Sebastian Grobe hat inzwischen gelernt, mit dem Druck von Spielern, Trainern und Zuschauern umzugehen. (Foto: IMAGO/Philipp Szyza)
„Druck zieht sich wie ein roter Faden durch eine Schiedsrichterkarriere“
Jeder Schiedsrichter hat sein eigenes Schlüsselerlebnis
Wie es sich anfühlt, wenn der Druck auf dem Spielfeld einfach zu groß wird, weiß Sebastian Grobe aus eigener Erfahrung. Selbst heute noch, Jahre später, kann der Elitekader-Schiedsrichter die Szene haargenau beschreiben; die Bilder haben sich eingebrannt. Es ist jedoch keine Situation aus einem Spitzenspiel der LIQUI MOLY HBL, die Grobe heute „ein kleines Trauma“ nennt, sondern eine eigentlich klare Begebenheit aus einem Jugendspiel.
Grobe war damals gemeinsam mit seinem Gespannpartner Adrian Kinzel in Hannover angesetzt, in der Oberliga der weiblichen A-Jugend. „Es gab ein Foul aus dem Rückraum“, erinnert sich der 38-Jährige. „Die Spielerin hat geworfen, es gab noch einen Stoß, sie ist dann sehr schmerzhaft auf den Rücken geknallt.“
Eigentlich wäre die Entscheidung klar gewesen, doch Grobe/Kinzel taten ... nichts. „Wir waren nicht in der Lage, das Gesehene in eine Entscheidung umzusetzen“, beschreibt Grobe. „Die Eltern haben geschrien, der Trainer hat geschrien und die Spielerin selbst lag weinend am Boden. Es waren in dem Moment viele Emotionen im Spiel und wir sind unter diesen Erwartungen einfach erstarrt – auch, weil wir mehr mit der Frage beschäftigt waren, ob die Aktion vor oder nach dem Wurf stattgefunden hat.“
Anstatt eine Strafe auszusprechen, ließen die beiden Unparteiischen das Spiel also einfach weiterlaufen. „Das war falsch, denn alle haben in diesem Moment völlig zu Recht auf uns geschaut und wir wussten eigentlich auch, dass wir etwas tun müssen“, erinnert sich Grobe. „Wir haben es aber nicht geschafft. Der Druck hat uns in dem Moment kaputt gemacht. Wir waren wie eingeschnürt und wussten nicht weiter.“
Seitdem haben Grobe und Kinzel in über 350 Einsätzen für den Deutschen Handballbund eigentlich (fast) alles erlebt, doch diese Szene aus dem Jugendspiel in Hannover haben sie nicht vergessen. „Das war ein Schlüsselerlebnis“, betont Grobe. „Wir haben gelernt, uns von den Emotionen nicht überrollen zu lassen und immer Souveränität zu vermitteln – auch, wenn wir einmal nicht sofort wissen, was zu tun ist.“
Souveränität gewinnen
Gerade der Druck von Trainern und Spielern kann immens sein, weil er sich – anders als der Druck von Zuschauern – unmittelbar auf dem Spielfeld entlädt. „Gerade, wenn du dir selbst unsicher bist, ob deine Entscheidung richtig ist oder du auch mal nicht weißt, was du entscheiden sollst, ist es enorm schwierig, mit dem Druck der Mannschaften umzugehen“, weiß Grobe.
Seine Empfehlung für solche Szenen: Erst einmal mit dem Gespannpartner zusammenkommen und dann gemeinsam eine Entscheidung treffen. „Du hast als Schiedsrichter immer zwei Möglichkeiten, wenn du unsicher bist: Du kannst angewurzelt stehen bleiben und nichts tun – so wie wir in Hannover. Das ist schlecht, denn du bist nicht souverän und der Druck von den Mannschaften und der Halle wird dich erdrücken“, sagt Grobe. „Wenn ihr jedoch erst einmal ruhig zusammengeht, euch besprecht und dann die reflektierte Entscheidung trefft, wirkt das souverän – und der Druck prallt ab.“
Ob in der Bundesliga oder der Kreisklasse: Drucksituationen gehören als Schiedsrichter zum Job. „Druck zieht sich wie ein roter Faden durch eine Schiedsrichterkarriere“, sagt auch Grobe. „Das muss man akzeptieren. Wir hatten auch Phasen, in denen es schwerer war, aber man muss für sich Routinen finden, um damit umzugehen.“
Ein wichtiger Faktor, damit das gelingt: Vertrauen. Vertrauen in sich selbst und Vertrauen in den Partner. „Wenn du das hast, mag der Druck noch da sein, aber du zerbrichst nicht mehr daran“, beschreibt Grobe. „Wir wissen bei einigen Spielen natürlich im Vorfeld, dass es knallen wird; das spürt man ja. Aber wenn ich weiß, dass Adrian an meiner Seite ist, dass er voll da ist und wir das gemeinsam durchstehen, kann ich damit umgehen.“
Neben dem gegenseitigen „Urvertrauen“, wie Grobe es nennt, spielt natürlich auch die Erfahrung eine Rolle. „Adrian und ich waren früher viel verkrampfter, das hat Stress erzeugt“, erinnert sich Grobe. „Jeder Druck wird jedoch mit Erfahrung geringer – und mit jeder Drucksituation kannst du über die Jahre besser umgehen, weil man alles schon irgendwo gesehen und erlebt hat.“
Gerade am Anfang ist es auch der Druck der Zuschauer – beispielsweise durch Eltern bei Jugendspielen –, der es den oft noch sehr jungen Schiedsrichtern schwer macht. Auch auf Grobe/Kinzel machten die Fans früher Eindruck. „Heute nehmen wir die Lautstärke gar nicht mehr so wahr. Wir haben gelernt, die Zuschauer auszublenden; es zählt nur das Spielfeld“, sagt Grobe. „Und ganz wichtig: Man darf die Emotionen der Zuschauer nie persönlich nehmen.“
Dass man den (besseren) Umgang mit Druck lernen kann, davon ist Grobe überzeugt. „Es ist ein langer Weg und jeder Schiedsrichter wird auf diesem Weg viele Fehler machen. Jeder Schiedsrichter wird mit dem letzten Pfiff auch mal ein Spiel entscheiden. Daran darf man nicht zerbrechen, sondern man muss weitermachen, denn wer entscheidet, macht Fehler – das ist normal“, wirbt er. „Je mehr Routine man auf dem Feld hat, umso kleiner ist die Gefahr, an dem Druck zu zerbrechen – und umso größer die Chance, mit Freude bei der Sache zu sein.“
Drei Ratschläge zum Umgang mit Druck von Sebastian Grobe
1. Standards minimieren Fehler
Adrian und ich sagen es uns immer wieder: Standards minimieren Fehler – und dadurch minimieren Standards auch den Druck, den man sich selbst macht. Das Pfeifen, das ist wichtig, muss für euch so normal wie atmen werden. Wenn ihr soweit seid, reift eine Sicherheit in euch, die auch Adrian und ich entwickelt haben. Wir wissen: Wir haben alles schon einmal gesehen und können mit allem umgehen – und wenn uns doch einmal etwas überrascht, werden wir eine Lösung finden.
Dieses Urvertrauen, wie Adrian und ich das nennen, gibt uns das Gefühl, mit dem Druck umgehen zu können. Außerdem haben wir uns Rituale um das Spiel herum geschaffen – auch das gehört für uns zu den Standards. Daher kann ich nur raten: Macht immer das Gleiche, von dem ihr wisst, das es euch hilft. Zieht den rechten Schuh zuerst an, reinigt eure Pfeife vor dem Spiel oder nehmt die gelbe Karte, die euch seit eurem ersten Spiel begleitet. Was es ist, ist eigentlich egal – das wichtigste ist, dass ihr eure Routinen habt und euch Anker setzen könnt. Denn Standards minimieren Fehler – und damit die Gefahr, am Druck zu zerbrechen.
2. Holt die Spieler in euer Boot
Den Druck, den Spieler auf euch ausüben, könnt ihr durch eine gute Vorarbeit abmildern. Zeigt den Spielern, dass ihr eine gute Atmosphäre auf dem Feld haben und mit den Mannschaften gemeinsam durch das Spiel gehen wollt.
Wir sind schon zu einzelnen Spielern gegangen und haben sinngemäß gesagt: „Hey, das wird heute ein Knaller, das wissen wir beide und es wird auch nicht alles glatt laufen, aber es bringt nichts, wenn wir uns hier von Anfang an gegenseitig fertigmachen.“ Oder ein anderes Beispiel: Wir sind zu einem Spieler gegangen und haben ihm gesagt: „Krieg deinen Mannschaftskollegen mal in den Griff, sonst gibt es gleich ein Thema und das kann nicht in eurem Interesse sein.“
So spüren die Spieler, dass du sie ernst nimmst und auch ein gewisses Verständnis für ihre Emotionen hast, aber dir eben nicht auf der Nase herumtanzen lässt. Und gerätst du durch eine schwierige oder schräge Entscheidung doch unter Druck, kannst du von dieser Vorarbeit zehren.
Bist du vorher aber die ganze Zeit verkrampfst mitgelaufen, spüren alle, dass du keine Beziehung zum Spiel und den Mannschaften hast – und das entlädt sich in Stress. So entsteht leicht eine Negativspirale, die sich verhindern lässt.
Im Umgang mit den Mannschaften kommt es übrigens auf die Balance an – nur weil ein Spieler ständig laut ist und Druck auf dich ausübt, solltest du nicht mit ihm öfter reden.
Achte darauf, dass das Verhältnis ausgewogen ist.
3. Seht den Druck als Chance
Seht jede Drucksituation als Chance zur Weiterentwicklung. Das mag erst einmal abgehoben klingen, aber es ist wie mit dem eingangs beschriebenen Spiel in Hannover: In der Situation sind wir am Druck kaputt gegangen, aber wir haben daraus gelernt und sind durch diese Erfahrung besser geworden. Das hilft euch übrigens nicht nur auf dem Feld, sondern auch massiv in der Entwicklung eurer Persönlichkeit abseits des Handballs.
Und auch das ist wichtig: Macht euch klar, dass die Fehler auf dem Feld nicht euer Leben rauben. Wer entscheidet, macht Fehler – das ist bitter und ich schlafe nach einer Fehlentscheidung auch mal eine Nacht unruhiger, aber euer Leben geht weiter. Wenn ich nach einem Spiel nach Hause zu meiner Familie komme, ist das alles nur noch Nebensache.