Rote Karte durch Schiedsrichter Christopher Hillebrand (Bild: IMAGO/Nordphoto)

#Kabinenschnack

Folge 5 mit Christopher Hillebrand: Man sieht sich immer zweimal

Von den Erfahrungen der erfahrenen Schiedsrichter*innen profitieren: In der neuen Serie #Kabinenschnack steht genau dieser Wissenstransfer im Mittelpunkt. Unparteiische aus dem Deutschen Handballbund berichten von einer für sie lehrreichen Anekdote und geben Praxistipps für die Kollegen an der Basis. Folge 5 mit Christopher Hillebrand (31) aus dem Bundesligakader des Deutschen Handballbundes.

Wir waren gerade frisch in die 3. Liga aufgestiegen, als wir ein Erlebnis hatten, das uns damals zweifeln ließ. Es war einer unserer ersten Einsätze in der 3. Liga, und es war, da bin ich ehrlich, nicht das beste Spiel. Die Trainerin des einen Teams hat sich sehr über uns aufgeregt, und im Kabinengang fiel dann unter anderem der Satz: „Ihr pfeift nie wieder 3. Liga, dafür werde ich sorgen."

Das war damals natürlich extrem schwierig für uns. Wir waren junge Burschen, gerade einmal 20 oder 21 Jahre alt. In der ersten Reaktion waren wir beide einfach sprachlos. Wir haben uns gefragt: Was passiert jetzt? Wird das Ärger geben? Wie gehen wir damit um?

Wir haben den Vorfall dann an unseren damaligen Ansetzer gemeldet und ihn sogar gebeten, uns zunächst nicht mehr für Spiele dieser Mannschaft einzuteilen. Er hat zugehört, uns aufgebaut - und uns zwei Wochen später wieder zu einem Spiel ihres Teams geschickt.

Wir sind mit einem unguten Gefühl zu dieser Ansetzung gefahren, denn natürlich wussten beide Seiten noch genau, was zwei Wochen vorher vorgefallen war. Die Halle des Vereins war zudem sehr kompakt, die Stühle standen buchstäblich am Spielfeldrand. Das war in dieser Situation natürlich alles zunächst komisch, aber das zweite Spiel selbst lief rund.

Dass wir so zeigen konnten, dass die erste Leistung nur ein Ausrutscher war, hat die Situation beruhigt. Inzwischen ist die Trainerin ebenso wie wir auf Bundesligaebene unterwegs, und wir haben uns erst kürzlich wieder in der Halle bei einem Spiel getroffen. Wir kommen sehr gut miteinander aus.

Rückblickend können wir sagen, dass so ein Reifeprozess für jeden Schiedsrichter dazugehört - egal, in welcher Liga er pfeift. Dieser Satz von der Trainerin hat uns damals extrem getroffen, heute stehen wir darüber und können sogar gemeinsam darüber lachen.

Am Anfang fragt man sich als junger Schiedsrichter oft, was man falsch macht, und man zweifelt an sich. Wir können nur sagen: Nein, man ist nicht fehl am Platz. Das Standing bei Spielern und Trainern muss man sich erst erarbeiten, Schritt für Schritt. Man kann nicht erwarten, dass man sofort den gleichen Respekt bekommt wie ein erfahrener Schiedsrichter, den man in der Liga schon kennt.

Das Vertrauen der Spieler und Trainer muss man sich über die Zeit und jeden einzelnen Einsatz erst erarbeiten. Das erfordert viel Fleiß und auch viel Engagement; ähnlich wie bei Spielern. Aber wir können versprechen: Es kommen auch gute Zeiten; Momente, in denen man weiß, warum man das macht.

Wir hatten ebenfalls Höhen und Tiefen, aber die Höhen überwiegen. Wenn ich nach dem Satz dieser Trainerin hingeschmissen hätte oder damals mit 14 Jahren, als ein Jugendtrainer ein Klemmbrett nach mir geworfen hat, hätte ich viele tolle Erlebnisse nie gehabt. Ich hätte nie so viel Zeit mit meinem Gespannpartner Stefan verbringen dürfen. Wir hätten nie gemeinsam vor 4.500 Zuschauern in der 2. Bundesliga gepfiffen. Ich hätte nie so viele Verbindungen und Freundschaften im Handball geknüpft, wie es über die vergangenen 16 Jahre gelungen ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir können nur raten, sich nicht alles zu sehr zu Herzen zu nehmen und sich selbst treu zu bleiben. Zweifelt nicht wegen eines unbedachten Satzes an allem. Habt den Mut, so etwas gegenüber eurem Ansetzer oder Schiedsrichterwart anzusprechen, dafür müsst ihr euch nicht schämen.

Von dem besagten Drittligaspiel damals weiß ich übrigens gar nichts mehr, nicht einmal das genaue Jahr oder das Ergebnis. Es ist nur dieser eine Satz der Trainerin hängengeblieben - und heute können wir selbst davon mit einem Schmunzeln erzählen.