Quelle: DHB

Regel 8:10d anwenden – ja oder nein?

Vorteil ist nicht gleich Vorteil – hört sich verwirrend an? Wie es sich mit der Vorteilsgewährung verhält, wenn die Regel 8:10d ins Spiel kommt, erfahren Sie im folgenden Videoclip und den entsprechenden Erläuterungen.

Der offizielle Regeltext zur Regel 8:10d

Wenn der Ball in den letzten 30 Sekunden im Spiel ist und der gegnerischen Mannschaft

  • durch ein Vergehen eines Spielers gemäß den Regeln 8:5 bzw. 8:6 sowie 8:10a bzw. 8:10b (II)
  • durch ein Vergehen eines Offiziellen gemäß den Regeln 8:10a bzw. 8:10b (I)

die Chance genommen wird, in eine Torwurfsituation zu kommen oder eine klare Torgelegenheit zu erreichen, wird der fehlbare Spieler bzw. der fehlbare Offizielle gemäß den entsprechenden Regeln disqualifiziert und der gegnerischen Mannschaft wird ein 7-Meter-Wurf zugesprochen.

Erzielt der gefoulte Spieler oder ein Mitspieler noch vor der Spielunterbrechung ein Tor, entfällt der 7-Meter-Wurf.

Im Einzelnen

Die Anwendung von Regel 8:10d ist auf die letzten 30 Sekunden der 2. Halbzeit der regelmäßigen Spielzeit sowie auf die letzten 30 Sekunden der 2. Halbzeit einer Verlängerung beschränkt.

Für die Anwendung der Regel kommt es nicht auf den Zeitpunkt der Verhängung der Bestrafung gegen den fehlbaren Spieler an, sondern der Zeitpunkt des Vergehens ist entscheidend. In die regeltechnische Beurteilung ist auch der Kommentar zu Regel 8:6 einzubeziehen, der generell auf die Zielsetzung, ein Tor zu verhindern, abhebt. 

Die Anwendung der Regel 8:10d ist nur möglich, wenn ein Vergehen vorliegt, das auch während der übrigen Spielzeit gemäß den Regeln 8:5 bzw. 8:6 sowie 8:10a bzw. 8:10b zu ahnden gewesen wäre. (Vergehen im Sinne der Regel 8:9 dürfen auch in den letzten 30 Sekunden nicht nach Regel 8:10d geahndet werden).

Vergehen nach Regel 8:10d können von Spielern und Offiziellen der gegnerischen Mannschaft begangen werden.

Gemäß den Guidelines und Interpretationen zur Vorteilsgewährung in den letzten 30 Sekunden (8:10d, letzter Absatz) unterbrechen die Schiedsrichter das Spiel spätestens dann und entscheiden auf 7-Meter-Wurf, wenn der noch angespielte Mitspieler kein Tor erzielt hat bzw. das Spiel mit einem weiteren Pass fortsetzt.

Das bedeutet:

  • Gelingt es dem gefoulten Spieler, trotzdem ein Tor zu erzielen, wird der fehlbare Spieler disqualifiziert und der 7-Meter-Wurf entfällt.
  • Gelingt es dem gefoulten Spieler, den Ball trotz der Behinderung einem Mitspieler zuzuspielen, ist es richtig, zuerst den Vorteil abzuwarten. Erzielt dieser Mitspieler ein Tor, zählt der Treffer und der 7-Meter-Wurf entfällt. Der fehlbare Spieler wird disqualifiziert.
  • Kann die angreifende Mannschaft in dieser Situation kein Tor erzielen, wird der fehlbare Spieler disqualifiziert und die angreifende Mannschaft erhält einen 7-Meter-Wurf zugesprochen.

Was macht die Anwendung aber so schwierig?

Gemäß den Guidelines zur Regel 8:10d letzter Absatz gilt in diesem Fall eine spezielle Regelung hinsichtlich der Vorteilsgewährung.

Was bedeutet das?

Es besagt aus, dass diese Regelung nicht mit den allgemeinen Bestimmungen zur Vorteilsgewährung (siehe Regeln 13:2 und 14:2) vermischt werden darf. Hier sind die speziellen Vorschriften vorrangig (ausschließlich) umzusetzen.

Das bedeutet, die spezielle Vorschrift (lex specialis) geht vor der allgemeinen Vorteilsgewährung (lex generalis)! Dieser Grundsatz besagt, dass eine Spezialregelung (hier die Regelbestimmung aus den Guidelines), also eine Vorschrift, die einen Ausnahmefall regelt, einer allgemeinen Regelung (hier die Bestimmungen der Regeln 13:2 und 14:2) in der Anwendung vorgeht.

Deshalb wichtig: Bei einer Entscheidung gemäß Regel 8:10d sind die allgemeinen Vorschriften zum Vorteil nicht anwendbar!

Was bedeutet dies nun in diesem speziellen Beispiel?

Wenn man davon ausgeht, dass die Abwehraktion des Abwehrspielers BLAU 11 auf Linksaußen als ein Vergehen gemäß Regel 8:5 einzuordnen ist und dies in den letzten 30 Sekunden des Spiels erfolgte, ist eine Ahndung gemäß Regel 8:10d regelkonform!

Hinsichtlich der Frage, wie sich der vom Torschiedsrichter entschiedene 7-Meter-Wurf regeltechnisch begründet, ist auf folgende Tatsachen abzustellen:

  1. Der gefoulte Spieler WEISS 21 kann selbst kein Tor mehr erzielen (Torwart wehrt den Wurf ab).
  2. Der am Torraum postierte Mitspieler WEISS 18 wurde vom gefoulten Spieler WEISS 21 nicht angespielt. Dass WEISS 18 den vom Torwart abprallenden Ball aufnehmen kann, ist – wie vorher beschrieben – keine Situation, die durch die Sondervorschrift der Guideline abgedeckt ist.

Der Torschiedsrichter hat hier auch auf die regelgerechten Bestimmungen Bezug genommen, als er bei seiner 7-Meter-Entscheidung mit dem rechten Arm auf das Vergehen auf der Außenposition hinweist.

Zu beanstanden ist allerdings, dass das Spiel bereits mit der Abwehraktion des Torwarts zu unterbrechen gewesen wäre! Dies ist insbesondere für den Fall von Bedeutung, wenn der angreifende Mitspieler WEISS 18 ein Tor erzielt hätte. Dieser Treffer hätte gemäß der Regelbestimmungen nicht zählen dürfen. Es wäre in diesem Fall auf 7-Meter-Wurf für Team WEISS zu entscheiden gewesen.

Wesentliches Kriterium für die in der Guideline genannte Regelvorschrift ist auch, dass der Mitspieler den Ball vom gefoulten Spieler zugepasst bekommen muss. Eine zufällige Eroberung des Balls (z. B. des durch den Torwart abgewehrten Balls; den vom Torpfosten bzw. der Torlatte zurückprallenden Balls; durch Erlaufen des freien Balls etc.) ist durch die genannte Spezialvorschrift nicht abgedeckt.

Zusammengefasst bedeutet das, dass in den letzten 30 Sekunden bei einem Vergehen nach 8:5, 8:6 sowie 8:10a bzw. 8:10b (II) – wenn der Ball im Spiel ist – die allgemeinen Vorschriften zum Vorteil nicht anwendbar sind. Der Schiedsrichter muss in diesem speziellen Fall das Spiel sofort unterbrechen, wenn der gefoulte Spieler bzw. der unmittelbar angespielte Mitspieler kein Tor erzielt. Diese Bedingung ist auch erfüllt, wenn der Ball vom Torwart oder Tor zur angreifenden Mannschaft zurückkommt.

Fazit

Regel 8:10 d ist – neben Regel 8:10c – von der IHF als Reaktion auf nicht regelgerechte Spielentwicklungen in den letzten Jahren zusätzlich in das Regelwerk aufgenommen worden.

Regeln 8:10d und 8:10c stellen regelsystematisch Sonderfälle dar, da sie nicht während der gesamten Spielzeit anwendbar sind. Und gerade weil sie nur die letzten 30 Sekunden eines Spiels betreffen und auch nicht jedes Wochenende vorkommen, muss man als Schiedsrichter regelsicher und vorbereitet sein.

Hätten auch Sie so entschieden?

Übrigens: BLAU 11 läuft durch den Torraum und trifft LA WEISS im unteren Beinbereich – bei einer wahrgenommenen Destabilisierung ist die Disqualifikation (DoB) richtig.