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Ein Angriff, zwei unterschiedliche Bewertungen: Passives Spiel und verletzte Spieler

Wann endet ein Angriff und wann ist das Vorwarnzeichen für passives Spiel nicht mehr gültig?

Ein Angriff beginnt mit dem Ballbesitz und endet mit einem Torerfolg oder Ballverlust. Diese Definition findet sich im Handballregelwerk gleich an zwei Stellen: in Erläuterung 4 zum passiven Spiel und in Erläuterung 8 zum verletzten Spieler.

Auf den ersten Blick scheint die Sache eindeutig. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass beide Erläuterungen unterschiedliche Fragestellungen behandeln. Insbesondere beim passiven Spiel kann die Wirkung des Vorwarnzeichens enden, obwohl der Angriff selbst noch nicht abgeschlossen ist.

Was bedeutet das für die praktische Anwendung durch die Schiedsrichter sowie für das Zählen der Angriffe durch Zeitnehmer, Sekretär oder Delegierten?

Zwei Erläuterungen, zwei unterschiedliche Zielsetzungen

Erläuterung 4 beschäftigt sich mit dem passiven Spiel und der Anwendung des Vorwarnzeichens. Erläuterung 8 regelt den Umgang mit verletzten Spielern, die nach einer Behandlung auf der Spielfläche grundsätzlich drei Angriffe ihrer Mannschaft aussetzen müssen.

Nach Regel 4:11 können die Schiedsrichter bei einer Verletzung zwei teilnahmeberechtigten Personen der betreffenden Mannschaft bei Time-out die Erlaubnis erteilen, die Spielfläche zur Versorgung des verletzten Spielers zu betreten. Nach der Behandlung muss der Spieler die Spielfläche umgehend verlassen.

Soweit die Regelung zur Anwendung kommt, darf der behandelte Spieler erst nach Abschluss des dritten Angriffs seiner Mannschaft wieder eingesetzt werden. Die Einzelheiten und Ausnahmen sind in Erläuterung 8 beschrieben.

Für die Zählung sind Zeitnehmer und Sekretär beziehungsweise der Delegierte verantwortlich. Sie müssen erkennen, wann ein Angriff beginnt und wann er beendet ist, und die Mannschaft entsprechend informieren, sobald der Spieler wieder eingesetzt werden darf.

Beim passiven Spiel verfolgen die Schiedsrichter dagegen ein anderes Ziel. Das Vorwarnzeichen soll anzeigen, dass die ballbesitzende Mannschaft keinen erkennbaren Versuch unternimmt, eine Torgelegenheit herauszuspielen, oder die Spielfortsetzung wiederholt verzögert.

Grundsätzlich bleibt das Vorwarnzeichen bis zum Ende des Angriffs bestehen. Erläuterung 4 enthält jedoch Ausnahmen, bei denen seine Wirkung bereits während eines noch laufenden Angriffs aufgehoben wird.

Genau hier liegt der entscheidende Unterschied.

Was bedeutet Ballbesitz?

Um die verschiedenen Spielsituationen richtig beurteilen zu können, müssen wir zunächst klären, wann eine Mannschaft im Ballbesitz ist.

Grundsätzlich hat eine Mannschaft Ballbesitz, wenn einer ihrer Spieler den Ball kontrolliert. Das ist beispielsweise beim Halten, Fangen oder kontrollierten Prellen des Balles der Fall.

Der Ballbesitz bleibt auch dann bei einer Mannschaft, wenn ihr ein formaler Wurf (Anwurf, Abwurf, Einwurf, Freiwurf oder 7-Meter-Wurf) zugesprochen wurde oder zuzusprechen ist (z. B. der Ball hat soeben die Seitenlinie vollständig überquert).

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen einer bloßen Ballberührung und der tatsächlichen Ballkontrolle. Berührt oder blockt ein Abwehrspieler den Ball, führt das nicht automatisch zu einem Wechsel des Ballbesitzes. Gelangt der Ball anschließend wieder zu einem Angreifer, setzt dieser den bestehenden Angriff fort.

Erst wenn die abwehrende Mannschaft selbst Ballkontrolle erlangt oder der Angriff auf andere Weise endet, liegt ein entsprechender Ballverlust vor.

Wann endet die Wirkung des Vorwarnzeichens?

Erläuterung 4 zum passiven Spiel beschreibt zwei besondere Situationen, in denen die Beurteilung des passiven Spiels nicht länger gültig ist und die Wirkung des Vorwarnzeichens aufgehoben wird:

  1. Torwurf mit unmittelbarer Rückkehr des Balles zur angreifenden Mannschaft
    Die ballbesitzende Mannschaft führt einen Torwurf aus. Der Ball prallt vom Tor oder Torwart direkt zur angreifenden Mannschaft zurück oder es wird ihr aufgrund der Situation ein Einwurf beziehungsweise Abwurf zugesprochen.

  2. Persönliche Bestrafung der abwehrenden Mannschaft
    Ein Spieler oder Offizieller der abwehrenden Mannschaft erhält wegen regelwidrigen oder unsportlichen Verhaltens eine persönliche Bestrafung gemäß Regel 16.

Für die hier betrachtete Fragestellung ist vor allem die erste Ausnahme relevant.

Prallt der Ball nach einem Torwurf unmittelbar vom Tor oder Torwart zurück zur angreifenden Mannschaft, wird das Vorwarnzeichen aufgehoben. Der Angriff ist dadurch aber nicht automatisch beendet. Behält die angreifende Mannschaft den Ballbesitz, setzt sie denselben Angriff fort.

Das ist der wesentliche Unterschied: Das Ende der Wirkung des Vorwarnzeichens ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende des Angriffs.

Welche Bedeutung hat das für den verletzten Spieler?

Für die Anwendung der Drei-Angriffe-Regel ist allein entscheidend, wann ein Angriff tatsächlich abgeschlossen ist.

Wird ein Angriff mit einem Torerfolg beendet oder verliert die angreifende Mannschaft den Ballbesitz, ist ein Angriff zu zählen. Bleibt die Mannschaft dagegen in Ballbesitz, läuft derselbe Angriff weiter.

Das gilt auch dann, wenn das Vorwarnzeichen für passives Spiel zwischenzeitlich aufgehoben wurde.

Für die Schiedsrichter bedeutet dies, dass sie zwei Sachverhalte getrennt beurteilen müssen:

  • Ist der Angriff beendet?
  • Ist das Vorwarnzeichen für passives Spiel noch gültig?

Für Zeitnehmer, Sekretär und Delegierten gilt entsprechend: Das Aufheben des Vorwarnzeichens allein ist kein Grund, einen Angriff für die Drei-Angriffe-Regel zu zählen.

Spielsituationen im Vergleich

Die folgende Übersicht verdeutlicht die unterschiedlichen Auswirkungen typischer Spielsituationen.

Hinweis: Die Beurteilung des Vorwarnzeichens richtet sich nach Erläuterung 4. Für die Zählung der Angriffe nach Erläuterung 8 ist entscheidend, ob der Angriff tatsächlich beendet wurde.

Worauf müssen die Schiedsrichter und Zeitnehmer/Sekretär bzw. Delegierte achten?

Die entscheidende Erkenntnis lässt sich einfach zusammenfassen:

Ein Angriff kann weiterlaufen, obwohl das Vorwarnzeichen für passives Spiel nicht mehr gültig ist.

Prallt der Ball nach einem Torwurf vom Tor oder Torwart unmittelbar zur angreifenden Mannschaft zurück, wird das Vorwarnzeichen aufgehoben. Erlangt die angreifende Mannschaft erneut Ballkontrolle, wird jedoch kein neuer Angriff begonnen. Der bestehende Angriff läuft weiter.

Erst wenn dieser Angriff mit einem Torerfolg oder Ballverlust endet, ist er für die Drei-Angriffe-Regel als abgeschlossener Angriff zu zählen.

Damit wird deutlich, weshalb die beiden Erläuterungen zwar dieselbe Definition des Angriffs verwenden, in der praktischen Anwendung aber unterschiedliche Aufgaben erfüllen.

Merksatz: Das Vorwarnzeichen kann enden, ohne dass der Angriff endet. Für die Zählung der drei Angriffe zählt das tatsächliche Ende des Angriffs, nicht das Ende der Wirkung des Vorwarnzeichens.