Quelle: DHB

Dumm gelaufen – oder?

Ein Spieler interpretiert einen Schiedsrichterpfiff nicht richtig und verhält sich in der Folge falsch. Hier stellt sich die Frage, ob ein Schiedsrichter dafür Sorge tragen muss, dass tatsächlich alle Spieler seine Entscheidung erkennen, damit das Spiel entsprechend fortgesetzt werden kann? Kann ein Schiedsrichter einen auf seine Entscheidung folgenden Fehler vermeiden? Damit beschäftigt sich dieser Pfiff der Woche.

Die Spielsituation

Der Feldschiedsrichter entscheidet im  gewählten Videoausschnitt richtigerweise wegen eines Schrittfehlers von GELB 99 auf Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft. Spieler GELB 22 legt den Ball sofort nieder, sodass er spielbar ist.

GRÜN-ROT 17 führt den Freiwurf regelgerecht innerhalb der zulässigen Toleranz gemäß Regel 13:6 Kommentar aus. Er spielt den Ball jedoch zu seinem Torwart, der sich in seinem Torraum befindet. Nach einer erforderlichen Rücksprache (im Video nicht zu sehen) entscheiden die Schiedsrichter auf Freiwurf für Mannschaft GELB. Wie kommt es zu dieser Entscheidung?

Fazit

Nur der Feldschiedsrichter hat in der beschriebenen Situation gepfiffen und eine richtige Entscheidung wegen eines Schrittfehlers von GELB 99 getroffen. Davor oder parallel kann offensichtlich keine weitere Regelwidrigkeit der angreifenden Mannschaft GELB festgestellt werden. Der einlaufende Linksaußen läuft weder durch den Torraum noch berührt er dabei die Torraumlinie. Für den Torschiedsrichter besteht daher keine Notwendigkeit einzugreifen.

Für ihn ist die Situation eindeutig, da nur der Feldschiedsrichter im Rückraum auf Freiwurf entschieden hat. Im Beobachtungsbereich des Torschiedsrichters gab es keine andere Regelwidrigkeit seitens der angreifenden oder der abwehrenden Mannschaft.

Anzunehmen ist, dass GRÜN-ROT 17, der offensiv verteidigt und einen Meter vor der Torraumlinie steht, davon ausgeht, dass der einlaufende Linksaußen durch den Torraum gelaufen ist.

Für den werdenden Feldschiedsrichter ist also klar, dass hier ein Freiwurf und kein Abwurf auszuführen ist. Hingegen ist GRÜN-ROT 17 von einem Abwurf ausgegangen und nicht von einem Freiwurf (erkennbar an der Handbewegung nach der Entscheidung). Die Entscheidung der Schiedsrichter auf Freiwurf GELB gemäß Regel 6:7b ist also regeltechnisch in keiner Weise zu beanstanden, da der Freiwurf korrekt ausgeführt wurde.

In diesem speziellen Fall war beiden Schiedsrichtern bewusst, dass nur der Feldschiedsrichter gepfiffen hat. Der Torschiedsrichter hat weder gepfiffen noch das Handzeichen 8 Abwurf angezeigt. Beide konnten gar nicht davon ausgehen, dass die Entscheidung missverständlich war.

Natürlich sollen Schiedsrichter mit klaren Handzeichen dafür sorgen, dass die Spieler ihre Entscheidungen unmittelbar erkennen und das Spiel entsprechend korrekt fortsetzen. Auch sollte man irritierte Spieler nicht ins offene Messer laufen lassen. In der gezeigten Situation ist aber für den Schiedsrichter nicht erkennbar, dass die Entscheidung falsch verstanden wurde. Dass der ausführende Spieler eine andere Wahrnehmung hat, kann somit nicht als Irritation oder Missverständnis gedeutet werden. Also ist es in diesem Fall für den Spieler dumm gelaufen.

Perfekt wäre es hier allerdings gewesen, wenn der nach vorn laufende Torschiedsrichter/werdende Feldschiedsrichter noch das Zeichen 9 (Freiwurfrichtung) als Serviceleistung wiederholt hätte. Da aber davon auszugehen ist, dass der Feldschiedsrichter das Zeichen 9 bei der Entscheidung angezeigt hat (ist leider nicht zu sehen, da der Feldschiedsrichter aus dem Bild läuft; gemäß dem Regelwerk „Handzeichen“ muss der Schiedsrichter bei einer Freiwurf-Entscheidung sofort die Richtung des folgenden Wurfs anzeigen), wäre in diesem Fall die Wiederholung des Handzeichens grundsätzlich nur erforderlich, wenn er es für notwendig erachtet hätte. Dies war aber hier nicht der Fall.

Dass es auch anders gelagerte Situationen geben kann, zeigt der Beitrag vom 25. Mai 2020 unter der Rubrik „Wie würden Sie entscheiden?“. Nicht jede Situation ist mit anderen zu vergleichen bzw. eine Lösung, die in einem Fall richtig ist, muss nicht zwangsläufig in einem anderen Spiel genauso angemessen sein.

In jedem Fall muss man als Schiedsrichter stets versuchen, Irritationen bei einer Entscheidung zu vermeiden. Klare, eindeutige Entscheidungen und Handzeichen erleichtern diese Aufgabe und verhindern (hoffentlich) unnötige Diskussionen und Erklärungen.