einer anderen Terminologie, weil Spielverständnis und Regelkenntnis auf einem anderen Level sind. Das ist ein ganz gewaltiger Unterschied", werden sie später ihre Eindrücke schildern. „Und es wird, wie wir das im Rückblick auf die Saison erlebt haben, weniger über einzelne Fehler gesprochen, wenn er nicht spielentscheidend war. Das ist in der 3. Liga und auch darunter mitunter anders."

Doch was genau ist eigentlich spielentscheidend? In diese Diskussion vertiefen sich Unparteiische und Verantwortliche, als es um die Punktebewertungen im Coaching geht. „Falsche oder korrekte Entscheidungen in der Crunchtime sind besonders zu bewerten", steht auf einer Folie, die der Coaching-Verantwortliche Zacharias an die Wand wirft.

Sind es immer, parallel zum Regelwerk, die letzten 30 Sekunden eines Spiels? Die letzte Minute? Ist es eher abhängig vom Spielstand als von der Spielzeit? Die Meinungen gehen auseinander. „Wenn du den Abwehrchef in der 3. Minute mit einer falschen roten Karte vom Feld stellst, kann das auch spielentscheidend sein", wirft Zacharias selbst ein.

Am Ende sind die letzten zehn Sekunden die Marke, die intern gesetzt werden. „Eine Szene kann das ganze Spiel entscheiden", betont Zacharias. „Es interessiert keinen mehr, was ihr vorher gemacht habt, wenn ihr diese eine Szene versaut." In der Runde wird genickt. Anders, als man es mitunter aus Meetings kennt, gibt es hier keine Ablenkung durch Smartphones oder Tablets, die oft nicht einmal auf den Tischen liegen.

Nur Moritz Hartmann hat als Protokollführer einen aufgeklappten Laptop vor sich stehen; die Zusammenfassung der dreitägigen Maßnahme mit allen Beschlüssen und Anweisungen erhalten die Unparteiischen im Anschluss. Nur während des eigenen Vortrags – gemeinsam mit Partner Nils Hennekes spricht Hartmann über die Abgrenzung im Strafmaß – ist das Tippen nicht zu hören.

Am Samstagabend weicht die konzentrierte Atmosphäre einer gelösten Stimmung; mit den bestandenen Leistungsüberprüfungen beginnt ein entspannter Abend. Ausschweifend wird es jedoch nicht, schließlich geht es am Sonntag weiter. „7:00-8:45 Uhr: Frühstück und Zimmerräumung", heißt es auf dem Lehrgangsplan, bevor die letzten Blöcke auf dem Programm stehen.

Im Rahmen des Lehrgangsabschlusses geht Schiedsrichterchefin Ehrmann auch auf die Anliegen aus dem Kader ein, welche die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter in ihrer internen Aussprache am Freitag gesammelt haben – und verabschiedet ihre Unparteiischen anschließend. „Fehlerfrei werden wir nicht durchkommen, aber ich hoffe, dass wir schadfrei bleiben", wünscht sich Ehrmann eine möglichst ruhige Spielzeit – und entlässt ihre Unparteiischen am Sonntagmittag mit den Worten: „Wir wünschen euch eine gute Saison."

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